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Verwaltete Kälte

Vor einem Jahr begannen in Würzburg die Flüchtlingsproteste, die sich nun auf die gesamte BRD und einige Länder Europas ausgeweitet haben. Weil sich zu Anfang der Protest auf Würzburg beschränkte, hatten die Flüchtlinge massiv Druck auf die Bayrische Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) ausgeübt. Sie sollte sich im Gespräch ihrer Asylpolitik verantworten. Nun reist sie durch Bayerns „Gemeinschaftsunterkünfte“ und schafft es dabei, nicht ein Wort mit Flüchtlingen auszutauschen. Gleichzeitig wird seitens der Exekutive ein härterer Kurs gegen die Demonstrierenden gefahren als zuvor – Zuckerbrot und Peitsche!
Am 14. März 2013 standen im Verwaltungsgericht Würzburg einige der Eilbeschlüsse in Sachen der Flüchtlingsproteste des letzten Jahres zur Verhandlung. Diese sollten nun als Klagen gegen die Stadt Würzburg verhandelt werden und so zu Präzedenzfällen werden, um die Proteste in Zukunft auch bundesweit juristisch abzusichern. Aber der Prozess wurde zur reinen Formsache, denn das Gericht entschied exakt wie vor einem Jahr. In eben den strittigen Punkten, in denen den Flüchtlingen bei der letzten Verhandlung erst vom höher stehenden Gerichtshof in München Recht zugesprochen wurde, gewann nun abermals in erster Instanz die Kommunalbürokratie. Es hätte auch allen Beteiligten die alten Eilbeschlüsse unter neuem Briefkopf zugesandt werden können; eine dreistündige Verhandlung wäre dazu nicht nötig gewesen. Die Grausamkeit einer solchen Farce zeigte sich an diesem Tag deutlicher, als sich im Akt von Widerstand die Verzweiflung offenbarte, die einerseits den Mut aufkommen lässt, wie sie ihn ebenso zu hemmen vermag. Denn es kann jederzeit derjenige Verwaltungsakt vollzogen werden, der den eigenen Tod ankündigt. In derselben Stadt wusste J., ein vom Krieg im Irak gezeichneter Flüchtling, sich nicht anders zu helfen, als sich auf Krücken vor den Dienstwagen der Bayrischen Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) zu stellen, um ihr den Weg aus der sogenannten Gemeinschaftsunterkunft (GU) zu versperren. Diese hatte sie besichtigt, um „sich über die Menschen zu informieren“, mit denen zu reden sie nicht für nötig befand. Für wenige Minuten hatten J. und weitere dreißig Flüchtlinge sie am Fortkommen aus dem mit Draht umzäunten Lager gehindert – um mit der Sozialministerin zu sprechen. Unmittelbar nachdem zwei Polizisten ihr freie Fahrt verschafft hatten, sagte ein Flüchtling gerade heraus, er habe Angst, dafür abgeschoben zu werden.
Haderthauer begnügte sich damit, die für den hochherrschaftlichen Besuch von einigen Flüchtlingen geputzten Lagerküchen zu besichtigen; ein Dienst, der vom Hausmeister deutsch-korrekt überprüft wurde, und für den die Flüchtlinge mit einem Euro die Stunde abgespeist wurden. Nun dürften Kücheneinrichtung und Sanierung sanitärer Anlagen deren geringstes Problem sein. Konfrontierte man Haderthauer damit öffentlich, so dürfte das ihr die Flüchtlingsfrage in „Küchenschränke, ja oder nein?“ aufzuheben, erschweren. Hinter verschlossenen Türen besprach sie aber solches mit dem Würzburger Bischof und den Agenten der Elendsverwaltung, mit der Caritas und der Provinzprominenz. Unterdessen harrten die Menschen, um die es geht, zwei Stunden bei Eiseskälte vor der Tür aus, und reichten unter sich einen Ausdruck aus dem Internet herum, der von dem Selbstmord Hamed Samiis berichtete, eines Leidensgenossen aus Hof. Hinter verschlossenen Türen war das nicht der Rede wert; sie spielte es runter mit den Worten: „Vieles kann der Grund für solche Verzweiflungstaten sein“. Diese bürokratische Verdrängung prägte die Veranstaltung von Beginn an, und so sorgte der Lagerpförtner auf Anweisung der ehemaligen Sozialministerin Barbara Stamm, dafür, dass Simone Tolle (MdL Grüne) ihr Plakat „Lager tötet!“ abgeben musste, bevor sie die GU betreten durfte. Weil Tolle das Separee nur in Begleitung eines Flüchtlings betreten wollte, hatte auch sie draußen vor der Tür zu warten.
Als die Pressekonferenz zu Ende war (auch die fand in geschlossener Gesellschaft statt), wurden, um der Ministerin den hastigen Einstieg ins Auto zu ermöglichen, die Elendsverwalter und deren illustre Kollegen vorgeschickt. Die Flüchtlinge würdigte sie nicht eines Blicks. So waltet sie seit jeher ihres Amtes, das darin besteht, mit kalter Ignoranz gegen „Armutsflüchtlinge“ und andere „Simulanten“ Wahlstimmen zu sammeln. Kein Wunder auch, dass die Würzburger Lokalmonopolpresse, die Mainpost (eigentlich: Mainpest), als sich der Flüchtlingsprotest noch auf die Stadt beschränkte, die Kommentarfunktion im Internet sperrte, wohl, weil ihr das Personal fehlte, die rassistischen Postings zu den einschlägigen Artikeln zu löschen.
Seit Beginn der Flüchtlingsproteste letztes Jahr wurde Haderthauer mehrmals aufgefordert, nach Würzburg zu kommen. Sie ließ sich fast ein Jahr Zeit, vermutlich, um unmissverständlich zu signalisieren, der „Staat sei nicht erpressbar und Politiker ließen sich nicht zu Gesprächen herbei zitieren“. Des Gespräches hatte sie sich auch an diesem Tag erfolgreich verweigert. Auch Simone Tolle habe sich nun nicht weiter zu beschweren, da sie nicht an den „Ort des Dialogs“ gekommen sei. Dort wird die Ministerin allerdings auch nicht mehr zu sagen gehabt haben als vor zwei Jahren gegenüber der Passauer Neuen Presse: „Wer mit den Leistungen in Deutschland nicht zufrieden ist, kann jeder Zeit zurück. Er bekommt dafür die größtmögliche Unterstützung seitens der bayrischen Staatsregierung“, inklusive wohl einer freundlichen, amtlichen Deportationshilfe für die, die nur noch auf Krücken laufen können, weil man ihnen die erforderliche medizinische Behandlung seit Jahren verweigert.
Warum wird diese Mischung aus Beschwichtigung und Einschüchterung überhaupt inszeniert? Die Solidarität lässt zu wünschen übrig und hat sich auch nach einem Jahr der Proteste nicht über vereinzelte linke Gruppen hinaus entwickelt. Aber auch von Links ließe sich mehr erwarten, gerade deshalb, weil die Flüchtlinge sich immer weniger als Objekte des Mitleids verstehen wollen, sondern versuchen, sich autonom zu organisieren, sich, wie sie sagen, „selbst zu ermächtigen“. Das ist die neue Qualität ihrer Proteste. Und gerade weil sie sich nicht verwalten lassen wollen, auch nicht von Vereinen, die gutgemeinte sogenannte „Flüchtlingsarbeit“ leisten, wäre doch zu hoffen und zu erwarten, dass sie gerade von denjenigen, die nicht zur Pseudo-Aktivität neigen, massiv unterstützt würden. Wovor haben Haderthauer und Konsorten eigentlich Angst? Seit Monaten reist sie jetzt durch die bayerischen Lager, forder mehr Geld für Sozialarbeit und bauliche Retuschen, und propagiert seit neustem Deutsch-Kurse für alle, auch für nichtgeduldete, oder gar anerkannte Flüchtlinge – letzteres ein wirkliches Interesse dieser! Eine Tour, die Eva Peterle, als Leiterin des Würzburger Lager-Cafés zugleich Protagonistin der Vereinshilfe und dezidierte Gegnerin der Selbstermächtigung „ihrer“ Flüchtlinge, damit zu kommentieren wusste, in der GU Würzburg lebe es sich doch im Vergleich mit anderen wie im „Hotel Adlon“. Aber weder die Abschaffung der Gemeinschaftsverwahrung und der Sachleistungen in Bayern, die Beschleunigung der Asylverfahren oder die Aufhebung der Residenzpflicht stehen zur Diskussion – denn es gilt ja, mit allen Mitteln dem „Willen zur Rückkehr“ nachzuhelfen, wie sie in geschlossener Gesellschaft sagte. Wer von Haderthauer vernimmt, die GU´s hätten sich gebessert, der sollte im Hinterkopf behalten, denn das muss damit wohl gemeint sein. Parallel zu den angekündigten „Verbesserungen“ kann man die zunehmende Verschärfung der polizeilichen Repression gegen die sich ausbreitenden Flüchtlingsproteste feststellen. Polizisten haben in Köln, Karlsruhe und Neumünster Flüchtlinge verprügelt, die vom Oranienplatz in Berlin mit einem Bus gestartet sind, um in ganz Deutschland zu ihren Leidensgenossen zu sprechen. In Wien wurde der Sprecher der Flüchtlinge, die die Votivkirche besetzen, inhaftiert. Abschiebebescheide werden vermehrt gegen protestierende Flüchtlinge ausgesprochen. In Deggendorf wurde die GU von Polizei umzingelt, und so erfolgreich ein Boykott der Essenspakete nach wenigen Stunden unterbunden. Solch ein symbolischer Hungerstreik war in Würzburg letztes Jahr der Auftakt; zwei Monate später stand das erste Protestzelt. Bis vor ein paar Wochen konnte man noch den Eindruck haben, dass die Politik darauf setzte, die Proteste würden von innen heraus erstarren. Aber der Winter ist bald vorbei, und die Zelte stehen noch, also sehen sich so einige Bürokraten und ihre Handlanger genötigt, wie es scheint, das Ihrige dazu zu tun, damit niemandem – den Flüchtlingen nicht, anderen Aktivisten und ihnen selbst wohl ebenso wenig – bewusst wird: die Forderung der Anerkennung aller „Non-Citizens“, wie sich einige Flüchtlinge selbst lieber bezeichnen, ist in letzter Konsequenz die nach der Abschaffung aller Staaten, samt ihrer verwalteten Kälte.
Die tragikomische Anekdote am Rande des besagten Abends in der GU Würzburg steht symbolisch für alle beteiligten Vollzeit-Charaktermasken, als einer der angerückten Polizisten mit den im Lager herum schwärmenden Kids Smaltalk machte und fragte: „Na, und gefällt´s dir in Deutschland?“
Bis kurz vor Redaktionsschluss ist keinem der Beteiligten mit Abschiebung gedroht worden.

Armin Moser

Erschienen in der April-Ausgabe der Graswurzelrevolution (378)

Info- und Solitour des ABC Belarus

Jetzt auch in deiner Nähe! Nicht.

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Am 16.04. in Nürnberg, am 17.04. in Ludwigsburg.
Oder man/frau kann’s praktischerweise mit dem Besuch der 2. Anarchistischen Buchmesse in Mannheim am 20.04. kombinieren.

Weitere Infos und Details HIER.

„Ein Volk, das keine Traditionen der Selbstorganisation hat, lässt sich leicht politisch manipulieren und wird sehr schnell reaktionär“

Interview mit einem moldawischen Anarchisten

Geführt von: Ndejra
Erschienen in GaiDao Nr. 25, Januar 2013

Ich schlage vor, dass Du dich vorstellst, Deine anarchistische Gruppe oder Organisation vertrittst und über Eure Tätigkeit erzählst, Ok?

Gut, ich heiße Sash Klim. Ich vertrete die Föderation der AnarchistInnen Moldawiens (FAM – Federatia Аnarhistilor din Moldova). Ich möchte sofort klar stellen, dass erst vor Kurzem zusammengekommen sind, vor etwa einem Jahr. Daher auch die Hauptrichtung unserer Arbeit: Aufklärung, Aufkleber, Flugblätter, Suche nach Gleichgesinnten.

Du sagst, Ihr fangt bei Null an. Hat der Anarchismus in der Region irgendeine Geschichte, auf die Ihr aufbauen könnt? Vor der UdSSR, oder danach vielleicht? Was war vor Eurer Gruppe?

Die Geschichte, die am Anfang des vorigen Jahrhunderts zu verorten wäre, ist genau so widersprüchlich, wie die Geschichte der Region selbst. Zwischen 1918 und 1945 wurde auf dem Territorium des modernen Moldawiens drei mal die Sowjetherrschaft etabliert, zwei mal wurde die Region von Rumänien beherrscht. In Bessarabien (modernes Moldawien) fing Grigory Kotowskij seine Tätigkeit an – eine sehr zwielichtige Person – der bereits auf seinem Posten als roter Marschall und KAP(b)-Mitgleid (Kommunistische Allunions-Partei / bolschewistisch) sich noch, einigen Quellen zufolge, als Anarchisten bezeichnete…
1939 als die Region Rumänien angehörte, gründete sich in Tatarbunary eine anarcho-kommunistische Gruppe unter der Führung von Ion Vetrila. Bis 1940 verlegte sie ihre Tätigkeit nach Bukarest. Die Gruppe war sehr aktiv im Untergrund. Im Januar 1941 – zur Zeit der Juden-Pogrome – teilte Ion Vertila die Gruppe in zwei Teile: der eine Teil, 9 Menschen mit Ion zusammen, besetzte ein Arsenal und ist nach dem lange dauernden Sturm durch 350 Legionäre gestorben. Die zweite Gruppe, etwa 40 Menschen, fiel in einem nächtlichen Gefecht, während sie jüdische Viertel gegen Pogrome verteidigte. Wir können keine andere Information über anarchistische Umtriebe in unserer Region in der Kriegszeit und danach finden…
Was die 90er Jahre angeht, so gibt es im Internet ein paar Artikel über die moldawischen Anarcho-SyndikalistInnen Igor Görgenröder und Tamara Burdenko. Diese Geschichte endete aber gar nicht schön mit einem Riesenskandal für die ganze postsowjetische Szene jener Zeit.

Meinst Du etwa jenen provokanten Versuch, eine „anarchistische“ Zeitung mit dem Geld der Berliner FAU zu gründen? Ich habe gelesen, dass Görgenröder und Burdenko Anfang der 90er von Faschos bedroht wurden und gezwungen waren, ins Ausland zu fliehen. Wie ist denn die moldawische Gesellschaft heute in sozialer, politischer Hinsicht?

Vermutlich hat da tatsächlich irgendwelches Geld eine Rolle gespielt…
In sozialer Hinsicht? Wer nicht zum Geldverdienen ins Ausland gegangen ist: Arme auf dem Land, städtische Arbeitslose, Alte und Kinder. Von der werktätigen Bevölkerung ist nur der nicht ausgewandert, der nichts konnte oder einfach faul ist.
Wer dagegen Arbeit hat, klammert sich an der Stelle so fest wie nur möglich. Mit dem Aufkommen der GastarbeiterInnen entstand in Moldawien eine merkwürdige „Kultur“: statt für die Wirtschaft nützliche Branchen zu entwickeln, blüht eine Belustigungsindustrie. Bars, Restaurants sind der einfachste und schnellste Weg, den nach Hause gekehrten GastarbeiterInnen und ihren Kindern Geld abzunehmen, die glauben, dieses Geld fällt ihnen vom Himmel in den Schoss… Wie gewonnen, so zerronnen. Es gibt viele StudentInnen, die von der Sowjetepoche übrig gebliebenen Hochschulen arbeiten noch…
In politischer Hinsicht ist die Situation nicht einfacher. Nachdem die Allianz für Europäische Integration (Alianta pentru Integrarea Europeana, AIE-2) an die Macht gekommen ist, erhalten rumänische NationalistInnen offizielle Unterstützung. Mit der finanziellen Unterstützung von der rumänischen Regierungsorganisation zur Hilfe für Rumänen im Ausland sind in der Republik Organisationen wie die Legionäre des Hl. Michael, Aktiuna 2012, die mit dem Einverständnis der Obrigkeiten die so genannten Wiedervereinigungsmärsche (Unirea) durchführen. Aktuell besteht die reale Gefahr nicht nur für die Unabhängigkeit Moldawiens als ein Staat, selbst die moldawische Identität droht heute, aggressiv vom verbrüderten Rumänien verschlungen zu werden. Die besagte Aktivität der rumänischen NationalistInnen hat andererseits beförderte die Aktivierung russischer chauvinistischer Organisationen. Die besagte Aktivität der rumänischen NationalistInnen hat andererseits die Aktivierung russischer chauvinistischer Organisationen befördert.
Als Resultat wurde einer der letzten Märsche der UnionistInnen von – lasst uns das mal als physischen Kontakt der Seiten bezeichnen – begleitet. Es gab keine Prügelei, aber eine Journalistin wurde durch einen Stein verletzt.
Wir unsererseits erklären Menschen, dass erstens – wenn es Menschen gibt, die sich „Moldawier“ nennen, es ihr Recht ist; zweitens – jene rumänischen NationalistInnen, die zu den Unirea-Märschen anreisen, nicht alle RumänInnen vertreten, und die Einstellung ihnen gegenüber nicht auf alle RumänInnen übertragen werden darf; dass – drittens – RussInnen sich nicht in die Fragen der Selbstidentifikation des moldawischen Volkes einmischen dürfen; viertens – alles, was die Eskalation der nationalen Frage fördert, nur dazu dient, die Bevölkerung von der sozialen Frage abzulenken…

Moldawien als junger Nationalstaat, scheint mir, ist dafür einfach prädestiniert – das Land ist multiethnisch und von allen Seiten von größeren Nationen „umzingelt“. Außerdem ist die Transnistrische Republik eine sehr merkwürdige Konstruktion… Meinst Du unter dem „russischen Einfluss“ Russland oder die russische Diaspora in Moldawien? Apropos, mir schien (aus meiner Perspektive), dass viele MoldawierInnen selbst aus rein ökonomischen Gründen z.B. an einer Vereinigung mit Rumänien, am Beitritt zu EU ziemlich interessiert wären. Du (oder die FAM) nicht?

Ausgerechnet die Multinationalität gewährt dem moldawischen Volk die Möglichkeit zu leben, ohne sich irgendwelchen Bündnissen anzuschließen. Natürlich, weder der vergangene Konflikt in Transnistrien einerseits, noch der Mangel an Geduld in der Obrigkeit andererseits hilft der normalen Regulierung des transnistrischen Konflikts oder dem Frieden in der Region… Zu meinem größten Bedauern, können solche Konflikte wie in Transnistrien über Nacht entstehen, aber zu ihrer Beilegung braucht mensch viel Zeit und Geduld.
Unter der russischen Einmischung meinte ich tatsächlich die russischsprachige Bevölkerung der Republik. Es ist doch wenigstens absurd, wenn die russischsprachige Bevölkerung mitbestimmt, welche Sprache die Moldwier sprechen sollen – die moldawische oder die rumänische…
Die pro-europäische Strömung in der Republik hat zwei Vektoren: erstens – als selbständiger Staat in die EU eingehen, und zweitens – die Vereinigung mit Rumänien, das bereits in der EU ist.
Die erste Variante wurde aktiv von der vorherigen kommunistischen Regierung des Landes unterstützt, aber was ist eigentlich die EU heute? M.E. ist sie ein Klon der UdSSR: mensch sieht deutlich die strikte Zentralisation; bemerkbar ist eine Aufteilung der Nationen innerhalb der EU in Nationen, die die EU gründeten, und welche, die sich ihr später anschlossen (in der Sowjetunion waren das der „große Bruder“ und die „Schwester-Republiken“). Ich gebe zu, nach dem Zerfall der Sowjetunion entstand in Moldawien keine sogenannte lokale (nationale) politische Elite. Menschen, die den Unabhängigkeitsakt der Republik Moldawien unterschrieben haben, hatten keine Ahnung wohin mit der Freiheit, die ihnen in den Schoss fiel. Das einfachste, was sie sich vorstellen konnten, war die Bürde der Verantwortung für die Freiheit auf jemand anderes zu übertragen. Russland war dafür schlecht geeignet – es war nicht klar, was für eine Vereinigung noch nach der noch frischen „Scheidung“… Also war Europa für die Rolle eines neuen Verantwortlichen für die moldawische Unabhängigkeit auserkoren. Zudem erhöhten ähnliche Beitritte zur EU einerseits die Europas politische Selbstachtung, andererseits war das eine Möglichkeit, Russland einen schmerzhaften Tritt zu verpassen. Auf diese Weise sind der EU die baltischen Staaten beigetreten…
Die zweite Variante nimmt dank der aktuellen Regierung immer mehr Gestalt an. Und das entspricht der Stimmung im Volk keineswegs: die ökonomischen Vorteile der Vereinigung mit Rumänien sind sehr zweifelhaft. Ist nicht etwa Rumänien das ärmste Land in der EU?
Wir haben allgemein über Politikaspekte in der Region gesprochen, jetzt erzähle ich, was wir in der FAM darüber denken. Zur Zeit kann weder der Beitritt zur EU, noch zur Zoll-Union die Probleme lösen, die in der Gesellschaft existieren. In Europa wie in Russland gibt es dieselben sozialen Probleme, die Gesellschaft ist in Reiche und Arme gespalten. Zudem geht die Entwicklung denselben Weg: die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer. Unsere Arbeit betrifft gar nicht die Außenpolitik Moldawiens. Wir wollen, dass das moldawische Volk die Möglichkeit hat, sich selbständig zu entwickeln, ohne sich in den Fragen der eigenen Entwicklung an den Staaten und Zusammenschlüssen zu orientieren, die imperialistische Politik verfolgen. Das betrifft sowohl die USA, als auch die EU und Russland).
Ich möchte das soziale Bild vervollständigen. Es wird nicht komplett, wenn mensch die große Anzahl der teuren Autos auf den Straßen von Kischinau nicht erwähnt. Anders gesagt, die weltweite Tendenz – die Reichen werden reicher, die Armen noch ärmer, ist hier vielleicht bemerkbarer als woanders. Bei der Bevölkerungsgröße von 3 Mio. ist jedeR vierte RentnerIn. Die durchschnittliche Lebenshaltekosten liegen bei 1455 Leu (88 Euro), davon wird nur die Hälfte nicht besteuert. Der Durchschnittslohn beträgt 3500 (210 Euro), Durchschnittsrente 900 Leu (55 Euro), auf dem Land 500 (30 Euro). 30% der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. 50% bekommt einen Lohn unter dem Mindestlohn.

Entsteht vor diesem Hintergrund irgendwelche soziale Aktivität, die womöglich wie in Griechenland gezwungenermaßen in Richtung Selbstorganisierung und gegenseitige Hilfe geht, wobei AnarchistInnen mit Tat oder Wort helfen könnten?

Das Land ist zu spezifisch: Moldawien ist ein agrarisches Land, die Bevölkerung reagiert sehr indifferent auf soziale Reize. Trotz dem, dass Moldawien in der Sowjetzeit als Heimat des Stillstands galt und im Land heute immer noch Traditionen der Vetternwirtschaft stark sind, wenn die Leute vor der Notwendigkeit stehen, soziale Probleme zu lösen, wählen sie lieber einfachere Lösungen – statt Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe gehen sie ins Ausland…Deswegen wird zum Teile jede soziale Aktivität sehr schnell politisch gefärbt.
Manche meiner GenossInnen sehen Elemente der Selbstorganisierung in Vereinen, die historische Gebäude schützen und der wilden Bebauung in der Hauptstadt widerstehen. Jedenfalls sieht mensch solch massenhafte und vehemente Aktivität bei uns nicht. Aber wir suchen, suchen nach Menschen, nach Möglichkeiten, machen Aufklärungsarbeit…

Könntest Du vielleicht die Geschehnisse im April 2009 skizzieren? So weit ich mich erinnere, wedelte mensch bei den Unruhen mit europäischen Fahnen… Das waren angeblich Proteste gegen manipulierte Wahlergebnisse, obwohl die OECD die Wahlen als „weitgehend frei“ bewertete. Also, was war das eigentlich?

Was die Unruhen am 7. April 2009 angeht, wie sehr wir darin Elemente der Selbstorganisierung und Protest von unten sehen wollten, so war das nicht. Nach der offiziellen Version der kommunistischen Partei (PKRM), die damals an der Macht war, war das ein versuchter Staatsstreich. Offizielle Version der jetzigen Regierung – der damaligen „Revolutionären“ – ist die Unzufriedenheit mit dem Ausgang der Wahlen. Das alles überlassen wir dem Gewissen der Leute, die so was behaupten und werten die Geschehnisse selbst als Machtübergabe von KommunistInnen zu Liberalen. Zudem vom Standpunkt der modernen europäischen Demokratietradition her passt die „moldawische Variante“ in diese Tradition perfekt: umstritten blieb eine einzige Stimme im Parlament, alle politischen Akteure blieben auf ihren Plätzen und die Unruhen haben nie die Regierungsvierteln verlassen. Was europäische Fahnen betrifft, so hängen sie in der Hauptstadt an fast allen Verwaltungsgebäuden.
Unsere Schlüsse aus den Geschehenissen am 7. April sind traurig. Ein Volk größtenteils, das keine Traditionen der Selbstorganisation hat, lässt sich leicht politisch manipulieren und wird sehr schnell reaktionär. Das trifft nicht nur für die Länder der ehemaligen Sowjetunion zu, sondern auch für den Rest der Welt. Ich meine den so genannten „arabischen Frühling“.

Gibt es Beziehungen, Zusammenarbeit in der Region? Mit rumänischen, ukrainischen AnarchistInen oder Linken? Vielleicht mit größeren oder internationalen Organisationen?

Hier arbeiten wir eng mit MarxistInnen zusammen, unterhalten Kontakte zu IASR (Initiativa Anarho-Sindicalista din Romania). Auf individuellen Ebene gibt es Kontakte zu ukrainischen und russischen GenossInnen, die Position der KRAS-IAA ist uns nah. Was die internationalen Organisationen angeht, so besteht da so ein psychologisches Problem: wir glauben, dass sich internationalen Organisationen anzuschließen nur Sinn macht, wenn du ihnen was geben kannst, etwas mit ihnen teilen kannst… Wir wollen nicht Mitglied in irgendeiner Organisation werden, nur um mit der Mitgliedschaft anzugeben. Wir sind sehr selbstkritisch und können momentan nichts der internationalen Bewegung geben. Zur Zeit nehmen wir nur noch: Erfahrungen, Bücher, Flugblätter, und verfolgen theoretische Diskussionen.

Vielen Dank fürs Gespräch!

E-mail: info@anarchy.md

Homepage: http://www.anarchy.md/

Neues Leben für Prjamuchino, das ehemalige Adelsnest der Familie Bakunin

[Anm. d. Ü.: Dieser Text entstand aus den Gesprächen mit einem der Organisatoren der Prjamuchiner Lesungen, Svjatoslaw Sidorow mit Hilfe von Sergej Kornilow und Pjotr Rjabow, die per E-Mail geführt und anschließend aus dem Russischen übersetzt wurden. Die aus der Gesprächsatmosphäre resultierende, etwas wirre Gesamtstruktur des Textes wurde um der Authentizität willen beibehalten, nicht wirklich relevante Details dafür weggekürzt. Die häufig vorkommenden Vaternamen spiegeln spiegeln altersbezogene Hierarchien und patriarchale Muster der russischen Gesellschaft wider.]

Dass Anarchist*innen und Forscher*innen anfingen, sich unmittelbar für das Prjamuchino-Anwesen zu interessieren, verdanken wir Natalia Michajlowna Pirumowa (1923 – 1997), einer bedeutenden Forscherin auf dem Gebiet des Anarchismus und sozialer Bewegungen und eines wunderbaren Menschen. (1970 in der Bücherreihe „Das Leben berühmter Menschen“ erschien ihr Buch über Bakunin und 1972 ihr Buch über Kropotkin. 1989 fand in Prjamuchino eine von ihr organisierte Konferenz statt, die dem 175. Jubiläum Bakunins gewidmet war.)

Auf Einladung der „Ekasoga“-Stiftung hin, die sich anschickte das Anwesen zu renovieren, kam 1990 eine „Arbeitskolonne“ von Anarchist*innen nach Prjamuchino. Später löste sich die „Ekasoga“-Stiftung jedoch auf, nachdem sie ein paar Ausstellungen organisiert und nichts renoviert hatte.

1994 fand in Kuwschinowo (Zentrum des Kuwschinowo-Bezirks in Gebiet Tver‘) und Prjamuchino (liegt im Kuwschinowo-Bezirk) eine weitere Konferenz statt, die dem 180. Jubiläum Bakunins gewidmet war. 1995 gründeten Pjotr Rjabow, Michail Tsowma und Nikolaj Murawin (der ein Jahr später auf eine tragische Weise starb) die erste Prjamuchiner Freiheitliche Genossenschaft. Die Renovierung des Anwesens und des Parks wurde zum Ziel der Genossenschaft.

Ein Unternehmer aus Tver‘, der Geschichtswissenschaftler und Forscher lokaler Geschichte W. I. Sysojew, überließ der Genossenschaft sein Haus im Dorf Lopatino, und ein Nachkomme der Bakunins G. N. Zirg spendete der Genossenschaft etwas Geld.
Bis 2002 (außer 1997 und 1998) kam die Genossenschaft jährlich auf diese Weise zusammen. Aus verschiedensten Ecken stießen Anarchist*innen Russlands zur Genossenschaft dazu. Sie arbeiteten manchmal in mehreren Schüben: befreiten den Park vom Gebüsch, entfernten Müll in den Häusern, um dort Baumaterialien zu lagern, und reinigten den oberen der drei Teiche. Freie Zeit wurde dem Kulturprogramm gewidmet: die Leute veranstalteten viele Vorträge, gaben eine handgeschriebene Zeitung heraus – „Die Prjamuchiner Harmonie“ […]

In derselben Zeit – 1998/99 – wurde die Bakunin-Stiftung gegründet. Die Vorgeschichte ihrer Gründung ist folgende: als 1998 Russlands Währung zusammenbrach, verlor Sergej Gawrilowitsch Kornilow seinen Job als Journalist. In der Krise konnte er keinen Job mehr finden (er war damals 58) und dachte sich, er müsste sich ein Haus auf dem Land kaufen, solange er noch Geld hatte – entweder dort, wo sein Vater geboren wurde, oder dort, wo er starb. Sein Vater wurde in Lopatino geboren, und Kornilow kaufte sich ein Haus nicht weit entfernt– in Prjamuchino. Er wusste, dass Prjamuchino ehemals ein Anwesen der Familie Bakunin war. Also hat er sich dort 1999 niedergelassen und begonnen, sich für die heute lebenden Nachkommen der Bakunins zu interessieren. So lernte er Irina Aleksejewna Bakunia-Pljassowa und Zirg kennen.

Zusammen wollten sie eine Stiftung gründen, die sich um die Renovierung des Anwesens und die Organisation eines Museums vor Ort kümmern würde. (Die Stiftung war nicht gedacht als anarchistische Organisation und war nie anarchistisch). Als sie versuchten, andere Menschen dafür zu begeistern, haben sie den Duma-Abgeordneten S. N. Jushenkow und Sysojew kennengelernt.

1999 wurde die Stiftung eingetragen. Ursprünglich war gedacht, daraus eine Wohlfahrtsorganisation zu machen, es stellte sich jedoch heraus, dass sich nach der Gesetzeslage keine staatlichen Strukturen beteiligen durften (die Gründer*innen der Stiftung wollten die Verwaltung des Kuwschinowo-Bezirks und die Prjamuchiner Schule einbeziehen). Also mussten sie die Statuten ändern und die Stiftung als eine nicht-kommerzielle Organisation registrieren lassen.

Mit den Mitteln der Stiftung wurde die Kolonnade im südlichen Flügel des Anwesens renoviert und das Dach neu mit Blech gedeckt. Aber die Hauptsache – 2003 konnte mensch durch die Stiftung in Prjamuchino, im Gebäude der Schule, das städtische Museum der Familie Bakunin einrichten. In ihm gibt es ein paar Zimmer mit einer professionell eingerichteten Ausstellung, die über das Anwesen und die Familie Bakunin erzählt. Außerdem, finden dort zeitlich begrenzte Ausstellungen statt, außerdem gibt es eine Möglichkeit, Musikabende zu veranstalten.

Trotzdem wurde ziemlich schnell klar, dass die Stiftung nicht genügend Geld für die vollständige Renovierung des Anwesens hat und es auch in nächster Zukunft nicht haben wird. Um trotzdem sinnvolle Arbeit zu leisten, wurde 2001 die Entscheidung getroffen, die Organisation jener Prjamuchino-Konferenzen wieder aufzunehmen, die von N. M. Pirumowa organisiert wurden. So entstanden die Prjamuchiner Lesungen.

Die ersten Prjamuchino-Lesungen fanden vom 30. Juni bis 1. Juli 2001 statt. (Seitdem werden sie immer an zwei Tagen organisiert: Samstag und Sonntag am Ende Juni und Anfang Juli). Sie waren nicht als eine anarchistische Konferenz konzipiert: Ihr Ziel war es, die Geschichte der Familie und des Anwesens Bakunin zu erforschen, und sich mit den Fragen dessen Renovierung zu befassen. Bereits an den ersten Lesungen haben Anarchist*innen teilgenommen, die parallel in der Freiheitlichen Genossenschaft arbeiteten. Die Konferenz räumte Michail Alexandrowitsch Bakunin viel Zeit ein und Pjotr Rjabow hielt einen Vortrag zum Thema „Die Historiosophie Michail Bakunins“.

In den nächsten Jahren tendierten die Themen der Lesungen immer mehr zur Erforschung des Ideen-Nachlasses und des Lebenswerks Bakunins, später auch zur Erforschung der Geschichte und Philosophie des Anarchismus überhaupt. (Stenogramme aller Lesungen von 2001 bis 2011 kann mensch lesen oder runterladen von unserer Seite: http://bakunin-fund.hut2.ru/reader.utf.html). 2005 tauchte das Wort „Anarchie“ bereits im Thema der Konferenz: „Anarchie, Staat und Revolution. Anarchie und Terror“ auf. Auf den Lesungen hielt mensch Vorträge nicht nur über Bakunin, sondern auch über Ideen und Lebenswerk von Kropotkin, Borowoj, Herzen, Proudhon, Turgenjew, Masarik, Osorgin, Karelin, Atabekjan, Figner (1), Foucault, A. N. Andrejew und Gandewskaja (2), außerdem noch über Natalia Pirumowa, Igor Podshiwalow (3), russische anarchistische Dichter, spanische und französische Anarchist*innen usw. In den Jahren der Lesungen wurden zudem viele Vorträge über verschiedenste Themen gehalten, die vom Anarchismus oder der Geschichte der hiesigen oder ausländischen sozialen Bewegungen handelten.

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Seit 2007 widmen sich die Lesungen fast vollständig der Geschichte und Philosophie des Anarchismus und den Diskussionen über den Zustand der modernen anarchistischen Bewegung und ihrer Perspektiven. Die Lesungen haben einige Besonderheiten. Erstens, seit 2001 werden die Sitzungen auf Diktaphon aufgenommen, zudem nicht nur die Vorträge, sondern auch die anschließenden Diskussionen, die dann veröffentlicht werden. Wenn die Zeit es zulässt, werden zweitens dennoch auch interessante Vorträge über beliebige Themen jenseits des vorgegebenen Themas gehört. Drittens werden seit 2007 Anhänge veröffentlicht, die für Lesungen vorbereitete, aber nicht vorgestellte Vorträge oder andere Materialien beeinhalten.

So wurden 2007 Erinnerungen an N. M. Pirumowa und Igor Podschiwalow, einige hervorragende Zeitungsartikel von Igor und Texte über Sofia Kropotkina und die Gründung der Konföderation der Anarcho-Syndikalisten (KAS) veröffentlicht. 2008 waren das Materialien über Bakunin, Kropotkin, Moskauer Anarchist*innen in 1920-30er Jahren, Erinnerungen an zu früh verstorbenen Michail Maljutin, der an den Lesungen 2008 teilnahm … Der Anhang von 2009 war den am 19. Januar 2009 in Moskau ermordeten Stanislaw Makrelow und Anastasia Baburina gewidmet, die sich auch selber an Lesungen beteiligte. (Außerdem beteiligte sich Stanislaw an der Freiheitlichen Genossenschaft). Es wurden einige Zeitungsartikel und Einiges aus dem Blog von Anastasia veröffentlicht.

2010 wurden Texte über Bakunin, Kropotkin und Dmitrower Kooperativenvereinigung, das Theaterstück „The Coast of Utopia“ von Tom Stoppard und die russischsprachige Filmographie des Anarchismus in den Anhang aufgenommen. In der Publikation von 2011 erschien ein Text über Tver‘er Anarchist*innen zwischen den Revolutionen 1905 und 1917.

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Während 2000er Jahre wurde der Kreis der Teilnehmer*innen der Lesungen immer breiter. Seit 2002 fährt aus Moskau ein Bus mit Hörer*innen und Vortragenden. Viele fahren selbst hin. In den 12 Jahren der Lesungen wurden diese nicht nur von russischen Geschichtswissenschaftler*innen, Philosoph*innen, Philolog*innen und Anarchist*innen besucht, sondern auch von ausländischen Gästen (aus Wrotzlaw, Krakau, Baden-Baden, Paris, Sao Paolo). […]

2011 widmeten sich die Lesungen einer differenzierten kritischen Betrachtung der anarchistischen Ideen und des aktuellen Zustands der anarchistischen Bewegung. Es wurden folgende Fragen gestellt: was hindert anarchistische Ideen daran, von vielen Menschen in modernen Gesellschaften aufgenommen zu werden? Wie gut ließe sich Theorie und Praxis, die in der Zeit von Proudhon, Bakunin und Kropotkin (des sog. „klassischen Anarchismus“) entwickelt wurde, im Heute anwenden? Was sind die Ziele des Anarchismus? Hat die anarchistische Bewegung so was wie einen „Punkt der Ankunft“, ein Ideal vom „Endzustand“?

Am Runden Tisch 2012 wurde vorgeschlagen, diese Diskussion wieder aufzunehmen und darüber zu reden, wie die anarchistische Bewegung aus dem bedauerlichen Zustand, in dem sie sich derzeit befindet, herauskommen könnte, und darüber, was Anarchist*innen erfolgreich getan haben und immer noch in verschiedensten Sphären der Öffentlichkeit tun: in der Arbeiter*innenbewegung und der Organisation der Produktion, in der Kunst und Kultur, im Umweltschutz, im Aufbau von selbstverwalteten Communities. Aber die Diskussion am Runden Tisch führte die kritische Linie der letzten Jahr weiter: im Grunde genommen wurden eher neue spannende Fragen gestellt, statt vorgefertigte Antworten präsentiert. Vorträge handelten von „Erinnerungsorten der Anarchist*innen“ nach der Theorie der „Erinnerungsorte“ von Pierre Nora, vom Problem des Elitismus im Anarchismus, vom Problem der Technik und von der Anarchisierung der Gesellschaft unter Bedingungen der hochtechnisierten Zivilisation. Wie immer, ist eine Veröffentlichung der Beitragssammlung der diesjährigen Konferenz geplant (eher 2013).

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Auf diese Weise sind Prjamuchino-Lesungen ein Ort, wo sich Anarchist*innen und diejenigen, die sich mit der Erforschung der anarchistischen Geschichte und Philosophie beschäftigen, begegnen. Bei den Lesungen versuchen wir, wissenschaftliche Vorträge mit informellen, nicht-wissenschaftlichen Auftritten und Diskussionen über die Anarchismus-Forschung oder die lebendige Bewegung zu kombinieren. Außerdem, obwohl Vorträge über die Geschichte der Familie und das Anwesen Bakunins auf unseren Lesungen fast vollständig verschwunden sind, betonen wir immer, dass wir diese Thematik nicht aufgegeben haben.

Die Prjamuchino-Lesungen sind (zumindest heute) keine Veranstaltungen, die alle russischen Anarchist*innen vereinigen. Jemand fährt im Sommer in Ökocamps, jemand denkt vielleicht, dass es nicht so wichtig ist, Theorie und Geschichte der Bewegung zu studieren, für jemand ist es einfach ein zu langer Weg (aus Sibirien z. B.), jemand kommt wegen angespannter Beziehungen zwischen einzelnen Aktivist*innen und Bewegung nicht. Aber um Prjamuchino herum entstand ein festes Kollektiv aus ein paar Dutzend Anarchist*innen und Forscher*innen, das mit jedem Jahr wächst. Die Beitragssammlungen der Konferenz erscheinen auf Papier in Auflagen von 100 – 150 Stück, in den letzten Jahren wurden etwa 200 an befreundete Buchhandlungen, Bibliotheken und wissenschaftliche Zentren im Ausland verschickt. […]

Die Lesungen werden von einem kleinen „Orgakomitee“ (es ist auch das Redaktionskollektiv bei der Herausgabe der Textsammlungen), dessen Mitglieder Sergej Kornilow, seine Frau Alla Michajlowna und Tochter Warwara, Pjort Rjabow, ich und mein Vater Igor Sidorow, sind. Je nach Bedarf beteiligen sich am Orgakomitee auch andere konstante Vortragenden und Hörer_innen. Die Konferenz wird aus privaten Mitteln des Orgakomitees und Spenden der Teilnehmenden und vom Geld, das durch den Verkauf der Textsammlungen eingenommen wird, finanziert. Manchmal gelingt es, einige informelle Sponsoren zu finden (die Textsammlungen 2001/2003 waren etwa dank der finanziellen Unterstützung von Tom Stoppard möglich, der Anfang 2000 Prjamuchino besuchte).

Kehren wir nun 10 Jahre zurück, um die Geschichte der Bakunin-Stiftung, der Prjamuchiner Freiheitlichen Genossenschaft und des Anwesens selbst zu verfolgen. Das Jahr 2003 bedeutete eine Zäsur für die Stiftung: Im April wurde in Moskau ein Mitglied der Stiftung, S. N. Jushenkow ermordet. Nach der Eröffnung des Bakunin-Museums verschärften sich Widersprüche in der Stiftung. Also fing Sergej Kornilow an, sich mit den Lesungen zu beschäftigen, und Wladimir Sysojew – mit der Erforschung und Popularisierung der Familie Bakunin und ihrer einzelnen Vertreter*innen. Außerdem fingen vor einigen Jahren Zirg und Sysojew an, die sog. „Bakunin-Feste“ an Michail Bakunins Geburtstag zu veranstalten. Leider haben diese Feste keinen kulturellen oder bildungsrelevanten Inhalt.

Ungefähr ab der Mitte der 2000er hat die Bakunin-Stiftung aufgehört zu existieren. Am 3. Januar 2010 starb Wladimir Sysojew. In diesem Jahr eröffnete die Lesung mit einer Erinnerung an ihn. Es ist nötig, an die kolossale Arbeit zu erinnern, die er als Historiker für die Bekanntheit der Familie Bakunin und den mit ihr verwandten Familien getan hat. Er ist der Autor der fundamentalen Monographie „Bakunins“, von Büchern wie „Der Gebietsbürgermeister von Tver‘, Alexandr Pawlowitsch Bakunin“, „Tatjana Alexejewna Bakunina-Osorgina“, „Des Dichters erste Liebe. Jekaterina Pawlowna Bakunina“, „Poltoratskij. Eine kurze Familengeschichte“, „Anna Kern. Ein Leben für die Liebe“ und Artikeln über Bakunins, Poltoratskijs und anderen adeligen Familien des Tver‘er Gebiets. Obwohl die Bakunin-Stiftung aufgehört hat zu existieren, nutzen wir immer noch diesen Namen für unsere Seite (http://bakunin-fund.hut2.ru/) und unseren Blog (http://bakunin-fund.livejournal.com/).

Was die Freiheitliche Genossenschaft angeht, so versammelte sie sich 2003 zum letzten Mal vor einer langen Pause. Sie war auch die kleinste (6 Menschen) und wurde von neu dazu gekommenen Menschen organisiert. Von 2004 bis 2009 habe ich die Genossenschaft fast immer repräsentiert, indem ich für eine oder zwei Wochen Sergej Gawrilowitsch (Kornilow) besucht habe, um im Park zu arbeiten. Versuche, kollektive Arbeiten zu organisieren, scheiterten.

2010/2011 wurde nicht einmal versucht, die Genossenschaft zu organisieren. 2012 wurde sie wieder belebt. Für zwei Wochen gelang es, insgesamt 12 Menschen zusammenzutrommeln (eingeladen wurden nicht nur Anarchist*innen, sondern auch Freund*innen der Organisator*innen und wohlgesinnte Menschen). Wir schafften einige gute Sachen im Park zu vollbringen. Hoffen wir, dass ab diesem Jahr die Genossenschaft größer und stärker wird!

Die Prjamuchiner Lesungen haben in der anarchistischen Bewegung tatsächlich keinen wichtigen, dafür aber ihren eigenen und ziemlich konkreten Platz: Faktisch sind die Prjamuchiner Lesungen beinahe die einzige Plattform nicht nur in Russland, sondern in der ganzen GUS (4), wo regelmäßig und mit der Herausgabe von Textsammlungen Geschichte und Philosophie des Anarchismus, aber auch der moderne Anarchismus erforscht werden. Außerdem reichen die Lesungen über die Grenzen des Anarchismus hinaus und verbinden ihn mit Kultur und anderen sozialen Bewegungen und Phänomenen. Bei dem ersten Lesungen hat mensch mehrere Themen angegangen, die mit dem Anarchismus direkt zu tun hatten.

Was den konkreten Nutzen der Lesungen angeht, so besteht er erstens im Austausch und Kennenlernen von Anarchist*innen und Anarchismus-Forscher*innen auf der Konferenz; zweitens im Arbeiten von Anarchist*innen und Forscher*innen mit unseren Textsammlungen (das Interesse besteht in verschiedensten Städten Russlands und im Ausland); drittens im Diskutieren und Unterstützen von diversen libertären und Anarchismus-nahen Projekten (in diesem Jahr wurden Unterschriften gesammelt für die Eröffnung eines Kropotkin-Museums in Dmitrow und fürs Anbringen einer Gedächtnistafel am Todesort von Stanislaw Makrelow und Anastassija Baburowa in Moskau). Zudem werden bevorstehende libertäre Veranstaltungen angekündigt (so z. B. die Prjamuchiner Freiheitliche Genossenschaft, oder ich habe dieses Jahr die Übersetzung von George Woodcocks Buch „Anarchism: A History of Libertarian Ideas and Movements“ angekündigt), und es werden Bücher vorgestellt, die etwas mit Anarchismus zu tun haben und seit der letzten Konferenz erschienen sind. Auf den Lesungen werden jedoch keine Entscheidungen über die einen oder die anderen Aktionen, über Gründung irgendwelcher Organisationen getroffen, in diesem Sinne ist die gesellschaftliche Resonanz der Lesungen minimal. Die Lesungen werden von einzelnen Journalist*innen besucht, hauptsächlich aus dem anarchistischen Milieu, manchmal tauchen in der Anarcho-Presse und in Blogs Meldungen über unsere Konferenz auf. Aber das Sammeln von Unterschriften und die Herausgabe von Textsammlungen ist schon etwas, zudem gibt es mittlerweile ein beträchtliches Publikum, das von unseren Lesungen weiß.

Die einheimische Bevölkerung interessiert sich kaum für die Lesungen. Manchmal besuchen uns Gärtner*innen aus Moskau, die mit Kornilow befreundet sind. Sie sind den Lesungen und der Genossenschaft wohlgesinnt. Die Einheimischen trinken leider zu viel, wer noch etwas vom Leben haben wollte, sucht ihr/sein Glück in größeren Städten.

Die Konferenz 2014, die dem 200-jährigen Jubiläum Bakunins gewidmet sein wird, stellen wir uns heute so vor: Am Freitag (die Daten stehen noch nicht fest) wollen wir eine Sitzung abhalten (wenn wir Glück haben, dann im mit uns befreundeten Herzen-Museum, aber ist noch geschlossen), am Samstag und Sonntag – die eigentliche Konferenz in Prjamuchino. Wir planen, die führenden Bakunin-Forscher*innen aus Russland und aus dem Ausland einzuladen. Außerdem planen wir noch Übersetzungen während der Sitzungen und das Übersetzten von Texten von ausländischen Kolleg*innen, damit sie in der Beitragssammlung erscheinen können. Wir werden mit den ausländischen Bakunin-Forscher*innen den Termin aushandeln, sodass er sich nicht mit ihren Veranstaltungen überschneidet (so will unseres Wissens z. B. Antoni Kaminsky eine große Konferenz in Polen veranstalten, die dem 200-jährigen Jubiläum von Bakunin gewidmet ist).

Übersetzt von Ndejra
Erschienen in der November-Ausgabe der GaiDao.

Anmerkungen:
1) Es handelt sich um eine Reihe von Menschen, die in anarchistischen, sozial-revolutionären oder künstlerischen Kreisen tätig waren und somit von Bedeutung für die libertäre Tradition Russlands sind
2) Andrej Andrejew und Zora Gandelewskaja sind ebenfalls Anarchisten aus den Zeiten der Oktoberrevolution und des Bürgerkrieges
3) 1962-2006, Journalist und Anarchist, Befürworter des sog. „sibirischen Lokalismus“
4) Gemeinschaft unabhängiger Staaten, Nachfolgerstaaten der Sowjetunion

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