BiKri: ass-as-sin, u kill relentlessly http://bildungdiskutieren.blogsport.de Sun, 15 Mar 2015 03:57:35 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Kleiner Abgesang http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/10/04/kleiner-abgesang/ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/10/04/kleiner-abgesang/#comments Fri, 04 Oct 2013 10:00:00 +0000 bildungdiskutieren Allgemein http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/10/04/kleiner-abgesang/ Eines lauen Herbsttages, ich erinnere mich noch daran als wäre es vorgestern gewesen, habe ich die Freundinnen und Freunde des Würzburger Bildungsstreikensembles kennengelernt. In einer dieser Universitäten, die mich bis dato immer mit Ehrfurcht vor der geistigen Tätigkeit erfüllten, lernte ich die anfänglichen Genossen und späteren Kneipenbrüder, die mir die Stupidität der heutigen Studenten vor Augen führten, kennen. Ich wurde regelrecht dazu überredet mich in die Lehranstalt des Grauens zu begeben und einer anhaltenden Protestwelle, die zur Besetzung eines jeden Audimax in jedem noch so kleinen Städtchen führten, mit den einst radikalen Parolen des Pariser Frühlings eine Massenbewegung herbei zu halluzinieren. Es waren Zeiten als einige meiner damaligen Freunde und ich sich zur linken Avantgarde in der Provinz stilisierten. Nun endlich haben die mühsamen Stunden, in denen man gemeinsam Heinrich las, einen Sinn bekommen und stolzer Brust war man bereit das Zepter in die Hand zu nehmen, denn stets war nicht das Verhältnis von Kritik und Krise verstanden worden, sondern das groteske von Theorie und Praxis. Was jetzt folgt war wesentliches Moment von Praxis und da unsere Auffassung nach nichts anderes zuließ, wollte man jetzt nicht nur, sondern durfte auch Revolte spielen. Bekanntlich kam alles anders, und die Domain www.würzburgbrennt.de wurde unter Rücksicht auf die „Opfer der Würzburger Bombennacht“ vom 16. März 1945 umbenannt. Die Diskussionen um Bildung, die in Arbeitskreise untergliedert wurde, bot selbstverständlich, dank der anhaltenden pluralistischen Stimmung die schließlich auch zum Ende der Besetzung beitrug, einem AK Gesellschafts- und Bildungskritik Platz. Desillusioniert vom Protest und seinem Anhang entstand so der Bikri, der eher eine lose Zusammenkunft mit gemeinsamer Basis schuf Texte zu fressen und sich über die Würzburger Provinz in all ihren schnöden Facetten lustig zu machen als eine feste Gruppierung, die in ihren Namen zu Furcht und Schrecken aufruft. Aus diesem anfänglich Bedürfnis wuchs dennoch bei manchen der Drang nach einem radikalem Lebenswandel, der von den immer gleichen Leuten stets belächelt wurde. Konzepte einer einsamen Blockhütte im Wald, Überlegungen der Gründung einer Stadtguerilla und die zunehmende Rezeption der Schriften einer Situationistischen Internationale sollten die Ohnmachtsgedanken kompensieren; was schließlich fehlschlagen musste. Man sammelte das ganze Leben, das von Langeweile nur so strotzte, in einem gemeinsamen Verein namens Kupuk e.V. und zeigte sich besonnen der allgemeinen Unlust einen kulturellen Anstrich zu verleihen. Mittels Labels und Etiketten schuf man eine identitäre Gemeinschaft, die sich gegen äußere Einflüsse so wappnen wollte, doch verstanden, dass es sich dabei nicht nur um Labels handelt, haben die wenigsten, denn ihr Denken war schon so grundfalsch im Ansatz, dass man in der Nachbetrachtung nur Kopfschütteln kann. Anschließend erklärte man, es handele sich dabei um einen Experimentierraum (nicht nur um den üblichen Autonomen Zentren dieser Republik einen Strich durch die Rechnung zu machen und seinem eigenen Distinktionbedürfnis nachzukommen) unter dem sich die eindimensionalen Geister dieses Vereins freilich nichts anderes vorstellen konnten als Konzertbühne und Kneipentheke mit beschmierten Toiletten um trinklustige Abende mit Punk-Musik zu veranstalten. Auch davon desillusioniert gab man jeden weiteren Anlauf auf und jeder ging wieder seinen Dingen nach. Der Bikri verkam zu recht zu einer Plattform eines Einzelnen immer noch genervt in die Welt blickenden, der über die Beschissenheit der Dinge schrieb. Die letzten Überreste, die im Vereinswesen kurzweilig ihr Zuhause gefunden hatten, zogen sich in städtische Jugendzentren zurück aus den sie gekrochen kamen, andere arbeiteten weiterhin in der zwangsharmonisiert geführten Gastronomie, um dort, unter Freunden versteht sich, der stets positiv ausgedrückten Lebensfreude eines elendigen Studenten ohne Abschluss zu fröhnen. Wieder andere beschlossen ihr Studium zu beenden, zogen nach Frankfurt/Main um dort den selbigen Mist mit anderen Gesichtern aufzuziehen. Wie dem auch sei: Die ganze Geschichte hätte in jeder anderen Stadt spielen können und trägt sich dort vermutlich noch immer so ab oder hat es zumindest einmal. Doch sollte sich ein solches Dilemma anbahnen, ein guter Rat: Packt euer Hab und Gut und macht das ihr verschwindet! Es gibt besseres als sich zwei bis drei Jahre mit Vereinsmeierei zu beschäftigten, den Schatzmeister eines Vereins für alternative Kultur und Politik abzugeben, auch wenn sich diese kitschigen Ambitionen in den späteren Lebenslauf nahtlos eingliedern lassen. Einzig ist dem Bikri zugute zuhalten, dass diese Versammlungen, die nicht selten satanischen Zirkelveranstaltungen zum Verwechseln ähnelten, alles mögliche an Publikum anzog um auf der Basis des zwanglosen Zwangs des besseren Arguments über die Welt (im besten Sinn) zu philosophieren. Ich hätte vermutlich sonst nie mit einem angehenden Juristen über den Marxschen Extraprofit gestritten, „Die Eroberung des Brotes“ von Kropotkin in einer Straßenbahn gelesen, Benjamins Geschichtsthesen so fehlinterpretiert wie an diesem Nachmittag in der Grünanlage des Juliusspitals oder angefangen das Buch „The coming Insurrection“ ins Deutsche zu übersetzen. Dem alternativen Leben in Würzburg, der ganzen noch hässlicheren Linken, die mittlerweile ihren eigenen „Freiraum“ hat und mittels Gewalt und Denunziation „politischen Feinden“ (wie sie sagen) das Leben schwer macht (Topo Rojo, Antira Würzburg, Jugendantifa Würzburg, etc. pp), den damaligen Protestlern und heutigen Berufspolitikern, den Servicekräften und Köchen im Kult, den Konzertveranstaltern im Cairo, B-Hof, Immerhin und der heutigen Kellerperle ist mit dem Abschied des Bikri selbstverständlich nichts verloren gegangen, denn es war nie erklärtes Ziel, gerade dort, wo die Szene hausiert, etwas zu gewinnen.

gez.

Karl von Medina

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Besoffene Nach(t)betrachtungen. Diesmal: die Omphaloskepsis http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/10/02/besoffene-nachtbetrachtungen-diesmal-die-omphaloskepsis/ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/10/02/besoffene-nachtbetrachtungen-diesmal-die-omphaloskepsis/#comments Wed, 02 Oct 2013 12:16:06 +0000 bildungdiskutieren Allgemein http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/10/02/besoffene-nachtbetrachtungen-diesmal-die-omphaloskepsis/

I‘ve got a 24-lane highway
going straight thru my head
a peace of mind like a brainstorm
and thoughts that knocks me dead

At my worst I‘m at my best
wide awake but let sanity rest
I‘m full of hell
all kinds of hell

Entombed, „Full of Hell“

Nachbetrachtungen… Stimmt, wir haben mehr Nachbetrachtungen versprochen. Es gäbe in der Tat vieles in dieser Stadt, worüber wir noch mal reden könnten bzw. sollten. Über die so genannte Linke dieser Stadt, ihren traurigen Laden und ihre älteren Genoss*innen in der Politik und den Gewerkschaften; über „die klassische Dagegen-Kneipe“ Kult, über Menschen, die sich am wohlsten in einer Art Hunderudel fühlen; über den peinlichen Scheiß des theater ensemble, den mensch am besten nicht mit halbleeren (ja, die waren eben nicht halbvoll!) Bierflaschen, sondern noch mit Molotov-Cocktails angreifen sollte; über die Verkehrsformen der „Kunst- und KulturschAFFEnden“, die ihre Entstelltheit und Präkarität für ihre Freiheit halten; und mensch dürfte nicht aufhören, das blanke Elend des studentischen (und überhaupt) Lebens in dieser Stadt, immer und immer wieder bloßzustellen. Kirchen, Bullen und Kaufhoiser – das ist die unterfränkische Beschaulichkeit.

Nun, das tun wir auch jetzt alles nicht. Keine Zeit, kein Nerv und ganz einfach kein Bock mehr. Sollen das die Leute tun, in der jeweiligen Scheiße stecken bleiben, wäre das doch ihre geringste Pflicht. All diese Sachen, von der Kirche, Bullen und Kaufhoisern abgesehen, haben zudem ihre positiven Seiten und haben somit ihren (wenn auch verkehrten) Sinn, das müssen wir eingestehen: da rutschen gutmeinende Menschleins rein, gehen ihren Dingen nach und wenn sie klug sind, fliehen sie wieder. Die einzige halbherzige Nachbetrachtung, die es hier geben wird, handelt von einer genau so unnötigen und in ihrem Unsinn berechtigten Sache: vom BiKri selbst. Vielleicht wird dieser traurige Pups im Internet jemand weitetrhelfen, jemand zum Lachen oder zum Gähnen bringen oder auch niemand interessieren. Es ist auch uns jetzt schnurz. Den noch traurigeren Pups vom Z.F.I. werden wir oich aus Datenschutzgründen ersparen. Auf jeden Fall, wer auch immer von Leuten, die involviert waren, Lust hätte, sich auch dazu zu ggf. äußern, kann das hier gerne tun.

Die Geschichte ist in der Tat nicht sehr spannend, nicht besonders bewegend und vielleicht nur noch peinlich. Was soll’s. Nach erfolglosen Versuchen, ein wenig Einfluss auf die hirnlosen Bildungsproteste 2010 in Würzburg auszuüben, nutzen wir die Pause zwischen Sommer- und Wintersemester, um uns zu überlegen, wie weiter. Wie mensch es von Studentengesichtern auch erwarten kann, früher oder später kam der Vorschlag auf, einen Lese- und Diskussionszirkel zum Thema Bildungskritik im breiteren Kontext der Gesellschaftskritik aufzumachen. (Die Person, die den Vorschlag gemacht hat, ist legen-wartet mal!-där, und verdiente eine eigene Nachbetrachtung, aber das lasen wir auch). Bereits an dieser Stelle könnten wir aufhören, denn alles Folgende würde sich aus der Entstehung erklären. Weil wir jedoch unsere Leser*innen aufs Übelste verabscheuen, schreiben wir noch ein wenig weiter.

Wir haben uns eine Blog mit dem dämlichen Namen zugelegt (ja, wir wollten damals diskutieren!) und eine offiziöse e-mail-Adresse, die wir nur selten checkten. Die Gründe, warum BiKri den potenziell revolutionären Volksmassen auf MySpace, Twitter und Facebook nicht folgen wollte, sind nicht überliefert. Was wir uns an Literatur angetan und sonst so getrieben haben, kann mensch dem Blog entnehmen. Langfristig geplantes Programm, kurzfristige spontane Entscheidungen, seminar-ähnliche Besprechungen und gegenseitiges Vorlesen, mal mit Gästen, mal nur unter „uns“, mal im Freien, mal im „besetzten“ Audimax, mal in der Straßenbahn. Mal mit guter Lektüre, mal mit welcher, nach der mensch nur noch den Kopf schütteln und bitterlich lachen konnte. Wir haben fast alles ausprobiert, was mensch mit so einem Konzept machen konnte. Selbst der Verlockung der Marxologie, dem schändlichen Geschäft der linken Akademiker*innen, haben wir uns hingegeben. Zu sagen bleibt noch, mensch hüte sich vor Kapital-Lesekreisen und „Wissenschaftler*innen“, die darin sitzen.

Da der Plan eigentlich war, den Diskussionszirkel nicht als Ziel an sich, sondern als den Anfangspunkt der Organisierung zu setzen, müssen wir sagen, das Vorhaben ist größtenteils gescheitert. Nicht ganz eben, aber größtenteils. Es war sporadisch möglich, die Struktur auch für andere Sachen zu nutzen, außer für Entscheidungen, was wo und wie demnäxt gelesen wird. Im Hintergrund dissoziierte der Letze Hype, wurde Grand Hotel Abgrund verhindert und auch KuPuK e.V. langsam, aber sicher an inneren Widersprüchen verblutete – allesamt Sachen, die sehr viel ausgemacht haben. Spätestens als die Flüchtlingsproteste 2012 in dieser Stadt angefangen haben, hat BiKri das einzig Anständige unter gegebenen Bedingungen gemacht – nämlich Platz gemacht und in der Bedeutungslosigkeit versunken. Hinzu kam natürlich auch, dass das allwissende ZK im Exil, zwar nicht direkt uns, aber trotzdem in sehr klaren Worten das Betreiben von Theoriekollektivierungen in dieser Form verbot. Womöglich, das erste und das letzte, was alle studentischen Theoriezirkel lesen sollen, ist die Schmähschrift „Der wissenschaftliche Sozialismus“ von Jan Wacław Machajski. Danach sollen sie auseinander gehen.

Naja, angesichts des organisatorischen Scheiterns müssen wir feststellen, dass auch viel unterlassen und schlicht vermasselt wurde. Dass wir gemeinsam (und zu unterschiedlichen Zeiten waren das unterschiedliche Personen) so selten geschafft haben, den „Lesekreis“ hinter einem Blog und einem Mailverteiler zu verlassen, um irgendwo konkret zu intervenieren. Dass wir nicht ein mal in der Lage waren, die Scheiße wenigstens auf dem Blog zu benennen. Die Stadt hat ja nicht aufgehört, Anlässe zu bieten. Nun, warum wohl? Der mangelnden Identifikation mit dem Label BiKri wegen? Das war ja gerade die Absicht, dass keine Sekte und kein Hunderudel entsteht. War das nicht klar genug kommuniziert? Wohl wahr: war „uns“ selber nicht immer klar. Weil die angehenden ghost scientists nicht schriftstellerisch begabt sind? C‘mon… Viel mehr, weil die Theoriedurst der Studentengesichter, die in den miserablen Seminaren der Würzburger Uni nicht gestillt werden konnte, wohl nicht der Punkt sein kann, wo die Organisierung und das gemeinsame Handeln von irgendeiner gesellschaftlicher Relevanz ansetzen könnten. Erstaunlich, aber das Ganze war trotzdem nicht so unnütz und verblödend wie die Uni-Seminare.

Was auf das Einschlafen der primären Tätigkeit folgte, war nur die Ablage von irgendwelchen Publikationen oder das „laute Nachdenken“. (Das Thema „Knast“ bzw. „JVA Würzburg“ bringt uns immer noch viele Referers ein, was so einiges über die Stadt aussagt).

An dieser Stelle höre ich auf, von „uns“ zu schreiben. Es gibt „uns“ längst nicht mehr, gab es womöglich auch nie. Glückwunsch an alle, die sich nicht nur mit den Clowns, sondern auch mit der Clownerie angefreundet haben. Ich, Ndejra, das zornige Seepferdchen, schreibe diesen unnötigen Beitrag zu Ende und schließe damit diesen Blog. Nötig ist nur, nach diesem Abschnitt einen Punkt zu setzen. Alles hier Beschriebene, ist meine Sicht der Dinge und fußt nur auf meinen Wahrnehmungen. Der Unterfränkische Bund der Satano-Kommunist*innen, die Würzburger Forschungsgesellschaft für Vulvologie, die Loge der schwarz-roten Magie, das mobile Hans-Böhm-Museum, die Mandelo-Brandelistische Strömung sowie Occupy Erlabrunn und Occupy Kist (militanter Flügel) lösen sich hiermit auf.

In diesem Sinne – grind on! Oder anders gesagt – wohlan!

Unten eine Auswahl aus unserer gemeinsamen „Publizistik“.

Sind wir denn noch aufzuhalten? / Wir hätten uns gerne verabschiedet / Flaschenpost zwischendurch / Fail-Trade & Co. / Traurigen Gestalten gewidmet / Das Kätzchen heißt von nun an Walter Benjamin / Und täglich grüßt das Bildungstier / Väterchen T gegen den Staat / Sommerliche Laune mitten im Winter / Dieses Jahr wird alles besser / Bürger der Stadt feiern Dienstag der Freude / 90 Jahre Aufstand von Kronstadt / Von Tauben und Idioten / Aus dem Lande kamen die ungünstigsten Nachrichten / Es ist beachtlich / Ein phänomenologisch-geographischer Versuch über Würzburg mit psychologischen und gynäkologischen Komplikationen / „Und, ist Würzburg immer noch Scheiße?“ / Interview mit einem bulgarischen Anarchisten / Staunen über die Rübenrekorde / Occupy Doitschland: Talkin‘ ’bout the revolution / Es erinnert mich an Februar in Lybien / Aus der beliebten Reihe: BiKri deckt auf / Von Bildungsprotesten der Erwachsenen / Knast ist halt kein Ponyhof: Hungerstreik in der JVA Würzburg und die Stimme des Volkes / Grüße von Uncle Sam, ihr Nasen! / Wahl-Proteste, soziale Kämpfe und die Linke in Russland / Einige kritische Anmerkungen zu M31 in Frankfurt am Main / Wie wir den 1. Mai runter-geWürgt haben / Flüchtlingsproteste in Würzburg: Selbstorganisation und Widerstand gegen Rassismus und Bevormundung / Neues Leben für Prjamuchino, das ehemalige Adelsnest der Familie Bakunin / Ein Volk, das keine Traditionen der Selbstorganisation hat, lässt sich leicht politisch manipulieren und wird sehr schnell reaktionär / Verwaltete Kälte / Im allgemeinen ist es eine ekelhafte Situation: Zum Stand der Wahl-Proteste und zum Zustand der Linken in Russland / Würgtown in seinem antifaschistischen Denken und Handeln

hell!

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Einer von der „Belorusian 5″ aus dem Gefängnis entlassen http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/09/11/einer-von-der-bulorusian-5-aus-dem-gefaengnis-entlassen/ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/09/11/einer-von-der-bulorusian-5-aus-dem-gefaengnis-entlassen/#comments Wed, 11 Sep 2013 08:29:11 +0000 bildungdiskutieren Allgemein http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/09/11/einer-von-der-bulorusian-5-aus-dem-gefaengnis-entlassen/ franzkewitsch

Alexandr, wir gratulieren zu deiner Freilassung. Die Obrigkeit versuchte mit allen Kräften den Prozess, in dem du, Nikolaj Dedok und Igor Olinewitsch verurteilt wurden, als einen gewöhnlichen Strafprozess darzustellen. Als Folge wagten es viele Bürgerrechtsorganisationen lange nicht, dich als einen politischen Gefangenen zu bezeichnen. Wie schätzt du deine Verhaftung und die, deiner Genossen ein?
Das Ziel der Obrigkeit war nicht, die Schuldigen zu finden, sondern die anarchistische Bewegung zu neutralisieren, egal, welchen Kampfmethoden wir anhängen würden. Beispielsweise bedeutet die Tatsache, dass im Laufe des Prozesses noch ein Angeklagter, Maxim Wetkin, freigelassen, und ich, Dedok und Olinewitsch verurteilt wurden, dass für sie die Überzeugung wichtiger war, an der wir während des Prozesses festhielten, als der Straftatbestand, den sie uns anzuhängen versuchten. Der Prozess war absolut politisch, er hatte nur mit unseren politischen Überzeugungen zu tun. Und wir sind davon Überzeugt, dass in diesem Land eine Diktatur herrscht und wir gegen sie kämpfen müssen. Je länger ich einsaß, desto mehr war ich davon überzeugt.

Was denkst du, hat man dich zufällig drei Monate vor den Präsidentschaftswahlen verhaftet?
Als Katalysator diente der Angriff auf die russische Botschaft. Das hat internationale Resonanz ausgelöst. Lukaschenko sagte, dass dahinter russische Geheimdienste stecken. Natürlich spielten auch die näher rückenden Wahlen eine Rolle. Wären wir aber nicht im September verhaftet worden wären wir sowieso im Dezember im Knast gelandet, zusammen mit allen anderen Oppositionellen, die nach den Wahlen verhaftet wurden. Früher oder später wäre das passiert – mit oder ohne Straftatbestand – wir wären auf jeden Fall unter die Räder geraten.

Es gibt Mutmaßungen, dass deine Verhaftung und der Charakter der Anklage eine geheimdienstliche Operation war, dafür geplant, um die Opposition am Vorabend der Provokation am 19. Oktober 2010 als militant darzustellen.
Gewissermaßen war das die Vorbereitung zu den Wahlen. Obwohl in unserem Fall zum Teil auch andere Strukturen beteiligt waren. Der größte Teil gehörte zur GUBOP (die Hauptabteilung der Polizei zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität), die an den Geschehnissen am 19. Oktober am wenigsten beteiligt war. Im Grunde genommen war es ihr Ziel unsere symbolischen Aktionen, die die Obrigkeit störten, zu stoppen und die gesamte zivilgesellschaftliche Aktivität im Land lahmzulegen. Ich persönlich bin der Meinung, dass am 19. Oktober 2010 die Obrigkeit nicht nur die gesamte Zivilgesellschaft einschüchtern wollte. Lukaschenko wollte die weitere Loyalität, seines Verwaltungsapparats, seiner eigenen Bürokratie sicherstellen, die in dieser Zeit immer mehr anfingen seine Autorität zu hinterfragen.

Den Rest liest man/frau hier: „Ich habe meine Prinzipien beibehalten und habe nicht vor, ihnen abzuschwören“.
Demnäxt gibt es mehr zum Thema, aber wohl nicht mehr hier. Miow!

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Würgtown in seinem antifaschistischen Denken und Handeln http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/06/10/wuergtown-in-seinem-antifaschistischen-denken-und-handeln/ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/06/10/wuergtown-in-seinem-antifaschistischen-denken-und-handeln/#comments Mon, 10 Jun 2013 13:48:56 +0000 bildungdiskutieren Allgemein http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/06/10/wuergtown-in-seinem-antifaschistischen-denken-und-handeln/

The voices clash and debate
So many wrongs to right
Their bleeding heats flow never-ending
(Like their appetites)
„Left“ on a front line they can‘t defend
(Why try to pretend?)

Misery Index, „Partisans of Grief“

Liebe menschliche und nicht-menschliche Tiere, kritische und nicht-kritische Heten und Nicht-Heten! Lange hatten wir vor, uns zu neuesten Ereignissen in Würg zu äußern, schafften es aus vielen Gründen nicht. Nun, lassen wir, sozusagen, aus einer zeitlichen Distanz einige ekligen Dinge Revue passieren, denn erst so vielleicht etwas klarer wird und – und dies ist kein minderer Grund – auch wir schreiben gerne Nachbetrachtungen.

is so sloooow!

Wie gewohnt, gedachte Würg auch dieses Jahr am 16. März der Opfer der Bombardierung der Stadt 1945 durch die Alliierten. Das Programm wiederholt sich mit geringen Variationen jährlich: mensch kann wahlweise Kränze niederlegen oder mit Kerzen in der Hand in der Gegend herumstehen, bei Gedenk-Marathons mitlaufen oder das „Nagelkreuz von Covenntry“ durch die Stadt schleppen. Zur Sache tut das nichts: auf Kirchenkonzerten und bei offiziösen Reden feiert die gute Mitte der postnazistischen Gesellschaft ihre Rechtschaffenheit und betet das alljährliche „Nie wieder / arme Würzburger Bevölkerung / heldenhafte Trümerfrauen“ runter, um sich weiterhin fröhlich über das Weiterlaufen des Betriebs der bürgerlichen Gesellschaft zu kümmern, dessen angeblicher „Unfall“ der National-Sozialismus war. Weil der deutsche Vernichtungskrieg sich unglücklicherweise gegen die Deutschen wandte, scheint es jetzt allen guten Töchtern und Söhnen Würgs angebracht, in Stille sich darüber zu beklagen, der deutschen Opfer zu gedenken und sich zu versöhnen. (Kann sich noch jemand erinnern, wie die empörten Kinder bei ihrem „Bildungsprotest“ 2010 eben dieser Mitte, der sie entstammen, freiwillig und eifrig entsprachen – nämlich ihren Internet-Auftritt zum 16. März von „wuerzburg-brennt“ in „bildungsprotest-wuerzburg“ umbenannten?) Am längsten versöhnte sich bezeichnenderweise das Programmkino Central, das noch im Mai die Veranstaltungen zum 16. März 1945 durchführte, „wegen der großen Nachfrage“.

Es sind immer die Alliierten gewesen, die bei der militärisch „sinnlosen“ Zerbombung Würgs „übertrieben“ haben. Für die Angehörigen der Massakrierten in Italien, in Griechenland zahlt der deutsche Staat, wenn es nur möglich ist, keinen Cent Entschädigung, die Renten für die Zwangsarbeiter aus polnischen Ghettos sind – sagen wir mal so – unwahrscheinlich, aber die gute Mitte versöhnt sich. Versöhnt mit sich selbst vor allem, mensch ist längst wieder wer auf der Weltbühne und bekennt sich mehr oder weniger offen zu dieser zur Nation geronnenen Konterrevolution, zu den Resultaten der Vernichtung, aus der die bundesdeutsche Gesellschaft hervorgegangen ist. Dieses Bekenntnis ist das „Transzendentalsubjekt“ (1), das jeden Gedanken begleitet und jedes Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus unschädlich, unwirksam, folgenlos macht. Es lässt seine TrägerInnen wie Puppen schöne und wichtige Reden aufsagen und betroffen in die Kameras schauen, ohne dass sie begreifen können oder nur wollen, was sie da sagen. War das nicht etwa derselbe Georg Rosenthal (OB Würg, SPD), der letztes Jahr die Polizei und die städtische Bürokratie die protestierenden Iraner auf die übelste Weise schikanieren ließ? Hat nicht etwa die Stadtverwaltung unter dem Kommando dieses aufrechten Demokraten Anfang August 2012 die NPD in unmittelbarer Nähe vom Protestzelt ihre Propaganda-Veranstaltung durchführen lassen?

Um den NPD-Schönling Arne Schimmer aus dem sächsischen Landtag zu zitieren: „Geschisspolitische Themensetzungen“ sind halt so ’ne Sache, sie sind wichtige gemeinschaftsstiftende Rituale, in denen die Deutschen näher zusammen rücken. (Das sagt er im sehr sehenswerten „Come together“ . Da offenbaren sich außerdem so einige Abgründe des jährlichen Gedenkenspektakels in Dresden, sowohl von „demokratischer“ Seite, als auch vom etwas ehrlicheren und gleichsam durchgeknallterem Teil der guten Mitte: da verrät Schimmer nämlich auf was für interessante Gedanken mensch in der Würzburger Jugendherberge manchmal kommt).

Anders als in Dresden (auch eine absolut „sinnlos“ und böswillig zerbombte deutsche Stadt, übrigens) war das Gedenken in Würg lange Zeit nicht komplett: die verklärenden, hauptsächlich um die deutsche Opfer trauernden Demokraten, aber keine Nazis. Nicht nur mancheR BürgerIn vermisste deren ehrliche und direkte Botschaften, auch unsere kleinen Antifa-FreundInnen waren all die Jahre ohne den gewohnten Feind desorientiert und mussten Demo-Ausflüge in andere Städte machen. Und dann war es wieder so weit: mensch rief die Geister lange genug herbei und sie kamen.

Sie kündigten sich im März und April an und als sie sich in dieser Stadt von der Polizei und der Verwaltung toleriert fühlten, haben sie versucht, der SPD und dem DGB die anständigen deutschen ArbeiterInnen am 1. Mai abzuwerben. Und wären sie von der Polizei zum Marktplatz durchgelassen, wären sie womöglich damit erfolgreich geworden, wer weiß… Aber der Reihe nach. Im Vorfeld erklärte das Bündnis der guten Mitte gegen Rechts, es wolle „die Polizei nicht in die Lage bringen, Nazis vor der bunten Gesellschaft zu schützen“. Vermutlich, um das Bild vom Freund und Helfer nicht nachhaltig zu zerstören, zog am 1. Mai der Demo-Zug der guten Mitte zum Marktplatz, zur Bratwurst für Demokratie und Toleranz und Heimatliedern. Dieses Jahr scheinen die Organisatoren aus den Fehlern letztes Jahres gelernt zu haben: kein fürs Arbeitervolk unverständlicher Post-Rock diesmal, sondern folkloristisches Gedudel a la „auch unser nächstes Lied handelt von der Heimat“, das das Publikum sogar bei schlechtem Wetter am Platz hielt. Somit fühlen wir uns in unserem Urteil, was den Verrat am guten Geschmack angeht, bestätigt. Währenddessen besetzten Hunderte Menschen in gruseligen Astronauten-Outfits einen recht großen Teil der Stadt und ließen die Nazis vom FNS durch die leeren Straßen laufen. Armselige Blockadeversuche wurden brutal geräumt. Die groteske Show, die die Nazis sich einfallen ließen, hätte wahrscheinlich fast niemand bemerkt, hätten die Pressefotographen sie nicht fleißig abfotografiert. (Wir hoffen, wir müssten dieses Ekel nicht noch mal hier für euch veröffentlichen, es lässt sich auf den Seiten der MainPest und Würzburg-Erleben ansehen). Schließlich konnten diese FreundInnen des werktätigen Volks ungestört abreisen. 1:0 für die Polizei. Ewige Schande für alle Parteimenschen und GewerkschafterInnen, für die VertreterInnen der Stadt, die am Marktplatz gefeiert haben, die die halbe Stadt an die Nazis abgetreten und dazu noch die gute Miene gemacht haben, die statt dagegen einfach nur daneben waren. Es fragt sich lediglich nur, ob das Braune in Würg nun auch zum Bunten gehört oder ist das Bunte eh schon so bräunlich? (Eigentlich haben wir die Frage bereits beantwortet, die rhetorischen Fragen tun sich aber immer gut im Text).

Die kleinen Antifa-FreundInnen wollten sich den Tag von der bösen Polizei nicht endgültig vermiesen und versuchten sich in etwas, worin sie sehr gut sind – im Demonstrieren. War vielleicht unter gegebenen Umständen gar keine so schlechte Idee. Fragen wir diesmal nicht nach dem Sinn des Demonstrierens „gegen den Kapitalismus“, oder des Demonstrierens ausgerechnet am 1. Mai und nicht an jedem beliebigen Tag, wie es z.B. unsere anderen kleinen Freunde vom A-Netz Südwest gelegentlich tun. Gemeinschaftsstiftende Rituale und Events sind, bekanntlich, wichtig. Auffallend ist nur, dass die so auf die Straße getragene „fundiert radikale Kritik am kapitalistischen System“, diese Ansammlung von Plattitüden über Nationalismus und Arbeitsfetisch, dem Nazi-Spektakel nicht hätte standhalten können. Einen wichtigen Bestandteil der nazistischen Phantasiewelt bildet die paranoide Vorstellung von einer übermächtigen jüdischen Verschwörung, die die ganze Welt in Bewegung setzt, nur um arbeitsame friedfertige Völker der Germanen zu vernichten. Wer will, kann sich noch mal die Fotos vom FNS-Aufmarsch anschauen: neben der traurigen Merkel, neben dem Uncle Sam, der den muskulösen deutschen Arbeiter für einen offensichtlich bösen militärischen Zweck knechten wollte, läuft eine Gestalt mit Hut und Bart mit dem Koffer voller Geld. Wir wüssten nicht, dass solche Hütte und Bärte zum Erscheinungsbild eines modernen Top-Managers oder Bankiers gehörten. Dass die kleinen FreundInnen in ihrer „fundierten radikalen Kritik“ vom Arbeitsfetisch Nationalismus ableiten, aber eben nicht den Antisemitismus, lässt auf zweierlei schließen. Erstens, war das offensichtlich nicht gewollt: denn dann müsste mensch nicht nur sich selbst die Frage, wie mensch zum jüdischen Staate stehe, stellen, sondern auch den werten und geschätzten FreundInnen in der Erwachsenen-Politik. Und zu was für einem Unfug diese FreundInnen fähig sind, wissen wir noch. Wisst ihr denn noch, wie Juli 2010 die Mavi Marmara-Affäre in einem vor der „Linken“ organisierten Vortrag zum Ausdruck der proletarischen Solidarität erklärt wurde? Zweitens, ist es vermutlich ganz einfach nicht gekonnt. Es gehört freilich einiges an geistiger Anstrengung dazu, den Wahn, das Unpersönliche und Abstrakte im Kapitalverhältnis im Namen der „ehrlichen Arbeit“ personifizieren und ausrotten zu wollen, zu benennen. Die Montagsspaziergänge haben diesbezüglich noch niemandem gut getan – das nur am Rande angemerkt. Läge es allerdings nur daran, hätten wir gesagt: nu, das wird schon, mensch muss es nur wollen…

Lasst uns das alles hier so stehen, wie es ist. Keine Empfehlungen, keine Hinweise und „Verbesserungsvorschläge“, keine erbauenden „Und trotzdem…“ oder „Und dennoch…“. Es ist trostlos und das sollte man sich eingestehen. Alles in dieser Stadt passt zu einander auf eine unheimliche Weise, selbst die vermeintlich „radikale“ Linke.

Weitere „Nachbetrachtungen“ folgen, stay tuned. Liebesstrahlen in alle Richtungen.
Nicht.

1)Gerhardt Scheit: Gemeinschaftsneid des Einzeltäters, Bußfertigkeit im Kollektiv. Primäre und sekundäre Form des postnazistischen Bewusstsein, in: Stephan Grigat (Hg.): Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert, ca ira, 2012

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„ Im Allgemeinen ist es eine ekelhafte Situation“ – zum Stand der Wahl-Proteste und zum Zustand der Linken in Russland http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/05/28/im-allgemeinen-ist-es-eine-ekelhafte-situation-zum-stand-der-wahl-proteste-und-zum-zustand-der-linken-in-russland/ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/05/28/im-allgemeinen-ist-es-eine-ekelhafte-situation-zum-stand-der-wahl-proteste-und-zum-zustand-der-linken-in-russland/#comments Mon, 27 May 2013 23:42:42 +0000 bildungdiskutieren Allgemein http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/05/28/im-allgemeinen-ist-es-eine-ekelhafte-situation-zum-stand-der-wahl-proteste-und-zum-zustand-der-linken-in-russland/ (Erschienen beim Grossen Thier mit einer fetten Verspätung, ist also z.T. nicht mehr aktuell, und dennoch…)

Es handelt sich hiermit gewissermaßen um einen Nachtrag zum Interview mit einem russischen Anarchisten aus der Moskauer Region (1), das wir vor ungefähr einem Jahr geführt haben. (2) Es gilt das Übliche: wer zwischen den Zeilen lesen kann, wird doppelt belohnt. Dafür sollte man erst die Zeilen selber lesen. Und vielleicht zur weiteren Klärung bzw. Verirrung auch diesen Text von uns: (3) – Anm. Ndejra

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Vor allem: wie ist es gerade um die Protestbewegung in Russland bestellt?

Tja, die Prognosen der PessimistInnen, die den Protesten den baldigen Tod prophezeit haben, haben sich nicht bewahrheitet; auch die OptimistInnen, die neue Schübe unsrer friedlichen Revolution erwartet haben, irrten sich. Nach jener Geschichte mit Pussy Riot und nach der Verhaftung einer Reihe oppositioneller AktivistInnen, die sich öfters AnarchistInnen nannten, ist die Bewegung endgültig erlahmt. Wie ein Läufer, dem die Puste ausgegangen ist, aber er muss noch zum Finish laufen. Die Demonstrationen finden immer noch statt, aber nicht mehr so massenhaft und noch langweiliger. Die offiziellen Liberalen plappern immer noch ihre Losungen von fairen Wahlen nach, organisieren irgendwelche Primeries, um den „Koordinationsrat der Opposition“ auszuwählen, und diese Primeries scheinen nur sie selbst und den Kreml zu interessieren.

Die Systemlinken fangen an, nach einem Sozialstaat zu verlangen, unabhängige Gewerkschaften neigen immer mehr zum Marxismus (der Block der in der Bildung Beschäftigten verbannte beim letzten Marsch aus seinen Reihen ein paar anarchistischen Aspiranten und lud dafür die Kommunistische Partei mit sowjetischen Fahnen ein ); die „Autonome Aktion“ tummelt sich daneben und fordert kostenlose (verstaatlichte!) Bildung. Die Bevölkerung außerhalb großer Städte bleibt nach wie vor alleine mit ihren Problemen. Im Allgemeinen ist es eine ekelhafte Situation.

Was ist aber mit Pussy Riot?

O, das ist eine sehr kluge Operation des Kremls! Wunder dich nicht: der Auftritt dieser Frauen gestattete es, die Aufmerksamkeit aller AktivistInnen von stattfindenden sozialen Erschütterungen abzulenken. Stell dir nur vor: die Löhne sinken, Massenentlassugen, die Strafgesetzgebung wird verschärft – die Opposition aber preist die Taten von Pussy Riot. Natürlich, all diese Leute wurden wie Idioten angesehen… Nicht alle Protestierenden sind zu Fans von diesem Kollektiv geworden, aber die Mehrheit schon. Ich persönlich habe keinen Finger für Pussy Riot krumm gemacht.

Warum?

Ich glaube, das war eine geplante Operation. Während der Prozess gegen diese „Sängerinnen“ im Gange war, verhaftete man ohne großes Aufsehen mehr als 10 Menschen, einfache AktivistInnen, denen jetzt 5 Jahre Knast und mehr droht. In der Provinz wurde eine Anhängerin Limonows (Eduard Limonow, in bestimmten Milieus modischer linksradikaler Schriftsteller und Politiker) für 8 Jahre inhaftiert, nachdem man ihr ein paar Gram Herion zugesteckt hatte. Sie hat zwei Kinder draußen. Aber niemand machte Demos, um sie zu unterstützen.
Vielmehr, solange linke und rechte TeilnehmerInnen des „Millionenmarschs“ den Prozess gegen Pussy Riot diskutiert haben, erhöhte man Steuern und Dienstleistungspreise, was sich auf das Einkommen der Bevölkerung Russlands deutlich ausgewirkt hat. Und diese Frauen hat man zu 2 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, und das nicht einmal in sibirischen Lagern. Hierzulande gilt das als großes Glück: hier wird eineR aus tausend Beschuldigten frei gesprochen, die Mehrheit hält man unter grauenvollen Bedingungen in entfernten Kolonien (Lagern) für viele Jahre…

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Was macht jetzt die linke und antiautoritäre Opposition?

Sie löste sich von den Massen und beschäftigt sich mit ihren eigenen Dingen. Versucht, Aktivitäten vorzutäuschen. Geht auf Demos, schreibt theoretische Artikel. Macht bei der Kampagne für kostenlose Bildung mit. Das ist Schwachsinn. Siehst du, die Situation ist halt folgende: wer zahlt, der bestellt auch die Musik (es gibt so einen Sinnspruch). Also statt nach der Abschaffung der staatlichen Kontrolle in der Bildung zu verlangen, bitten diese Herrschaften AktivistInnen, dass der Staat mehr Geld für Schulen und Unis ausgeben möchte. Und das war´s!

Meine Genossen und ich versuchten in der Hauptstadt ein anarchistisches Kultur- und Bildungszentrum zu organisieren, aber von Hunderten hiesiger AktivistInnen haben nur vier ihre Hilfe zugesagt. Als Resultat ist das Projekt eingegangen.

Perspektiven sehe ich keine. Der gesamten Opposition, sowohl Nawalnyj, als auch den Moskauer Autonomen, geht es um Selbstreklame und effektvolles Erscheinen bei den Demos. Manchmal zwar belustigen sie mich noch: entweder gestehen Mitglieder der russischen Sektion der IAA, dass sie die Polizei informieren, oder ein bekannter Vertreter der Autonomen Aktion ruft dazu auf, für die Wiederherstellung der Sowjetunion zu kämpfen – ansonsten sind wir alle, die außerhalb Moskaus leben, mit unseren Problemen uns selber überlassen. Soziologen warnen zwar: die Bevölkerung wird immer ärmer und erboster, das nächste Jahr kann in einer Explosion sozialer Wut führen, die dann niemand mehr kontrollieren könnte – weder Opposition, noch der Kreml.
Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!

Gibt es / gab es in Russland die „Occupy“-Bewegung?

Ja. Im Frühling letzten Jahres gingen ungenehmigte Demonstrationen in Moskau fließend in „Occupy Abaj“ über – das Lager wurde nach einem kasachischen Dichter Abaj genannt, denn die Protestirenden gründeten ihr Lager am Denkmal dieses interessanten Menschen. Das Lager existierte zwei Wochen lang, und die ganze Zeit liefen im Fernsehen Berichte darüber, wie die Protestierenden auf der Straße Müll liegen lassen und sich betrinken. Klar, war das nur eine gezielte Desinformation der Bevölkerung. In der Provinz war und bleibt das Fernsehen die einzige Nachrichtenquelle. Dann wurde das Lager auseinandergejagt…

Was soll ich sagen? – Ich habe mich im Lager engagiert. Würde nicht sagen, dass das gut oder nützlich war – die Protestierenden haben betont, dass sie keine sozialen Forderungen vertreten, sondern ihr Ziel war der Rücktritt des Präsidenten. Fünf Tage vor der Räumung übernahmen die Führung – ja, in Russland ist alles verkehrt, hier bekam das Lager eine Führung – Trotzkisten und die Liberalen. Z.Z. Versuchen die ersteren diese Idee wiederzubeleben, diesmal aber als irgend so ein Projekt ihrer Internationale (ich weiß nicht mehr, der wievielten). D.h. Gut, dass Menschen eine Plattform für freie Versammlungen und einen Ort bekommen haben, wo man wirklich ohne Zensur hat reden können, dafür war das Ziel und das theoretische Aspekt der russischen „Occupy“ falsch. (4)

Alexej Nawalnyj scheint in der deutschen Presse einer der Lieblingsfiguren der russischen Opposition zu sein. Wie kann man ihn charakterisieren?

Ich weiß gar nicht, was man über ihn im Westen schreibt – aber ich würde ihn als Liberal-Chauvinisten bezeichnen. Er arbeitete eine Weile lang im Stab des Gouverneurs im Kirower Gebiet, dann ging er in die Politik, bekämpfte die Korruption, gründete eine Stiftung. Nawalnyj ist Jurist, deswegen bringt ihm der Kampf gegen „undurchsichtige“ Geschäfte viel Geld, denn er findet öfters Geschäftsmachinationen im Auftrag konkurrierender Firmen.

Früher war er in der Demokratischen Partei, flog für chauvinistische Äußerungen raus, nahm vielmals an Demonstrationen für Deportation aller Kaukasier aus Moskau teil, glaubt, dass ausgerechnet sie die Mehrzahl aller Straftaten in Russland begehen. Er rief außerdem in einem Interview dazu auf, die Ukraine in Russland einzugliedern. Mit welchen Mitteln, hat er nicht erklärt, bestand aber darauf, dass das „russischer Boden“ sei. So ein ekelhafter Typ. Warum ist er in die Politik gegangen? Wahrscheinlich der Ruhm des ex-Präsidenten Medwedjew, der ja auch Rechtsanwalt ist, lässt ihn nicht ruhig schlafen.

Eine Art Nachtrag zum Nachtrag: Zu peinlichen Diskussionen über die Zusammenarbeit mit LGBT-Organisationen habe ich keine Fragen, ich glaube, in der Autonomen Aktion wird so was alle zwei Jahre diskutiert. Die Frage ist folgende: Wie siehst du diese jüngsten Proteste, den ungenehmigten Marsch der Solidarität mit den Inhaftierten? Rollt jetzt eine neue Repressionswelle übers Land, eine noch härtere? Was für Perspektiven, welche Prognosen?

Anfang Dezember diese Jahres sind Proteste in Russland fast auf das Niveau von Sommer/Herbst letzten Jahres zurückgekehrt: an Demos nehmen 1-2 Tausend Menschen teil, die periodischen Verhaftungen von AktivistInnen interessieren nur ihre Gleichgesinnten, die Protestaktionen werden wieder von Fahnen der Kommunisten dominiert. Natürlich hat die repressive Politik der Machthaber das Abflauten der Bewegung mit beeinflusst, aber das ist nicht nur sie allein.

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Seit Monaten sprechen bekannte Blogger und VertreterInnen der gutverdienenden Schichten im Namen der Bewegung, und zwar immer lauter. Ausgerechnet sie schufen den so genannten „Koordinationsrat“, zu dem sogar Primeries stattfanden. Natürlich war das Ganze ein Bluff. In diesen „Rat“ sind neben dem Nationalisten Nawalnyj wenig bekannte Oligarchen, Journalisten und Bankiers gekommen. Also sah die Bevölkerung erneut, dass es so was wie faire Wahlen im Prinzip nicht gibt.

Eine große Niederlage war auch die Teilnahme von oppositionellen AktivistInnen an den Kommunalwahlen – die verloren haushoch und unsere Gerichte spielten auf der Seite der Machtpartei, als hätte jemand daran gezweifelt. Gleichzeitig versuchen Linke wie Rechte sich von Problemen der Provinz abzuschotten, indem sie sich als Gegenpart irgendeiner „konservativen Mehrheit“ darstellen. Besonders deutlich war das während des Prozesses gegen Pussy Riot. Ich neige zur Meinung, dass dieses dämliche Tanzen in der Kirche eine gelungene Provokation war, um nötige Gesetze durchzupeitschen und politisch aktive BürgerInnen von der Unterstützung politischer Gefangenen abzulenken.

Was unsere heiß geliebte Linke angeht (es ist kein Geheimnis, dass heutige AnarchistInen in Russland eher radikale SozialdemokratInnen sind), so hat ihre Präsenz bei jüngsten Massenaktionen nur noch mehr Probleme geschaffen. Der Großteil von ihnen vertrat z.B. Forderungen nach Nationalisierung der Industrie, Enteignung von Wohnungen (!), schleppte Lenin-Portraits mit. Anders gesagt, sie taten alles, um nicht aktuelle und sogar schädliche Losungen zum Hauptthema der Proteste zu machen. Die „Autonome Aktion“ verzichtete komplett auf schriftliche Agitation und kam mit der Losung „Anarchie – die Träume werden wahr“. Damit sorgte sie für viel Gelächter in der Demo, denn „die Träume werden wahr“ ist der Werbeslogan des staatseigenen Korporation Gasprom. Aktuell in der Anarcho-Szene der Streit über die Zusammenarbeit mit LGBT und die komplett beknackten Konzepten der „Wiederherstellung der UdSSR nach libertären Prinzipien“. Obwohl manche GenossInnen nützliche Dinge machen, 20 bis 30 Leute vielleicht.

Die russische Sektion der IAA macht sich weiterhin lächerlich: bei einem Verhör neulich hat eine Person munter die echten Namen von ehemaligen GenossInnen (vor einigen Jahren hat sich dieser Sumpf gespalten) und ihre Nicknames im Internet ausgeplaudert. Die hat zwar niemand so besonders verheimlicht, aber solche Offenherzigkeit gegenüber der Polizei kam schon sehr überraschend. (5) (6)

Wegen Repressionen – was soll ich sagen – verhaftet werden AktivistInnen jedes Jahr, nur jetzt versucht man daraus eine Art mediales Ereignis zu machen. Die staatseigenen Fernsehsender (andere haben wir nicht) zeigen Spezialreportagen darüber, dass die Opposition von georgischen Bürokraten gesponsert wird. Also sucht jetzt die Polizei eifrig nach einer Auslandsspur in den Straßenschlachten mit den OMON-Einheiten vom 6. Mai. Ich würde nicht sagen, dass die Repressionen massiver werden, nur werden Verhaftungen und Räumungen jetzt landesweit durchgeführt.

Irgendwelche Prognosen für Morgen, für das nächste Jahr wären zwar möglich – aber ich will sie nicht machen. Das Gefühl der Enttäuschung ist noch sehr groß: denn fast bis zum Frühling hofften wir alle – Hunderte von Tausenden Menschen, die auf Demos gingen, die Millionen, die mit uns sympathisiert haben – wir alle haben auf Veränderungen gehofft. Alles, was jetzt bleibt, ist sich noch ein mal die Fotos von letztjährigen Demos anzuschauen und sich an das unvergleichliche Gefühl erinnern, dass die Veränderungen so nah waren.

Fussnoten:
5) http://vivalafora.livejournal.com/278162.html

2) http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2011/12/29/es-einnert-mich-an-februar-in-libyen/

1) http://mosreg.anarhist.org/

6) http://anarchism-ru.livejournal.com/1368370.html

3) http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/04/25/wahl-proteste-soziale-kaempfe-und-die-linke-in-russland/

4) Theoretisch falsch… Tja, für die Occupy-Abaj durften waschechte Nazis den Security-Dienst stellen. Sieht man, wenn man sich z.B. durch http://anatrrra.livejournal.com/ durchklickt.

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http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/05/28/im-allgemeinen-ist-es-eine-ekelhafte-situation-zum-stand-der-wahl-proteste-und-zum-zustand-der-linken-in-russland/feed/
Verwaltete Kälte http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/04/08/verwaltete-kaelte/ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/04/08/verwaltete-kaelte/#comments Mon, 08 Apr 2013 13:16:38 +0000 bildungdiskutieren Allgemein http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/04/08/verwaltete-kaelte/ Vor einem Jahr begannen in Würzburg die Flüchtlingsproteste, die sich nun auf die gesamte BRD und einige Länder Europas ausgeweitet haben. Weil sich zu Anfang der Protest auf Würzburg beschränkte, hatten die Flüchtlinge massiv Druck auf die Bayrische Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) ausgeübt. Sie sollte sich im Gespräch ihrer Asylpolitik verantworten. Nun reist sie durch Bayerns „Gemeinschaftsunterkünfte“ und schafft es dabei, nicht ein Wort mit Flüchtlingen auszutauschen. Gleichzeitig wird seitens der Exekutive ein härterer Kurs gegen die Demonstrierenden gefahren als zuvor – Zuckerbrot und Peitsche!
Am 14. März 2013 standen im Verwaltungsgericht Würzburg einige der Eilbeschlüsse in Sachen der Flüchtlingsproteste des letzten Jahres zur Verhandlung. Diese sollten nun als Klagen gegen die Stadt Würzburg verhandelt werden und so zu Präzedenzfällen werden, um die Proteste in Zukunft auch bundesweit juristisch abzusichern. Aber der Prozess wurde zur reinen Formsache, denn das Gericht entschied exakt wie vor einem Jahr. In eben den strittigen Punkten, in denen den Flüchtlingen bei der letzten Verhandlung erst vom höher stehenden Gerichtshof in München Recht zugesprochen wurde, gewann nun abermals in erster Instanz die Kommunalbürokratie. Es hätte auch allen Beteiligten die alten Eilbeschlüsse unter neuem Briefkopf zugesandt werden können; eine dreistündige Verhandlung wäre dazu nicht nötig gewesen. Die Grausamkeit einer solchen Farce zeigte sich an diesem Tag deutlicher, als sich im Akt von Widerstand die Verzweiflung offenbarte, die einerseits den Mut aufkommen lässt, wie sie ihn ebenso zu hemmen vermag. Denn es kann jederzeit derjenige Verwaltungsakt vollzogen werden, der den eigenen Tod ankündigt. In derselben Stadt wusste J., ein vom Krieg im Irak gezeichneter Flüchtling, sich nicht anders zu helfen, als sich auf Krücken vor den Dienstwagen der Bayrischen Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) zu stellen, um ihr den Weg aus der sogenannten Gemeinschaftsunterkunft (GU) zu versperren. Diese hatte sie besichtigt, um „sich über die Menschen zu informieren“, mit denen zu reden sie nicht für nötig befand. Für wenige Minuten hatten J. und weitere dreißig Flüchtlinge sie am Fortkommen aus dem mit Draht umzäunten Lager gehindert – um mit der Sozialministerin zu sprechen. Unmittelbar nachdem zwei Polizisten ihr freie Fahrt verschafft hatten, sagte ein Flüchtling gerade heraus, er habe Angst, dafür abgeschoben zu werden.
Haderthauer begnügte sich damit, die für den hochherrschaftlichen Besuch von einigen Flüchtlingen geputzten Lagerküchen zu besichtigen; ein Dienst, der vom Hausmeister deutsch-korrekt überprüft wurde, und für den die Flüchtlinge mit einem Euro die Stunde abgespeist wurden. Nun dürften Kücheneinrichtung und Sanierung sanitärer Anlagen deren geringstes Problem sein. Konfrontierte man Haderthauer damit öffentlich, so dürfte das ihr die Flüchtlingsfrage in „Küchenschränke, ja oder nein?“ aufzuheben, erschweren. Hinter verschlossenen Türen besprach sie aber solches mit dem Würzburger Bischof und den Agenten der Elendsverwaltung, mit der Caritas und der Provinzprominenz. Unterdessen harrten die Menschen, um die es geht, zwei Stunden bei Eiseskälte vor der Tür aus, und reichten unter sich einen Ausdruck aus dem Internet herum, der von dem Selbstmord Hamed Samiis berichtete, eines Leidensgenossen aus Hof. Hinter verschlossenen Türen war das nicht der Rede wert; sie spielte es runter mit den Worten: „Vieles kann der Grund für solche Verzweiflungstaten sein“. Diese bürokratische Verdrängung prägte die Veranstaltung von Beginn an, und so sorgte der Lagerpförtner auf Anweisung der ehemaligen Sozialministerin Barbara Stamm, dafür, dass Simone Tolle (MdL Grüne) ihr Plakat „Lager tötet!“ abgeben musste, bevor sie die GU betreten durfte. Weil Tolle das Separee nur in Begleitung eines Flüchtlings betreten wollte, hatte auch sie draußen vor der Tür zu warten.
Als die Pressekonferenz zu Ende war (auch die fand in geschlossener Gesellschaft statt), wurden, um der Ministerin den hastigen Einstieg ins Auto zu ermöglichen, die Elendsverwalter und deren illustre Kollegen vorgeschickt. Die Flüchtlinge würdigte sie nicht eines Blicks. So waltet sie seit jeher ihres Amtes, das darin besteht, mit kalter Ignoranz gegen „Armutsflüchtlinge“ und andere „Simulanten“ Wahlstimmen zu sammeln. Kein Wunder auch, dass die Würzburger Lokalmonopolpresse, die Mainpost (eigentlich: Mainpest), als sich der Flüchtlingsprotest noch auf die Stadt beschränkte, die Kommentarfunktion im Internet sperrte, wohl, weil ihr das Personal fehlte, die rassistischen Postings zu den einschlägigen Artikeln zu löschen.
Seit Beginn der Flüchtlingsproteste letztes Jahr wurde Haderthauer mehrmals aufgefordert, nach Würzburg zu kommen. Sie ließ sich fast ein Jahr Zeit, vermutlich, um unmissverständlich zu signalisieren, der „Staat sei nicht erpressbar und Politiker ließen sich nicht zu Gesprächen herbei zitieren“. Des Gespräches hatte sie sich auch an diesem Tag erfolgreich verweigert. Auch Simone Tolle habe sich nun nicht weiter zu beschweren, da sie nicht an den „Ort des Dialogs“ gekommen sei. Dort wird die Ministerin allerdings auch nicht mehr zu sagen gehabt haben als vor zwei Jahren gegenüber der Passauer Neuen Presse: „Wer mit den Leistungen in Deutschland nicht zufrieden ist, kann jeder Zeit zurück. Er bekommt dafür die größtmögliche Unterstützung seitens der bayrischen Staatsregierung“, inklusive wohl einer freundlichen, amtlichen Deportationshilfe für die, die nur noch auf Krücken laufen können, weil man ihnen die erforderliche medizinische Behandlung seit Jahren verweigert.
Warum wird diese Mischung aus Beschwichtigung und Einschüchterung überhaupt inszeniert? Die Solidarität lässt zu wünschen übrig und hat sich auch nach einem Jahr der Proteste nicht über vereinzelte linke Gruppen hinaus entwickelt. Aber auch von Links ließe sich mehr erwarten, gerade deshalb, weil die Flüchtlinge sich immer weniger als Objekte des Mitleids verstehen wollen, sondern versuchen, sich autonom zu organisieren, sich, wie sie sagen, „selbst zu ermächtigen“. Das ist die neue Qualität ihrer Proteste. Und gerade weil sie sich nicht verwalten lassen wollen, auch nicht von Vereinen, die gutgemeinte sogenannte „Flüchtlingsarbeit“ leisten, wäre doch zu hoffen und zu erwarten, dass sie gerade von denjenigen, die nicht zur Pseudo-Aktivität neigen, massiv unterstützt würden. Wovor haben Haderthauer und Konsorten eigentlich Angst? Seit Monaten reist sie jetzt durch die bayerischen Lager, forder mehr Geld für Sozialarbeit und bauliche Retuschen, und propagiert seit neustem Deutsch-Kurse für alle, auch für nichtgeduldete, oder gar anerkannte Flüchtlinge – letzteres ein wirkliches Interesse dieser! Eine Tour, die Eva Peterle, als Leiterin des Würzburger Lager-Cafés zugleich Protagonistin der Vereinshilfe und dezidierte Gegnerin der Selbstermächtigung „ihrer“ Flüchtlinge, damit zu kommentieren wusste, in der GU Würzburg lebe es sich doch im Vergleich mit anderen wie im „Hotel Adlon“. Aber weder die Abschaffung der Gemeinschaftsverwahrung und der Sachleistungen in Bayern, die Beschleunigung der Asylverfahren oder die Aufhebung der Residenzpflicht stehen zur Diskussion – denn es gilt ja, mit allen Mitteln dem „Willen zur Rückkehr“ nachzuhelfen, wie sie in geschlossener Gesellschaft sagte. Wer von Haderthauer vernimmt, die GU´s hätten sich gebessert, der sollte im Hinterkopf behalten, denn das muss damit wohl gemeint sein. Parallel zu den angekündigten „Verbesserungen“ kann man die zunehmende Verschärfung der polizeilichen Repression gegen die sich ausbreitenden Flüchtlingsproteste feststellen. Polizisten haben in Köln, Karlsruhe und Neumünster Flüchtlinge verprügelt, die vom Oranienplatz in Berlin mit einem Bus gestartet sind, um in ganz Deutschland zu ihren Leidensgenossen zu sprechen. In Wien wurde der Sprecher der Flüchtlinge, die die Votivkirche besetzen, inhaftiert. Abschiebebescheide werden vermehrt gegen protestierende Flüchtlinge ausgesprochen. In Deggendorf wurde die GU von Polizei umzingelt, und so erfolgreich ein Boykott der Essenspakete nach wenigen Stunden unterbunden. Solch ein symbolischer Hungerstreik war in Würzburg letztes Jahr der Auftakt; zwei Monate später stand das erste Protestzelt. Bis vor ein paar Wochen konnte man noch den Eindruck haben, dass die Politik darauf setzte, die Proteste würden von innen heraus erstarren. Aber der Winter ist bald vorbei, und die Zelte stehen noch, also sehen sich so einige Bürokraten und ihre Handlanger genötigt, wie es scheint, das Ihrige dazu zu tun, damit niemandem – den Flüchtlingen nicht, anderen Aktivisten und ihnen selbst wohl ebenso wenig – bewusst wird: die Forderung der Anerkennung aller „Non-Citizens“, wie sich einige Flüchtlinge selbst lieber bezeichnen, ist in letzter Konsequenz die nach der Abschaffung aller Staaten, samt ihrer verwalteten Kälte.
Die tragikomische Anekdote am Rande des besagten Abends in der GU Würzburg steht symbolisch für alle beteiligten Vollzeit-Charaktermasken, als einer der angerückten Polizisten mit den im Lager herum schwärmenden Kids Smaltalk machte und fragte: „Na, und gefällt´s dir in Deutschland?“
Bis kurz vor Redaktionsschluss ist keinem der Beteiligten mit Abschiebung gedroht worden.

Armin Moser

Erschienen in der April-Ausgabe der Graswurzelrevolution (378)

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Info- und Solitour des ABC Belarus http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/03/30/info-und-solitour-des-abc-belarus/ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/03/30/info-und-solitour-des-abc-belarus/#comments Sat, 30 Mar 2013 15:44:29 +0000 bildungdiskutieren Allgemein http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/03/30/info-und-solitour-des-abc-belarus/ Jetzt auch in deiner Nähe! Nicht.

abc

Am 16.04. in Nürnberg, am 17.04. in Ludwigsburg.
Oder man/frau kann’s praktischerweise mit dem Besuch der 2. Anarchistischen Buchmesse in Mannheim am 20.04. kombinieren.

Weitere Infos und Details HIER.

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„Ein Volk, das keine Traditionen der Selbstorganisation hat, lässt sich leicht politisch manipulieren und wird sehr schnell reaktionär“ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/01/03/ein-volk-das-keine-traditionen-der-selbstorganisation-hat-laesst-sich-leicht-politisch-manipulieren-und-wird-sehr-schnell-reaktionaer/ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/01/03/ein-volk-das-keine-traditionen-der-selbstorganisation-hat-laesst-sich-leicht-politisch-manipulieren-und-wird-sehr-schnell-reaktionaer/#comments Thu, 03 Jan 2013 18:58:42 +0000 bildungdiskutieren Allgemein http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/01/03/ein-volk-das-keine-traditionen-der-selbstorganisation-hat-laesst-sich-leicht-politisch-manipulieren-und-wird-sehr-schnell-reaktionaer/ Interview mit einem moldawischen Anarchisten

Geführt von: Ndejra
Erschienen in GaiDao Nr. 25, Januar 2013

Ich schlage vor, dass Du dich vorstellst, Deine anarchistische Gruppe oder Organisation vertrittst und über Eure Tätigkeit erzählst, Ok?

Gut, ich heiße Sash Klim. Ich vertrete die Föderation der AnarchistInnen Moldawiens (FAM – Federatia Аnarhistilor din Moldova). Ich möchte sofort klar stellen, dass erst vor Kurzem zusammengekommen sind, vor etwa einem Jahr. Daher auch die Hauptrichtung unserer Arbeit: Aufklärung, Aufkleber, Flugblätter, Suche nach Gleichgesinnten.

Du sagst, Ihr fangt bei Null an. Hat der Anarchismus in der Region irgendeine Geschichte, auf die Ihr aufbauen könnt? Vor der UdSSR, oder danach vielleicht? Was war vor Eurer Gruppe?

Die Geschichte, die am Anfang des vorigen Jahrhunderts zu verorten wäre, ist genau so widersprüchlich, wie die Geschichte der Region selbst. Zwischen 1918 und 1945 wurde auf dem Territorium des modernen Moldawiens drei mal die Sowjetherrschaft etabliert, zwei mal wurde die Region von Rumänien beherrscht. In Bessarabien (modernes Moldawien) fing Grigory Kotowskij seine Tätigkeit an – eine sehr zwielichtige Person – der bereits auf seinem Posten als roter Marschall und KAP(b)-Mitgleid (Kommunistische Allunions-Partei / bolschewistisch) sich noch, einigen Quellen zufolge, als Anarchisten bezeichnete…
1939 als die Region Rumänien angehörte, gründete sich in Tatarbunary eine anarcho-kommunistische Gruppe unter der Führung von Ion Vetrila. Bis 1940 verlegte sie ihre Tätigkeit nach Bukarest. Die Gruppe war sehr aktiv im Untergrund. Im Januar 1941 – zur Zeit der Juden-Pogrome – teilte Ion Vertila die Gruppe in zwei Teile: der eine Teil, 9 Menschen mit Ion zusammen, besetzte ein Arsenal und ist nach dem lange dauernden Sturm durch 350 Legionäre gestorben. Die zweite Gruppe, etwa 40 Menschen, fiel in einem nächtlichen Gefecht, während sie jüdische Viertel gegen Pogrome verteidigte. Wir können keine andere Information über anarchistische Umtriebe in unserer Region in der Kriegszeit und danach finden…
Was die 90er Jahre angeht, so gibt es im Internet ein paar Artikel über die moldawischen Anarcho-SyndikalistInnen Igor Görgenröder und Tamara Burdenko. Diese Geschichte endete aber gar nicht schön mit einem Riesenskandal für die ganze postsowjetische Szene jener Zeit.

Meinst Du etwa jenen provokanten Versuch, eine „anarchistische“ Zeitung mit dem Geld der Berliner FAU zu gründen? Ich habe gelesen, dass Görgenröder und Burdenko Anfang der 90er von Faschos bedroht wurden und gezwungen waren, ins Ausland zu fliehen. Wie ist denn die moldawische Gesellschaft heute in sozialer, politischer Hinsicht?

Vermutlich hat da tatsächlich irgendwelches Geld eine Rolle gespielt…
In sozialer Hinsicht? Wer nicht zum Geldverdienen ins Ausland gegangen ist: Arme auf dem Land, städtische Arbeitslose, Alte und Kinder. Von der werktätigen Bevölkerung ist nur der nicht ausgewandert, der nichts konnte oder einfach faul ist.
Wer dagegen Arbeit hat, klammert sich an der Stelle so fest wie nur möglich. Mit dem Aufkommen der GastarbeiterInnen entstand in Moldawien eine merkwürdige „Kultur“: statt für die Wirtschaft nützliche Branchen zu entwickeln, blüht eine Belustigungsindustrie. Bars, Restaurants sind der einfachste und schnellste Weg, den nach Hause gekehrten GastarbeiterInnen und ihren Kindern Geld abzunehmen, die glauben, dieses Geld fällt ihnen vom Himmel in den Schoss… Wie gewonnen, so zerronnen. Es gibt viele StudentInnen, die von der Sowjetepoche übrig gebliebenen Hochschulen arbeiten noch…
In politischer Hinsicht ist die Situation nicht einfacher. Nachdem die Allianz für Europäische Integration (Alianta pentru Integrarea Europeana, AIE-2) an die Macht gekommen ist, erhalten rumänische NationalistInnen offizielle Unterstützung. Mit der finanziellen Unterstützung von der rumänischen Regierungsorganisation zur Hilfe für Rumänen im Ausland sind in der Republik Organisationen wie die Legionäre des Hl. Michael, Aktiuna 2012, die mit dem Einverständnis der Obrigkeiten die so genannten Wiedervereinigungsmärsche (Unirea) durchführen. Aktuell besteht die reale Gefahr nicht nur für die Unabhängigkeit Moldawiens als ein Staat, selbst die moldawische Identität droht heute, aggressiv vom verbrüderten Rumänien verschlungen zu werden. Die besagte Aktivität der rumänischen NationalistInnen hat andererseits beförderte die Aktivierung russischer chauvinistischer Organisationen. Die besagte Aktivität der rumänischen NationalistInnen hat andererseits die Aktivierung russischer chauvinistischer Organisationen befördert.
Als Resultat wurde einer der letzten Märsche der UnionistInnen von – lasst uns das mal als physischen Kontakt der Seiten bezeichnen – begleitet. Es gab keine Prügelei, aber eine Journalistin wurde durch einen Stein verletzt.
Wir unsererseits erklären Menschen, dass erstens – wenn es Menschen gibt, die sich „Moldawier“ nennen, es ihr Recht ist; zweitens – jene rumänischen NationalistInnen, die zu den Unirea-Märschen anreisen, nicht alle RumänInnen vertreten, und die Einstellung ihnen gegenüber nicht auf alle RumänInnen übertragen werden darf; dass – drittens – RussInnen sich nicht in die Fragen der Selbstidentifikation des moldawischen Volkes einmischen dürfen; viertens – alles, was die Eskalation der nationalen Frage fördert, nur dazu dient, die Bevölkerung von der sozialen Frage abzulenken…

Moldawien als junger Nationalstaat, scheint mir, ist dafür einfach prädestiniert – das Land ist multiethnisch und von allen Seiten von größeren Nationen „umzingelt“. Außerdem ist die Transnistrische Republik eine sehr merkwürdige Konstruktion… Meinst Du unter dem „russischen Einfluss“ Russland oder die russische Diaspora in Moldawien? Apropos, mir schien (aus meiner Perspektive), dass viele MoldawierInnen selbst aus rein ökonomischen Gründen z.B. an einer Vereinigung mit Rumänien, am Beitritt zu EU ziemlich interessiert wären. Du (oder die FAM) nicht?

Ausgerechnet die Multinationalität gewährt dem moldawischen Volk die Möglichkeit zu leben, ohne sich irgendwelchen Bündnissen anzuschließen. Natürlich, weder der vergangene Konflikt in Transnistrien einerseits, noch der Mangel an Geduld in der Obrigkeit andererseits hilft der normalen Regulierung des transnistrischen Konflikts oder dem Frieden in der Region… Zu meinem größten Bedauern, können solche Konflikte wie in Transnistrien über Nacht entstehen, aber zu ihrer Beilegung braucht mensch viel Zeit und Geduld.
Unter der russischen Einmischung meinte ich tatsächlich die russischsprachige Bevölkerung der Republik. Es ist doch wenigstens absurd, wenn die russischsprachige Bevölkerung mitbestimmt, welche Sprache die Moldwier sprechen sollen – die moldawische oder die rumänische…
Die pro-europäische Strömung in der Republik hat zwei Vektoren: erstens – als selbständiger Staat in die EU eingehen, und zweitens – die Vereinigung mit Rumänien, das bereits in der EU ist.
Die erste Variante wurde aktiv von der vorherigen kommunistischen Regierung des Landes unterstützt, aber was ist eigentlich die EU heute? M.E. ist sie ein Klon der UdSSR: mensch sieht deutlich die strikte Zentralisation; bemerkbar ist eine Aufteilung der Nationen innerhalb der EU in Nationen, die die EU gründeten, und welche, die sich ihr später anschlossen (in der Sowjetunion waren das der „große Bruder“ und die „Schwester-Republiken“). Ich gebe zu, nach dem Zerfall der Sowjetunion entstand in Moldawien keine sogenannte lokale (nationale) politische Elite. Menschen, die den Unabhängigkeitsakt der Republik Moldawien unterschrieben haben, hatten keine Ahnung wohin mit der Freiheit, die ihnen in den Schoss fiel. Das einfachste, was sie sich vorstellen konnten, war die Bürde der Verantwortung für die Freiheit auf jemand anderes zu übertragen. Russland war dafür schlecht geeignet – es war nicht klar, was für eine Vereinigung noch nach der noch frischen „Scheidung“… Also war Europa für die Rolle eines neuen Verantwortlichen für die moldawische Unabhängigkeit auserkoren. Zudem erhöhten ähnliche Beitritte zur EU einerseits die Europas politische Selbstachtung, andererseits war das eine Möglichkeit, Russland einen schmerzhaften Tritt zu verpassen. Auf diese Weise sind der EU die baltischen Staaten beigetreten…
Die zweite Variante nimmt dank der aktuellen Regierung immer mehr Gestalt an. Und das entspricht der Stimmung im Volk keineswegs: die ökonomischen Vorteile der Vereinigung mit Rumänien sind sehr zweifelhaft. Ist nicht etwa Rumänien das ärmste Land in der EU?
Wir haben allgemein über Politikaspekte in der Region gesprochen, jetzt erzähle ich, was wir in der FAM darüber denken. Zur Zeit kann weder der Beitritt zur EU, noch zur Zoll-Union die Probleme lösen, die in der Gesellschaft existieren. In Europa wie in Russland gibt es dieselben sozialen Probleme, die Gesellschaft ist in Reiche und Arme gespalten. Zudem geht die Entwicklung denselben Weg: die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer. Unsere Arbeit betrifft gar nicht die Außenpolitik Moldawiens. Wir wollen, dass das moldawische Volk die Möglichkeit hat, sich selbständig zu entwickeln, ohne sich in den Fragen der eigenen Entwicklung an den Staaten und Zusammenschlüssen zu orientieren, die imperialistische Politik verfolgen. Das betrifft sowohl die USA, als auch die EU und Russland).
Ich möchte das soziale Bild vervollständigen. Es wird nicht komplett, wenn mensch die große Anzahl der teuren Autos auf den Straßen von Kischinau nicht erwähnt. Anders gesagt, die weltweite Tendenz – die Reichen werden reicher, die Armen noch ärmer, ist hier vielleicht bemerkbarer als woanders. Bei der Bevölkerungsgröße von 3 Mio. ist jedeR vierte RentnerIn. Die durchschnittliche Lebenshaltekosten liegen bei 1455 Leu (88 Euro), davon wird nur die Hälfte nicht besteuert. Der Durchschnittslohn beträgt 3500 (210 Euro), Durchschnittsrente 900 Leu (55 Euro), auf dem Land 500 (30 Euro). 30% der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. 50% bekommt einen Lohn unter dem Mindestlohn.

Entsteht vor diesem Hintergrund irgendwelche soziale Aktivität, die womöglich wie in Griechenland gezwungenermaßen in Richtung Selbstorganisierung und gegenseitige Hilfe geht, wobei AnarchistInnen mit Tat oder Wort helfen könnten?

Das Land ist zu spezifisch: Moldawien ist ein agrarisches Land, die Bevölkerung reagiert sehr indifferent auf soziale Reize. Trotz dem, dass Moldawien in der Sowjetzeit als Heimat des Stillstands galt und im Land heute immer noch Traditionen der Vetternwirtschaft stark sind, wenn die Leute vor der Notwendigkeit stehen, soziale Probleme zu lösen, wählen sie lieber einfachere Lösungen – statt Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe gehen sie ins Ausland…Deswegen wird zum Teile jede soziale Aktivität sehr schnell politisch gefärbt.
Manche meiner GenossInnen sehen Elemente der Selbstorganisierung in Vereinen, die historische Gebäude schützen und der wilden Bebauung in der Hauptstadt widerstehen. Jedenfalls sieht mensch solch massenhafte und vehemente Aktivität bei uns nicht. Aber wir suchen, suchen nach Menschen, nach Möglichkeiten, machen Aufklärungsarbeit…

Könntest Du vielleicht die Geschehnisse im April 2009 skizzieren? So weit ich mich erinnere, wedelte mensch bei den Unruhen mit europäischen Fahnen… Das waren angeblich Proteste gegen manipulierte Wahlergebnisse, obwohl die OECD die Wahlen als „weitgehend frei“ bewertete. Also, was war das eigentlich?

Was die Unruhen am 7. April 2009 angeht, wie sehr wir darin Elemente der Selbstorganisierung und Protest von unten sehen wollten, so war das nicht. Nach der offiziellen Version der kommunistischen Partei (PKRM), die damals an der Macht war, war das ein versuchter Staatsstreich. Offizielle Version der jetzigen Regierung – der damaligen „Revolutionären“ – ist die Unzufriedenheit mit dem Ausgang der Wahlen. Das alles überlassen wir dem Gewissen der Leute, die so was behaupten und werten die Geschehnisse selbst als Machtübergabe von KommunistInnen zu Liberalen. Zudem vom Standpunkt der modernen europäischen Demokratietradition her passt die „moldawische Variante“ in diese Tradition perfekt: umstritten blieb eine einzige Stimme im Parlament, alle politischen Akteure blieben auf ihren Plätzen und die Unruhen haben nie die Regierungsvierteln verlassen. Was europäische Fahnen betrifft, so hängen sie in der Hauptstadt an fast allen Verwaltungsgebäuden.
Unsere Schlüsse aus den Geschehenissen am 7. April sind traurig. Ein Volk größtenteils, das keine Traditionen der Selbstorganisation hat, lässt sich leicht politisch manipulieren und wird sehr schnell reaktionär. Das trifft nicht nur für die Länder der ehemaligen Sowjetunion zu, sondern auch für den Rest der Welt. Ich meine den so genannten „arabischen Frühling“.

Gibt es Beziehungen, Zusammenarbeit in der Region? Mit rumänischen, ukrainischen AnarchistInen oder Linken? Vielleicht mit größeren oder internationalen Organisationen?

Hier arbeiten wir eng mit MarxistInnen zusammen, unterhalten Kontakte zu IASR (Initiativa Anarho-Sindicalista din Romania). Auf individuellen Ebene gibt es Kontakte zu ukrainischen und russischen GenossInnen, die Position der KRAS-IAA ist uns nah. Was die internationalen Organisationen angeht, so besteht da so ein psychologisches Problem: wir glauben, dass sich internationalen Organisationen anzuschließen nur Sinn macht, wenn du ihnen was geben kannst, etwas mit ihnen teilen kannst… Wir wollen nicht Mitglied in irgendeiner Organisation werden, nur um mit der Mitgliedschaft anzugeben. Wir sind sehr selbstkritisch und können momentan nichts der internationalen Bewegung geben. Zur Zeit nehmen wir nur noch: Erfahrungen, Bücher, Flugblätter, und verfolgen theoretische Diskussionen.

Vielen Dank fürs Gespräch!

E-mail: info@anarchy.md

Homepage: http://www.anarchy.md/

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http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2013/01/03/ein-volk-das-keine-traditionen-der-selbstorganisation-hat-laesst-sich-leicht-politisch-manipulieren-und-wird-sehr-schnell-reaktionaer/feed/
Neues Leben für Prjamuchino, das ehemalige Adelsnest der Familie Bakunin http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/11/24/neues-leben-fuer-prjamuchino-das-ehemalige-adelsnest-der-familie-bakunin/ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/11/24/neues-leben-fuer-prjamuchino-das-ehemalige-adelsnest-der-familie-bakunin/#comments Sat, 24 Nov 2012 20:04:41 +0000 bildungdiskutieren Allgemein http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/11/24/neues-leben-fuer-prjamuchino-das-ehemalige-adelsnest-der-familie-bakunin/ [Anm. d. Ü.: Dieser Text entstand aus den Gesprächen mit einem der Organisatoren der Prjamuchiner Lesungen, Svjatoslaw Sidorow mit Hilfe von Sergej Kornilow und Pjotr Rjabow, die per E-Mail geführt und anschließend aus dem Russischen übersetzt wurden. Die aus der Gesprächsatmosphäre resultierende, etwas wirre Gesamtstruktur des Textes wurde um der Authentizität willen beibehalten, nicht wirklich relevante Details dafür weggekürzt. Die häufig vorkommenden Vaternamen spiegeln spiegeln altersbezogene Hierarchien und patriarchale Muster der russischen Gesellschaft wider.]

Dass Anarchist*innen und Forscher*innen anfingen, sich unmittelbar für das Prjamuchino-Anwesen zu interessieren, verdanken wir Natalia Michajlowna Pirumowa (1923 – 1997), einer bedeutenden Forscherin auf dem Gebiet des Anarchismus und sozialer Bewegungen und eines wunderbaren Menschen. (1970 in der Bücherreihe „Das Leben berühmter Menschen“ erschien ihr Buch über Bakunin und 1972 ihr Buch über Kropotkin. 1989 fand in Prjamuchino eine von ihr organisierte Konferenz statt, die dem 175. Jubiläum Bakunins gewidmet war.)

Auf Einladung der „Ekasoga“-Stiftung hin, die sich anschickte das Anwesen zu renovieren, kam 1990 eine „Arbeitskolonne“ von Anarchist*innen nach Prjamuchino. Später löste sich die „Ekasoga“-Stiftung jedoch auf, nachdem sie ein paar Ausstellungen organisiert und nichts renoviert hatte.

1994 fand in Kuwschinowo (Zentrum des Kuwschinowo-Bezirks in Gebiet Tver‘) und Prjamuchino (liegt im Kuwschinowo-Bezirk) eine weitere Konferenz statt, die dem 180. Jubiläum Bakunins gewidmet war. 1995 gründeten Pjotr Rjabow, Michail Tsowma und Nikolaj Murawin (der ein Jahr später auf eine tragische Weise starb) die erste Prjamuchiner Freiheitliche Genossenschaft. Die Renovierung des Anwesens und des Parks wurde zum Ziel der Genossenschaft.

Ein Unternehmer aus Tver‘, der Geschichtswissenschaftler und Forscher lokaler Geschichte W. I. Sysojew, überließ der Genossenschaft sein Haus im Dorf Lopatino, und ein Nachkomme der Bakunins G. N. Zirg spendete der Genossenschaft etwas Geld.
Bis 2002 (außer 1997 und 1998) kam die Genossenschaft jährlich auf diese Weise zusammen. Aus verschiedensten Ecken stießen Anarchist*innen Russlands zur Genossenschaft dazu. Sie arbeiteten manchmal in mehreren Schüben: befreiten den Park vom Gebüsch, entfernten Müll in den Häusern, um dort Baumaterialien zu lagern, und reinigten den oberen der drei Teiche. Freie Zeit wurde dem Kulturprogramm gewidmet: die Leute veranstalteten viele Vorträge, gaben eine handgeschriebene Zeitung heraus – „Die Prjamuchiner Harmonie“ […]

In derselben Zeit – 1998/99 – wurde die Bakunin-Stiftung gegründet. Die Vorgeschichte ihrer Gründung ist folgende: als 1998 Russlands Währung zusammenbrach, verlor Sergej Gawrilowitsch Kornilow seinen Job als Journalist. In der Krise konnte er keinen Job mehr finden (er war damals 58) und dachte sich, er müsste sich ein Haus auf dem Land kaufen, solange er noch Geld hatte – entweder dort, wo sein Vater geboren wurde, oder dort, wo er starb. Sein Vater wurde in Lopatino geboren, und Kornilow kaufte sich ein Haus nicht weit entfernt– in Prjamuchino. Er wusste, dass Prjamuchino ehemals ein Anwesen der Familie Bakunin war. Also hat er sich dort 1999 niedergelassen und begonnen, sich für die heute lebenden Nachkommen der Bakunins zu interessieren. So lernte er Irina Aleksejewna Bakunia-Pljassowa und Zirg kennen.

Zusammen wollten sie eine Stiftung gründen, die sich um die Renovierung des Anwesens und die Organisation eines Museums vor Ort kümmern würde. (Die Stiftung war nicht gedacht als anarchistische Organisation und war nie anarchistisch). Als sie versuchten, andere Menschen dafür zu begeistern, haben sie den Duma-Abgeordneten S. N. Jushenkow und Sysojew kennengelernt.

1999 wurde die Stiftung eingetragen. Ursprünglich war gedacht, daraus eine Wohlfahrtsorganisation zu machen, es stellte sich jedoch heraus, dass sich nach der Gesetzeslage keine staatlichen Strukturen beteiligen durften (die Gründer*innen der Stiftung wollten die Verwaltung des Kuwschinowo-Bezirks und die Prjamuchiner Schule einbeziehen). Also mussten sie die Statuten ändern und die Stiftung als eine nicht-kommerzielle Organisation registrieren lassen.

Mit den Mitteln der Stiftung wurde die Kolonnade im südlichen Flügel des Anwesens renoviert und das Dach neu mit Blech gedeckt. Aber die Hauptsache – 2003 konnte mensch durch die Stiftung in Prjamuchino, im Gebäude der Schule, das städtische Museum der Familie Bakunin einrichten. In ihm gibt es ein paar Zimmer mit einer professionell eingerichteten Ausstellung, die über das Anwesen und die Familie Bakunin erzählt. Außerdem, finden dort zeitlich begrenzte Ausstellungen statt, außerdem gibt es eine Möglichkeit, Musikabende zu veranstalten.

Trotzdem wurde ziemlich schnell klar, dass die Stiftung nicht genügend Geld für die vollständige Renovierung des Anwesens hat und es auch in nächster Zukunft nicht haben wird. Um trotzdem sinnvolle Arbeit zu leisten, wurde 2001 die Entscheidung getroffen, die Organisation jener Prjamuchino-Konferenzen wieder aufzunehmen, die von N. M. Pirumowa organisiert wurden. So entstanden die Prjamuchiner Lesungen.

Die ersten Prjamuchino-Lesungen fanden vom 30. Juni bis 1. Juli 2001 statt. (Seitdem werden sie immer an zwei Tagen organisiert: Samstag und Sonntag am Ende Juni und Anfang Juli). Sie waren nicht als eine anarchistische Konferenz konzipiert: Ihr Ziel war es, die Geschichte der Familie und des Anwesens Bakunin zu erforschen, und sich mit den Fragen dessen Renovierung zu befassen. Bereits an den ersten Lesungen haben Anarchist*innen teilgenommen, die parallel in der Freiheitlichen Genossenschaft arbeiteten. Die Konferenz räumte Michail Alexandrowitsch Bakunin viel Zeit ein und Pjotr Rjabow hielt einen Vortrag zum Thema „Die Historiosophie Michail Bakunins“.

In den nächsten Jahren tendierten die Themen der Lesungen immer mehr zur Erforschung des Ideen-Nachlasses und des Lebenswerks Bakunins, später auch zur Erforschung der Geschichte und Philosophie des Anarchismus überhaupt. (Stenogramme aller Lesungen von 2001 bis 2011 kann mensch lesen oder runterladen von unserer Seite: http://bakunin-fund.hut2.ru/reader.utf.html). 2005 tauchte das Wort „Anarchie“ bereits im Thema der Konferenz: „Anarchie, Staat und Revolution. Anarchie und Terror“ auf. Auf den Lesungen hielt mensch Vorträge nicht nur über Bakunin, sondern auch über Ideen und Lebenswerk von Kropotkin, Borowoj, Herzen, Proudhon, Turgenjew, Masarik, Osorgin, Karelin, Atabekjan, Figner (1), Foucault, A. N. Andrejew und Gandewskaja (2), außerdem noch über Natalia Pirumowa, Igor Podshiwalow (3), russische anarchistische Dichter, spanische und französische Anarchist*innen usw. In den Jahren der Lesungen wurden zudem viele Vorträge über verschiedenste Themen gehalten, die vom Anarchismus oder der Geschichte der hiesigen oder ausländischen sozialen Bewegungen handelten.

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Seit 2007 widmen sich die Lesungen fast vollständig der Geschichte und Philosophie des Anarchismus und den Diskussionen über den Zustand der modernen anarchistischen Bewegung und ihrer Perspektiven. Die Lesungen haben einige Besonderheiten. Erstens, seit 2001 werden die Sitzungen auf Diktaphon aufgenommen, zudem nicht nur die Vorträge, sondern auch die anschließenden Diskussionen, die dann veröffentlicht werden. Wenn die Zeit es zulässt, werden zweitens dennoch auch interessante Vorträge über beliebige Themen jenseits des vorgegebenen Themas gehört. Drittens werden seit 2007 Anhänge veröffentlicht, die für Lesungen vorbereitete, aber nicht vorgestellte Vorträge oder andere Materialien beeinhalten.

So wurden 2007 Erinnerungen an N. M. Pirumowa und Igor Podschiwalow, einige hervorragende Zeitungsartikel von Igor und Texte über Sofia Kropotkina und die Gründung der Konföderation der Anarcho-Syndikalisten (KAS) veröffentlicht. 2008 waren das Materialien über Bakunin, Kropotkin, Moskauer Anarchist*innen in 1920-30er Jahren, Erinnerungen an zu früh verstorbenen Michail Maljutin, der an den Lesungen 2008 teilnahm … Der Anhang von 2009 war den am 19. Januar 2009 in Moskau ermordeten Stanislaw Makrelow und Anastasia Baburina gewidmet, die sich auch selber an Lesungen beteiligte. (Außerdem beteiligte sich Stanislaw an der Freiheitlichen Genossenschaft). Es wurden einige Zeitungsartikel und Einiges aus dem Blog von Anastasia veröffentlicht.

2010 wurden Texte über Bakunin, Kropotkin und Dmitrower Kooperativenvereinigung, das Theaterstück „The Coast of Utopia“ von Tom Stoppard und die russischsprachige Filmographie des Anarchismus in den Anhang aufgenommen. In der Publikation von 2011 erschien ein Text über Tver‘er Anarchist*innen zwischen den Revolutionen 1905 und 1917.

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Während 2000er Jahre wurde der Kreis der Teilnehmer*innen der Lesungen immer breiter. Seit 2002 fährt aus Moskau ein Bus mit Hörer*innen und Vortragenden. Viele fahren selbst hin. In den 12 Jahren der Lesungen wurden diese nicht nur von russischen Geschichtswissenschaftler*innen, Philosoph*innen, Philolog*innen und Anarchist*innen besucht, sondern auch von ausländischen Gästen (aus Wrotzlaw, Krakau, Baden-Baden, Paris, Sao Paolo). […]

2011 widmeten sich die Lesungen einer differenzierten kritischen Betrachtung der anarchistischen Ideen und des aktuellen Zustands der anarchistischen Bewegung. Es wurden folgende Fragen gestellt: was hindert anarchistische Ideen daran, von vielen Menschen in modernen Gesellschaften aufgenommen zu werden? Wie gut ließe sich Theorie und Praxis, die in der Zeit von Proudhon, Bakunin und Kropotkin (des sog. „klassischen Anarchismus“) entwickelt wurde, im Heute anwenden? Was sind die Ziele des Anarchismus? Hat die anarchistische Bewegung so was wie einen „Punkt der Ankunft“, ein Ideal vom „Endzustand“?

Am Runden Tisch 2012 wurde vorgeschlagen, diese Diskussion wieder aufzunehmen und darüber zu reden, wie die anarchistische Bewegung aus dem bedauerlichen Zustand, in dem sie sich derzeit befindet, herauskommen könnte, und darüber, was Anarchist*innen erfolgreich getan haben und immer noch in verschiedensten Sphären der Öffentlichkeit tun: in der Arbeiter*innenbewegung und der Organisation der Produktion, in der Kunst und Kultur, im Umweltschutz, im Aufbau von selbstverwalteten Communities. Aber die Diskussion am Runden Tisch führte die kritische Linie der letzten Jahr weiter: im Grunde genommen wurden eher neue spannende Fragen gestellt, statt vorgefertigte Antworten präsentiert. Vorträge handelten von „Erinnerungsorten der Anarchist*innen“ nach der Theorie der „Erinnerungsorte“ von Pierre Nora, vom Problem des Elitismus im Anarchismus, vom Problem der Technik und von der Anarchisierung der Gesellschaft unter Bedingungen der hochtechnisierten Zivilisation. Wie immer, ist eine Veröffentlichung der Beitragssammlung der diesjährigen Konferenz geplant (eher 2013).

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Auf diese Weise sind Prjamuchino-Lesungen ein Ort, wo sich Anarchist*innen und diejenigen, die sich mit der Erforschung der anarchistischen Geschichte und Philosophie beschäftigen, begegnen. Bei den Lesungen versuchen wir, wissenschaftliche Vorträge mit informellen, nicht-wissenschaftlichen Auftritten und Diskussionen über die Anarchismus-Forschung oder die lebendige Bewegung zu kombinieren. Außerdem, obwohl Vorträge über die Geschichte der Familie und das Anwesen Bakunins auf unseren Lesungen fast vollständig verschwunden sind, betonen wir immer, dass wir diese Thematik nicht aufgegeben haben.

Die Prjamuchino-Lesungen sind (zumindest heute) keine Veranstaltungen, die alle russischen Anarchist*innen vereinigen. Jemand fährt im Sommer in Ökocamps, jemand denkt vielleicht, dass es nicht so wichtig ist, Theorie und Geschichte der Bewegung zu studieren, für jemand ist es einfach ein zu langer Weg (aus Sibirien z. B.), jemand kommt wegen angespannter Beziehungen zwischen einzelnen Aktivist*innen und Bewegung nicht. Aber um Prjamuchino herum entstand ein festes Kollektiv aus ein paar Dutzend Anarchist*innen und Forscher*innen, das mit jedem Jahr wächst. Die Beitragssammlungen der Konferenz erscheinen auf Papier in Auflagen von 100 – 150 Stück, in den letzten Jahren wurden etwa 200 an befreundete Buchhandlungen, Bibliotheken und wissenschaftliche Zentren im Ausland verschickt. […]

Die Lesungen werden von einem kleinen „Orgakomitee“ (es ist auch das Redaktionskollektiv bei der Herausgabe der Textsammlungen), dessen Mitglieder Sergej Kornilow, seine Frau Alla Michajlowna und Tochter Warwara, Pjort Rjabow, ich und mein Vater Igor Sidorow, sind. Je nach Bedarf beteiligen sich am Orgakomitee auch andere konstante Vortragenden und Hörer_innen. Die Konferenz wird aus privaten Mitteln des Orgakomitees und Spenden der Teilnehmenden und vom Geld, das durch den Verkauf der Textsammlungen eingenommen wird, finanziert. Manchmal gelingt es, einige informelle Sponsoren zu finden (die Textsammlungen 2001/2003 waren etwa dank der finanziellen Unterstützung von Tom Stoppard möglich, der Anfang 2000 Prjamuchino besuchte).

Kehren wir nun 10 Jahre zurück, um die Geschichte der Bakunin-Stiftung, der Prjamuchiner Freiheitlichen Genossenschaft und des Anwesens selbst zu verfolgen. Das Jahr 2003 bedeutete eine Zäsur für die Stiftung: Im April wurde in Moskau ein Mitglied der Stiftung, S. N. Jushenkow ermordet. Nach der Eröffnung des Bakunin-Museums verschärften sich Widersprüche in der Stiftung. Also fing Sergej Kornilow an, sich mit den Lesungen zu beschäftigen, und Wladimir Sysojew – mit der Erforschung und Popularisierung der Familie Bakunin und ihrer einzelnen Vertreter*innen. Außerdem fingen vor einigen Jahren Zirg und Sysojew an, die sog. „Bakunin-Feste“ an Michail Bakunins Geburtstag zu veranstalten. Leider haben diese Feste keinen kulturellen oder bildungsrelevanten Inhalt.

Ungefähr ab der Mitte der 2000er hat die Bakunin-Stiftung aufgehört zu existieren. Am 3. Januar 2010 starb Wladimir Sysojew. In diesem Jahr eröffnete die Lesung mit einer Erinnerung an ihn. Es ist nötig, an die kolossale Arbeit zu erinnern, die er als Historiker für die Bekanntheit der Familie Bakunin und den mit ihr verwandten Familien getan hat. Er ist der Autor der fundamentalen Monographie „Bakunins“, von Büchern wie „Der Gebietsbürgermeister von Tver‘, Alexandr Pawlowitsch Bakunin“, „Tatjana Alexejewna Bakunina-Osorgina“, „Des Dichters erste Liebe. Jekaterina Pawlowna Bakunina“, „Poltoratskij. Eine kurze Familengeschichte“, „Anna Kern. Ein Leben für die Liebe“ und Artikeln über Bakunins, Poltoratskijs und anderen adeligen Familien des Tver‘er Gebiets. Obwohl die Bakunin-Stiftung aufgehört hat zu existieren, nutzen wir immer noch diesen Namen für unsere Seite (http://bakunin-fund.hut2.ru/) und unseren Blog (http://bakunin-fund.livejournal.com/).

Was die Freiheitliche Genossenschaft angeht, so versammelte sie sich 2003 zum letzten Mal vor einer langen Pause. Sie war auch die kleinste (6 Menschen) und wurde von neu dazu gekommenen Menschen organisiert. Von 2004 bis 2009 habe ich die Genossenschaft fast immer repräsentiert, indem ich für eine oder zwei Wochen Sergej Gawrilowitsch (Kornilow) besucht habe, um im Park zu arbeiten. Versuche, kollektive Arbeiten zu organisieren, scheiterten.

2010/2011 wurde nicht einmal versucht, die Genossenschaft zu organisieren. 2012 wurde sie wieder belebt. Für zwei Wochen gelang es, insgesamt 12 Menschen zusammenzutrommeln (eingeladen wurden nicht nur Anarchist*innen, sondern auch Freund*innen der Organisator*innen und wohlgesinnte Menschen). Wir schafften einige gute Sachen im Park zu vollbringen. Hoffen wir, dass ab diesem Jahr die Genossenschaft größer und stärker wird!

Die Prjamuchiner Lesungen haben in der anarchistischen Bewegung tatsächlich keinen wichtigen, dafür aber ihren eigenen und ziemlich konkreten Platz: Faktisch sind die Prjamuchiner Lesungen beinahe die einzige Plattform nicht nur in Russland, sondern in der ganzen GUS (4), wo regelmäßig und mit der Herausgabe von Textsammlungen Geschichte und Philosophie des Anarchismus, aber auch der moderne Anarchismus erforscht werden. Außerdem reichen die Lesungen über die Grenzen des Anarchismus hinaus und verbinden ihn mit Kultur und anderen sozialen Bewegungen und Phänomenen. Bei dem ersten Lesungen hat mensch mehrere Themen angegangen, die mit dem Anarchismus direkt zu tun hatten.

Was den konkreten Nutzen der Lesungen angeht, so besteht er erstens im Austausch und Kennenlernen von Anarchist*innen und Anarchismus-Forscher*innen auf der Konferenz; zweitens im Arbeiten von Anarchist*innen und Forscher*innen mit unseren Textsammlungen (das Interesse besteht in verschiedensten Städten Russlands und im Ausland); drittens im Diskutieren und Unterstützen von diversen libertären und Anarchismus-nahen Projekten (in diesem Jahr wurden Unterschriften gesammelt für die Eröffnung eines Kropotkin-Museums in Dmitrow und fürs Anbringen einer Gedächtnistafel am Todesort von Stanislaw Makrelow und Anastassija Baburowa in Moskau). Zudem werden bevorstehende libertäre Veranstaltungen angekündigt (so z. B. die Prjamuchiner Freiheitliche Genossenschaft, oder ich habe dieses Jahr die Übersetzung von George Woodcocks Buch „Anarchism: A History of Libertarian Ideas and Movements“ angekündigt), und es werden Bücher vorgestellt, die etwas mit Anarchismus zu tun haben und seit der letzten Konferenz erschienen sind. Auf den Lesungen werden jedoch keine Entscheidungen über die einen oder die anderen Aktionen, über Gründung irgendwelcher Organisationen getroffen, in diesem Sinne ist die gesellschaftliche Resonanz der Lesungen minimal. Die Lesungen werden von einzelnen Journalist*innen besucht, hauptsächlich aus dem anarchistischen Milieu, manchmal tauchen in der Anarcho-Presse und in Blogs Meldungen über unsere Konferenz auf. Aber das Sammeln von Unterschriften und die Herausgabe von Textsammlungen ist schon etwas, zudem gibt es mittlerweile ein beträchtliches Publikum, das von unseren Lesungen weiß.

Die einheimische Bevölkerung interessiert sich kaum für die Lesungen. Manchmal besuchen uns Gärtner*innen aus Moskau, die mit Kornilow befreundet sind. Sie sind den Lesungen und der Genossenschaft wohlgesinnt. Die Einheimischen trinken leider zu viel, wer noch etwas vom Leben haben wollte, sucht ihr/sein Glück in größeren Städten.

Die Konferenz 2014, die dem 200-jährigen Jubiläum Bakunins gewidmet sein wird, stellen wir uns heute so vor: Am Freitag (die Daten stehen noch nicht fest) wollen wir eine Sitzung abhalten (wenn wir Glück haben, dann im mit uns befreundeten Herzen-Museum, aber ist noch geschlossen), am Samstag und Sonntag – die eigentliche Konferenz in Prjamuchino. Wir planen, die führenden Bakunin-Forscher*innen aus Russland und aus dem Ausland einzuladen. Außerdem planen wir noch Übersetzungen während der Sitzungen und das Übersetzten von Texten von ausländischen Kolleg*innen, damit sie in der Beitragssammlung erscheinen können. Wir werden mit den ausländischen Bakunin-Forscher*innen den Termin aushandeln, sodass er sich nicht mit ihren Veranstaltungen überschneidet (so will unseres Wissens z. B. Antoni Kaminsky eine große Konferenz in Polen veranstalten, die dem 200-jährigen Jubiläum von Bakunin gewidmet ist).

Übersetzt von Ndejra
Erschienen in der November-Ausgabe der GaiDao.

Anmerkungen:
1) Es handelt sich um eine Reihe von Menschen, die in anarchistischen, sozial-revolutionären oder künstlerischen Kreisen tätig waren und somit von Bedeutung für die libertäre Tradition Russlands sind
2) Andrej Andrejew und Zora Gandelewskaja sind ebenfalls Anarchisten aus den Zeiten der Oktoberrevolution und des Bürgerkrieges
3) 1962-2006, Journalist und Anarchist, Befürworter des sog. „sibirischen Lokalismus“
4) Gemeinschaft unabhängiger Staaten, Nachfolgerstaaten der Sowjetunion

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Friedensnobelpreis für die EU: Wir gratulieren auch! http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/10/15/friedensnobelpreis-fuer-die-eu-wir-gratulieren-auch/ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/10/15/friedensnobelpreis-fuer-die-eu-wir-gratulieren-auch/#comments Mon, 15 Oct 2012 17:39:29 +0000 bildungdiskutieren Allgemein http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/10/15/friedensnobelpreis-fuer-die-eu-wir-gratulieren-auch/ synd-nobel

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26.09.: Vortrag „Gustav Landauer, Revolütionär des Geistes“ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/09/06/26-09-vortrag-gustav-landauer-revoluetionaer-des-geistes/ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/09/06/26-09-vortrag-gustav-landauer-revoluetionaer-des-geistes/#comments Thu, 06 Sep 2012 10:19:06 +0000 bildungdiskutieren Allgemein http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/09/06/26-09-vortrag-gustav-landauer-revoluetionaer-des-geistes/ land

Der unterfränkische Bund der SatanokommunistInnen proudly presents –

außerdem im Abendprogramm: Regenbogenschießen, bisexuelle Einhörner, Feuerspucken, alkoholische Getränke, mit anschließender großzügiger Vergabe von ECTS- und ET-CETERA-Punkten an alle Interessierten.

[Eintritt natürlich frei, falls ihr oich fragt!]

C u.

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Flüchtlingsproteste in Würzburg. Selbstorganisation und Widerstand gegen Rassismus und Bevormundung http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/09/04/fluechtlingsproteste-in-wuerzburg-selbstorganisation-und-widerstand-gegen-rassismus-und-bevormundung/ http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/09/04/fluechtlingsproteste-in-wuerzburg-selbstorganisation-und-widerstand-gegen-rassismus-und-bevormundung/#comments Tue, 04 Sep 2012 19:18:21 +0000 bildungdiskutieren Allgemein http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/09/04/fluechtlingsproteste-in-wuerzburg-selbstorganisation-und-widerstand-gegen-rassismus-und-bevormundung/ [An dieser Stelle veröffentlichen wir den Artikel, der Anfang August für die Zeitung Graswurzelrevolution geschrieben wurde. (Alles Gute zum Geburtstag, übrigens!) Der Artikel ist in der September-Ausgabe / Nr. 371 erschienen. Hier ist die „ursprüngliche“, von Fehlern und so weit es geht von sprachlichen Holprigkeiten bereinigte Version. Aus Erfahrung scheint es uns wichtig, auf der Authentizität zu bestehen, zudem sehen wir uns hier mit dem Problem des Platzmangels (noch) nicht konfrontiert.
Und nein, das Foto in der GWR ist nicht von Andrej, sondern ist der Seite http://www.facebook.com/GUStreik entnommen. – Grunz, Liebesstrahlen vom BiKri. Nicht.]

Mein Hauptanliegen ist in erster Linie über den sich zurzeit ausbreitenden Protest der Flüchtlinge zu berichten und dabei das faszinierende Ausmaß an Selbstorganisation hervorzuheben. Das bringt mich allerdings in ein schweres Dilemma: denn bei den Protesten ging es den Flüchtlingen darum, sich konsequenterweise nicht mehr bevormunden, bemuttern oder repräsentieren zu lassen. Und nun schreibe ich, einer von vielen UnterstützerInnen darüber. Also erhebe ich trotz oder gerade wegen der Einsichten und des Wissens von der Organisationsweise und der Dynamiken der Flüchtlingsproteste in Würzburg keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Noch will ich Stellvertreter des Protests sein. Das sind meine Erfahrungen und Erfahrungen einiger meiner MitstreiterInnen und ich spreche für mich mit meiner eigenen Stimme.
Es gibt viel zu viele Menschen in der BRD, denen das Fundamentale, das Alltägliche und „Normale“ der bürgerlichen Gesellschaft verweigert wird. Klar, man / frau könnte sich auch Besseres vorstellen als das Recht, sich Untertan des deutschen Staates zu schimpfen; als das Recht, als WarenbesitzerIn anerkannt zu werden und sich sofort in den Tumult der eiskalten Konkurrenz und eifriger Selbstentfremdung zu stürzen. Und nun, erheben einige Flüchtlinge in Deutschland ihre Stimme und maßen sich an, aus der ihnen aufgezwungenen Rolle als verwaltete Menschenmasse herauszubrechen. Sie alle – sei es in Würzburg, in Bamberg, in Berlin, in Regensburg, im fränkischen Aub oder in Düsseldorf – verlangen dasselbe: das Ende der entmenschlichenden Unterbringung in Lagern (oft zynisch als „Heime“ bezeichnet), Abschaffung der Essenspakete und der aus der NS-Zeit stammenden Residenzpflicht, Beschleunigung der zermürbenden Asylverfahren und professionelle Deutschkurse, die eine schnelle Integration ermöglichen würden. Selbst der alltägliche Horror bundesdeutscher Gesellschaft ist Nichts, verglichen mit dem Horror der Asylbewerberunterkünfte, der Aufnahme- und Rückführungsstellen für Flüchtlinge, die sich auf der Suche nach Schutz und etwas Glück nach Deutschland begeben.
So unfrei der Staatsuntertan ist, so wackelig die bürgerliche Existenz, die nach Adorno nur noch „für sich“, aber längst nicht mehr „an sich“ besteht (1), ist das, scheint es, die einzige Existenzform in diesem Land, die wenigstens ein Schein vom selbstbestimmten Leben gewähren kann. Das ist genau das, was einkasernierten Flüchtlingen hartnäckig von Staats wegen verweigert wird. Das ist genau das, wofür sie mitdrastischen Mitteln kämpfen. Außer ihren Leben haben sie ja nichts, womit sie noch den deutschen Staat erpressen könnten. Weil eben diese Leben dem deutschen Staat auch egal sind, ist der Ausgang dieses Kampfes sehr unsicher.
Für jeden, der die unterfränkische Stadt Würzburg gut genug kennt (allzu viel Zeit braucht man dafür übrigens nicht), ist es wunderlich, dass ausgerechnet hier der Hungerstreik der Flüchtlinge stattfand, auf den sich Proteste in anderen Städten beziehen. Es ist eine katholisch-beschauliche, idyllische Stadt ohne eine besonders umtriebige linke Szene, irgendein ausgeprägtes proletarisches Milieu oder irgendwelche besonders nennenswerte Ereignisse in den letzten Jahren. StudentInnen, RentnerInnen und Polizeibeamte bilden zusammen das langweilige Ganze der zutiefst provinziellen Stadt. Andererseits vielleicht gerade deswegen war die Geduld einiger BewohnerInnen der so genannten Gemeinschaftsunterkunft (GU) in der ehemaligen „Adolf-Hitler“-Kaserne endgültig zu Ende.
Es ist nicht so, dass die Flüchtlinge in Würzburg sich selbst überlassen wären. Um die GU herum entstand eine ausgeprägte caritative Industrie aus verschiedensten Verbänden und Organisationen, die es auf eine komische Art und Weise gut mit den Flüchtlingen meinten. All ihr bemutterndes Treiben läuft allerdings nicht darauf ab, die krasse menschliche Not in der GU in absehbarer Zukunft abzuschaffen, sondern richtete sich an der grundsätzlichen Akzeptanz des Status Quo. Wie es beispielhaft auf der Homapage des Diozäsanverbandes Würzburg steht: „Einem Großteil der Flüchtlinge wird in Deutschland kein dauerhaftes Bleiberecht gewährt. Allein in Bayern leben circa 12.000 Flüchtlinge mit Duldungen. Viele wären bereit, in ihr Heimatland zurück zu kehren, wenn ihnen Perspektiven für die Rückkehr gegeben würden. Die zentrale Rückkehrberatung gibt gezielte Informationen über die aktuelle Situation im Heimatland und unterstützt konkret bei der Entscheidungsfindung. Eine selbst bestimmte, selbst gestaltete und freiwillige Rückkehr in Sicherheit und Würde ist einer ausländerrechtlichen Maßnahme, insbesondere Abschiebung und Abschiebehaft, vorzuziehen“. (2) Angesichts der angedrohten „Rückführung“ werden die Angebote der caritativen Industrie natürlich auch wahrgenommen und genutzt. Was bleibt einem noch übrig?
Es brodelte natürlich in der GU, nicht alle nahmen die tägliche Gängelung hin. Seit 2009 gab es Versuche der Organisierung von Flüchtlingen, es wurden Infostände und Demonstrationen organisiert. Im Winter 2011/2012 kam es zum Boykott der Essenspakete – einer sehr entwürdigenden Praktik der bayerischen Behörden, bei der den Flüchtlingen sogar in Sachen Ernährung die Selbständigkeit genommen wird. Der Bruch, nach dem es kein Zurück mehr geben konnte, kam am 29. Januar 2012, als der 29-jährlige Iraner Mohammad Rahsepar sich auf seinem Zimmer in der GU erhängte. Er litt an Depressionen und hat die Leitung mehrmals gebeten, zu seiner Schwester ziehen zu dürfen, doch das war ihm verwährt. Ein Teil seiner Landsleute entschloss sich, die tödlichen Umstände zu skandalisieren und selbst für eigene Menschenwürde zu kämpfen. Man zerstritt sich allerdings darüber, ob man den Tod von Mohammad „politisieren“ dürfte oder nicht. Nun, ein aus politischen und nicht aus „wirtschaftlichen“ (was auch immer das sein soll) Gründen aus dem Iran Geflohener, der sich aufgrund der Behandlung durch die Leitung in der GU umbringt, wie „unpolitisch“ kann das nur sein? Die Spaltereien unter den Bewohnern der GU fanden allerdings nicht ohne Dazutun von Ehrenamtlichen „Helfern“ aus dem „Heim-Cafe“ und ihren enthusiastischen Freunden aus dem studentischen Milieu statt. Vor der Demonstration in der Innenstadt, die am 13. Februar stattfinden sollte, verbreiteten sie wider besseres Wissen falsche Informationen in der lokalen Presse über die Organisation: der Mehrheit der GU-Bewohner wären weder die Organisatoren noch die einzelnen Forderungen bekannt gewesen (3). Bei den Vorbereitungen zur Demonstration ist ein Teil der UnterstützerInnen sogar ausgestiegen, um die seit Jahren aufgebauten caritativen Strukturen rund um die GU nicht zu gefährden und das erwünschte vereinheitlichte Bild der Asylbewerber*Innen in der Öffentlichkeit nicht zu schädigen, was eine klare Parteiergreifung für den Status Quo war. Die weitgehend von Flüchtlingen selbst getragene Demo fand trotzdem statt und kann als Erfolg bewertet werden, sofern man symbolische Politik als Erfolg bewerten kann. Als Rednerin beteiligte sich Mina Ahadi vom Rat der Ex-Muslime, was vermutlich die Bewohner der GU noch zusätzlich spaltete: nicht alle stehen dem Islam so kritisch gegenüber und wollen sich von Ahadi repräsentieren lassen.
Die treibende Kraft hinter den Protesten waren die iranischen Flüchtlinge, die letzten Endes unter sich blieben. Masoud, der sich damals an der Organisation des Protests beteiligte, erklärt es folgendermaßen: Iraner sind explizit politische Flüchtlinge, sie wollen sich nicht mit dem Dahinvegetieren und Abwarten in der GU abgeben, die Asylverfahren dauern bei diesen Flüchtlingen sehr lange und – warum auch immer – ließen sich andere ethnische Gruppen nicht von der Idee des selbstständigen Kampfes begeistern.
Jedenfalls waren Masoud und seine Mitstreiter entschlossen, nicht in die GU zurückzukehren. Sie wollten den Protest eskalieren lassen. Also wurde binnen zwei Wochen unter dem massiven psychischen und physischen Verschleiß ein großes Zelt mit Feldbetten aufgetrieben, die Protestform eines öffentlichen Hungerstreiks direkt in der Innenstadt gegen die Stadt und Polizei unter Verweis auf die vom Grundgesetz garantierte Freiheit der Meinungsäußerung durchgeboxt – sehr zum Ärger der Stadt und ihrer Caritativen. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass der Protest am Anfang von keiner offiziellen Organisation oder Institution der Stadt unterstützt wurde: weder vom Ausländerbeirat, noch von der Bahnhofsmission, noch vom THW usw. Selbst die vom Anfang an informierte Pro Asyl hatte große Schwierigkeiten mit der Protestform und wollte z.B. nicht mal ein Spendenkonto zur Verfügung stellen.
Was danach folgte, konnte niemand auch nur mittelfristig abschätzen. Die Stadt versuchte, die Streikenden aufzureiben, das Zelt musste mehrmals umziehen. Es kamen unzählige Menschen vorbei, um ihre Solidarität auszudrücken, sich über die Lage im Iran zu informieren und die 10 Streikenden Iraner auch praktisch zu unterstützen. Leider – aber sehr vorhersehbar – kamen sich auch unzählige Menschen vorbei, die ihren Ressentiments und Xenophobie freien Lauf ließen und für keine Argumente zugänglich waren. Die lokale Politprominenz nutze die Gelegenheit, um sich von der „richtigen Seite“ zu präsentieren und die CSU und die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer für ihre „Hartherzigkeit“ anzupinkeln. Es wurden immer wieder Demonstrationen und Soliveranstaltungen gemacht, Anwälte bemüht, Spenden gesammelt, Petitionen gestartet, Pressekonferenzen abgehalten, Hungerstreik ausgesetzt und wieder aufgenommen, man ließ die Stadt sich immer wieder vor dem Landesverwaltungsgericht in München blamieren. Bemerkenswert ist das Vorgehen der Stadt: sie versuchte mit „anständigen“, rechtsstaatlichen Mitteln den skandalösen Protest zu beenden, indem sie sich Mühe machte, unerträgliche Auflagen zu machen, um später behaupten zu können, die Flüchtlinge würden keine politische Arbeit machen, sondern nur auf der Straße wohnen. Das war ja zum Teil sogar richtig, denn vor lauter Schikanen war es kaum möglich, sinnvoll politisch zu arbeiten. Die Polizei zeigte sich auch sehr eifrig, interpretierte die Auflagen im eigenen Sinne und führte z.B. Protokolle, wer wann anwesend war und wer wann im Zelt geschlafen hat. Die andere Seite davon waren extra von der Stadt geschickte Menschen, die unter den Streikenden Ängste und Misstrauen zu schüren versuchten, oder Gespräche hinter geschlossenen Türen im Rathaus mit den Streikenden, die als Anführer ausgemacht wurden. Ihnen wurde angeboten, in einem schnellen und informellen Verfahren zum Asyl zu verhelfen, dafür hätten sie den Streik abbrechen sollen. Das wird allerdings von der Stadt offiziell dementiert. (4) Auf jeden Fall, wir haben eine Menge durchgemacht und niemand hat damit gerechnet, dass dieses Zelt so lange steht.
Lassen wir die Lappalie am 1. Mai, als die DGB-Funktionäre Masoud trotz der Vereinbarung nicht reden lassen wollten, sehr wohl aber die Ehrenamtlichen von Heim-Cafe. Viel markanter war eine vom Ausländerbeirat Würzburg veranstaltete Podiumsdiskussion mit dem Chef des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge Manfred Schmidt und Bernd Mesovic, dem stellvertretenden Geschäftsführer von Pro Asyl, am 9. Juli. Die Herrschaften bemühten sich redlich, gute Miene zum schlechten Spiel zu machen. Nur die streikenden Iraner hat bezeichnenderweise niemand eingeladen. Aber nachdem die omnipräsenten Ehrenamtlichen mit ihren Beiträgen fertig waren, schafften auch sie eine wichtige Frage in den Raum zu stellen – hat ihr Hungerstreik tatsächlich eine Beschleunigung der Asylverfahren bewirkt? (5) Unnötig zu erwähnen, dass weder Schmidt noch Mesovic sich zum Protestzelt gewagt haben.
Mir scheint es wichtig, auf ein angespanntes Verhältnis zwischen den Streikenden und HelferInnen hinzuweisen. Genau wie die Streikenden selbst, haben sich die HelferInnen durch Machtkämpfe und Missverständnisse gespalten. Es gab Menschen, die „drin“ waren, und Menschen, die nur irgendwelche „nebensächliche“ Funktionen erfüllt haben. Allmählich wurde es aber „privater“, das Vertrauen wuchs. Zur Spalterei hat auch die Entscheidungsstruktur beigetragen, auf die wir alle anfangs sehr stolz waren. Das ist der Kampf der Flüchtlinge, es geht um deren Leben, wir sollten ihnen nur helfen. Was tun aber, wenn sie den Unterschied zwischen der personalisierten Willkürherrschaft im Ajatolla-Staat und dem gleichgültig und anonym vor sich hin malmenden deutschen Rechtsstaat hartnäckig nicht peilen? Und was, wenn sie einfach nicht mehr weiter wissen? Oder soll man sich denn freuen, wenn einem plötzlich von oben herab offenbart wird, man darf jetzt ein Teil der gesamteuropäischen Flüchtlingsbewegung sein? Ein nützliches Bleichgesicht, so zu sagen?
Das Zunähen von Lippen Anfang Juni war eine drastische Maßnahme, zu der verzweifelte Iraner greifen mussten, um ihren Protest weiter voranzutreiben. Die Maßnahme war so umstritten, dass die Internationale Föderation Iranischer Flüchtlinge (IFIR) ihre Unterstützung für das Zelt aufkündigte. Auch Masoud, einer der Hautorganisatoren, hat sich vom Protest entfernt. Mohammad Kalali ließ aus Verzweiflung über die Untätigkeit der Behörden den Hungerstreik zum Durststreik eskalieren (6), das war ein grauenvoller Moment für alle Beteiligten.
Das Beispiel hat anscheinend noch vielen Asylsuchenden in der Bundesrepublik Mut gemacht. Ähnliche Aktionsformen entwickelten sich in Bamberg, in Aub, in Düsseldorf und Regensburg. Neulich trat Berlin hinzu und am 10. August soll Nürnberg hinzukommen. Bestärkt wurde das Ganze durch eine Info-Tour vom Mohammed Kalali, zurzeit in Regensburg, der seit Monaten konsequenterweise seine Residenzpflicht verletzt. Er erklärte: „nun werde ich öffentlichkeitswirksam zeigen, dass mir die Residenzpflicht scheißegal ist“. (7) Der Boykott von Essenspaketen in baden-württembergischen Sinsheim wurde rechtzeitig von der Heimleitung abgewürgt. (8)
Auch wenn ich persönlich das Gefühl nicht los werde, mit der gewonnenen Breite die Sache an Tiefe verloren hat, kann es sein, dass das Break Isolation-Camp vom 23.08. bis 02.09. in Erfurt und der Protestmarsch nach Berlin einen neuen qualitativen Impuls geben können. (9) Wenn nicht, versinkt das Ganze noch einmal in der symbolischen Politik, die nur für symbolische Lösungen sorgt.

Andrej Mittlestädt

(1) Adorno, Theodor W., „Minima Moralia“
(2) http://caritas-wuerzburg.de/bwo/dcms/sites/caritas/dv/01_ich_brauche_hilfe/05_migration.html
(3) http://www.mainpost.de/regional/franken/Protest-und-Trauer-nach-Suizid-im-Asylheim;art1727,6610423
(4) http://www.regensburg-digital.de/wurzburg-falsche-eindrucke-und-dubiose-rathaus-deals/25072012/
(5) http://www.mainpost.de/regional/franken/Beschleunigte-Streik-Asylverfahren;art1727,6891159
(6) http://jungle-world.com/artikel/2012/28/45837.html
(7) http://www.regensburg-digital.de/die-residenzpflicht-ist-mir-scheissegal/23072012/
(8) http://jungle-world.com/artikel/2012/26/45742.html
(9) http://www.thecaravan.org/refugeecamp2012

Auf jeden Fall ist die Sache noch nicht gegessen, die Situation ändert sich praktisch täglich, daher sollte man sich auf dem Laufenden halten:
Würzburg: http://gustreik.blogsport.eu/
Regensburg: http://strikeregensburg.wordpress.com/
Aub: http://asylaub.wordpress.com/
Berlin: http://www.thecaravan.org/node/3333
Nürnberg: http://strikenuernberg.wordpress.com/
Bamberg: http://fluechtlinge-bayerns.com/
Düsseldorf: http://refugee-resist-duesseldorf.de/

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http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/09/04/fluechtlingsproteste-in-wuerzburg-selbstorganisation-und-widerstand-gegen-rassismus-und-bevormundung/feed/