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Kleiner Abgesang

Eines lauen Herbsttages, ich erinnere mich noch daran als wäre es vorgestern gewesen, habe ich die Freundinnen und Freunde des Würzburger Bildungsstreikensembles kennengelernt. In einer dieser Universitäten, die mich bis dato immer mit Ehrfurcht vor der geistigen Tätigkeit erfüllten, lernte ich die anfänglichen Genossen und späteren Kneipenbrüder, die mir die Stupidität der heutigen Studenten vor Augen führten, kennen. Ich wurde regelrecht dazu überredet mich in die Lehranstalt des Grauens zu begeben und einer anhaltenden Protestwelle, die zur Besetzung eines jeden Audimax in jedem noch so kleinen Städtchen führten, mit den einst radikalen Parolen des Pariser Frühlings eine Massenbewegung herbei zu halluzinieren. Es waren Zeiten als einige meiner damaligen Freunde und ich sich zur linken Avantgarde in der Provinz stilisierten. Nun endlich haben die mühsamen Stunden, in denen man gemeinsam Heinrich las, einen Sinn bekommen und stolzer Brust war man bereit das Zepter in die Hand zu nehmen, denn stets war nicht das Verhältnis von Kritik und Krise verstanden worden, sondern das groteske von Theorie und Praxis. Was jetzt folgt war wesentliches Moment von Praxis und da unsere Auffassung nach nichts anderes zuließ, wollte man jetzt nicht nur, sondern durfte auch Revolte spielen. Bekanntlich kam alles anders, und die Domain www.würzburgbrennt.de wurde unter Rücksicht auf die „Opfer der Würzburger Bombennacht“ vom 16. März 1945 umbenannt. Die Diskussionen um Bildung, die in Arbeitskreise untergliedert wurde, bot selbstverständlich, dank der anhaltenden pluralistischen Stimmung die schließlich auch zum Ende der Besetzung beitrug, einem AK Gesellschafts- und Bildungskritik Platz. Desillusioniert vom Protest und seinem Anhang entstand so der Bikri, der eher eine lose Zusammenkunft mit gemeinsamer Basis schuf Texte zu fressen und sich über die Würzburger Provinz in all ihren schnöden Facetten lustig zu machen als eine feste Gruppierung, die in ihren Namen zu Furcht und Schrecken aufruft. Aus diesem anfänglich Bedürfnis wuchs dennoch bei manchen der Drang nach einem radikalem Lebenswandel, der von den immer gleichen Leuten stets belächelt wurde. Konzepte einer einsamen Blockhütte im Wald, Überlegungen der Gründung einer Stadtguerilla und die zunehmende Rezeption der Schriften einer Situationistischen Internationale sollten die Ohnmachtsgedanken kompensieren; was schließlich fehlschlagen musste. Man sammelte das ganze Leben, das von Langeweile nur so strotzte, in einem gemeinsamen Verein namens Kupuk e.V. und zeigte sich besonnen der allgemeinen Unlust einen kulturellen Anstrich zu verleihen. Mittels Labels und Etiketten schuf man eine identitäre Gemeinschaft, die sich gegen äußere Einflüsse so wappnen wollte, doch verstanden, dass es sich dabei nicht nur um Labels handelt, haben die wenigsten, denn ihr Denken war schon so grundfalsch im Ansatz, dass man in der Nachbetrachtung nur Kopfschütteln kann. Anschließend erklärte man, es handele sich dabei um einen Experimentierraum (nicht nur um den üblichen Autonomen Zentren dieser Republik einen Strich durch die Rechnung zu machen und seinem eigenen Distinktionbedürfnis nachzukommen) unter dem sich die eindimensionalen Geister dieses Vereins freilich nichts anderes vorstellen konnten als Konzertbühne und Kneipentheke mit beschmierten Toiletten um trinklustige Abende mit Punk-Musik zu veranstalten. Auch davon desillusioniert gab man jeden weiteren Anlauf auf und jeder ging wieder seinen Dingen nach. Der Bikri verkam zu recht zu einer Plattform eines Einzelnen immer noch genervt in die Welt blickenden, der über die Beschissenheit der Dinge schrieb. Die letzten Überreste, die im Vereinswesen kurzweilig ihr Zuhause gefunden hatten, zogen sich in städtische Jugendzentren zurück aus den sie gekrochen kamen, andere arbeiteten weiterhin in der zwangsharmonisiert geführten Gastronomie, um dort, unter Freunden versteht sich, der stets positiv ausgedrückten Lebensfreude eines elendigen Studenten ohne Abschluss zu fröhnen. Wieder andere beschlossen ihr Studium zu beenden, zogen nach Frankfurt/Main um dort den selbigen Mist mit anderen Gesichtern aufzuziehen. Wie dem auch sei: Die ganze Geschichte hätte in jeder anderen Stadt spielen können und trägt sich dort vermutlich noch immer so ab oder hat es zumindest einmal. Doch sollte sich ein solches Dilemma anbahnen, ein guter Rat: Packt euer Hab und Gut und macht das ihr verschwindet! Es gibt besseres als sich zwei bis drei Jahre mit Vereinsmeierei zu beschäftigten, den Schatzmeister eines Vereins für alternative Kultur und Politik abzugeben, auch wenn sich diese kitschigen Ambitionen in den späteren Lebenslauf nahtlos eingliedern lassen. Einzig ist dem Bikri zugute zuhalten, dass diese Versammlungen, die nicht selten satanischen Zirkelveranstaltungen zum Verwechseln ähnelten, alles mögliche an Publikum anzog um auf der Basis des zwanglosen Zwangs des besseren Arguments über die Welt (im besten Sinn) zu philosophieren. Ich hätte vermutlich sonst nie mit einem angehenden Juristen über den Marxschen Extraprofit gestritten, „Die Eroberung des Brotes“ von Kropotkin in einer Straßenbahn gelesen, Benjamins Geschichtsthesen so fehlinterpretiert wie an diesem Nachmittag in der Grünanlage des Juliusspitals oder angefangen das Buch „The coming Insurrection“ ins Deutsche zu übersetzen. Dem alternativen Leben in Würzburg, der ganzen noch hässlicheren Linken, die mittlerweile ihren eigenen „Freiraum“ hat und mittels Gewalt und Denunziation „politischen Feinden“ (wie sie sagen) das Leben schwer macht (Topo Rojo, Antira Würzburg, Jugendantifa Würzburg, etc. pp), den damaligen Protestlern und heutigen Berufspolitikern, den Servicekräften und Köchen im Kult, den Konzertveranstaltern im Cairo, B-Hof, Immerhin und der heutigen Kellerperle ist mit dem Abschied des Bikri selbstverständlich nichts verloren gegangen, denn es war nie erklärtes Ziel, gerade dort, wo die Szene hausiert, etwas zu gewinnen.

gez.

Karl von Medina

Besoffene Nach(t)betrachtungen. Diesmal: die Omphaloskepsis

I‘ve got a 24-lane highway
going straight thru my head
a peace of mind like a brainstorm
and thoughts that knocks me dead

At my worst I‘m at my best
wide awake but let sanity rest
I‘m full of hell
all kinds of hell

Entombed, „Full of Hell“

Nachbetrachtungen… Stimmt, wir haben mehr Nachbetrachtungen versprochen. Es gäbe in der Tat vieles in dieser Stadt, worüber wir noch mal reden könnten bzw. sollten. Über die so genannte Linke dieser Stadt, ihren traurigen Laden und ihre älteren Genoss*innen in der Politik und den Gewerkschaften; über „die klassische Dagegen-Kneipe“ Kult, über Menschen, die sich am wohlsten in einer Art Hunderudel fühlen; über den peinlichen Scheiß des theater ensemble, den mensch am besten nicht mit halbleeren (ja, die waren eben nicht halbvoll!) Bierflaschen, sondern noch mit Molotov-Cocktails angreifen sollte; über die Verkehrsformen der „Kunst- und KulturschAFFEnden“, die ihre Entstelltheit und Präkarität für ihre Freiheit halten; und mensch dürfte nicht aufhören, das blanke Elend des studentischen (und überhaupt) Lebens in dieser Stadt, immer und immer wieder bloßzustellen. Kirchen, Bullen und Kaufhoiser – das ist die unterfränkische Beschaulichkeit.

Nun, das tun wir auch jetzt alles nicht. Keine Zeit, kein Nerv und ganz einfach kein Bock mehr. Sollen das die Leute tun, in der jeweiligen Scheiße stecken bleiben, wäre das doch ihre geringste Pflicht. All diese Sachen, von der Kirche, Bullen und Kaufhoisern abgesehen, haben zudem ihre positiven Seiten und haben somit ihren (wenn auch verkehrten) Sinn, das müssen wir eingestehen: da rutschen gutmeinende Menschleins rein, gehen ihren Dingen nach und wenn sie klug sind, fliehen sie wieder. Die einzige halbherzige Nachbetrachtung, die es hier geben wird, handelt von einer genau so unnötigen und in ihrem Unsinn berechtigten Sache: vom BiKri selbst. Vielleicht wird dieser traurige Pups im Internet jemand weitetrhelfen, jemand zum Lachen oder zum Gähnen bringen oder auch niemand interessieren. Es ist auch uns jetzt schnurz. Den noch traurigeren Pups vom Z.F.I. werden wir oich aus Datenschutzgründen ersparen. Auf jeden Fall, wer auch immer von Leuten, die involviert waren, Lust hätte, sich auch dazu zu ggf. äußern, kann das hier gerne tun.

Die Geschichte ist in der Tat nicht sehr spannend, nicht besonders bewegend und vielleicht nur noch peinlich. Was soll’s. Nach erfolglosen Versuchen, ein wenig Einfluss auf die hirnlosen Bildungsproteste 2010 in Würzburg auszuüben, nutzen wir die Pause zwischen Sommer- und Wintersemester, um uns zu überlegen, wie weiter. Wie mensch es von Studentengesichtern auch erwarten kann, früher oder später kam der Vorschlag auf, einen Lese- und Diskussionszirkel zum Thema Bildungskritik im breiteren Kontext der Gesellschaftskritik aufzumachen. (Die Person, die den Vorschlag gemacht hat, ist legen-wartet mal!-där, und verdiente eine eigene Nachbetrachtung, aber das lasen wir auch). Bereits an dieser Stelle könnten wir aufhören, denn alles Folgende würde sich aus der Entstehung erklären. Weil wir jedoch unsere Leser*innen aufs Übelste verabscheuen, schreiben wir noch ein wenig weiter.

Wir haben uns eine Blog mit dem dämlichen Namen zugelegt (ja, wir wollten damals diskutieren!) und eine offiziöse e-mail-Adresse, die wir nur selten checkten. Die Gründe, warum BiKri den potenziell revolutionären Volksmassen auf MySpace, Twitter und Facebook nicht folgen wollte, sind nicht überliefert. Was wir uns an Literatur angetan und sonst so getrieben haben, kann mensch dem Blog entnehmen. Langfristig geplantes Programm, kurzfristige spontane Entscheidungen, seminar-ähnliche Besprechungen und gegenseitiges Vorlesen, mal mit Gästen, mal nur unter „uns“, mal im Freien, mal im „besetzten“ Audimax, mal in der Straßenbahn. Mal mit guter Lektüre, mal mit welcher, nach der mensch nur noch den Kopf schütteln und bitterlich lachen konnte. Wir haben fast alles ausprobiert, was mensch mit so einem Konzept machen konnte. Selbst der Verlockung der Marxologie, dem schändlichen Geschäft der linken Akademiker*innen, haben wir uns hingegeben. Zu sagen bleibt noch, mensch hüte sich vor Kapital-Lesekreisen und „Wissenschaftler*innen“, die darin sitzen.

Da der Plan eigentlich war, den Diskussionszirkel nicht als Ziel an sich, sondern als den Anfangspunkt der Organisierung zu setzen, müssen wir sagen, das Vorhaben ist größtenteils gescheitert. Nicht ganz eben, aber größtenteils. Es war sporadisch möglich, die Struktur auch für andere Sachen zu nutzen, außer für Entscheidungen, was wo und wie demnäxt gelesen wird. Im Hintergrund dissoziierte der Letze Hype, wurde Grand Hotel Abgrund verhindert und auch KuPuK e.V. langsam, aber sicher an inneren Widersprüchen verblutete – allesamt Sachen, die sehr viel ausgemacht haben. Spätestens als die Flüchtlingsproteste 2012 in dieser Stadt angefangen haben, hat BiKri das einzig Anständige unter gegebenen Bedingungen gemacht – nämlich Platz gemacht und in der Bedeutungslosigkeit versunken. Hinzu kam natürlich auch, dass das allwissende ZK im Exil, zwar nicht direkt uns, aber trotzdem in sehr klaren Worten das Betreiben von Theoriekollektivierungen in dieser Form verbot. Womöglich, das erste und das letzte, was alle studentischen Theoriezirkel lesen sollen, ist die Schmähschrift „Der wissenschaftliche Sozialismus“ von Jan Wacław Machajski. Danach sollen sie auseinander gehen.

Naja, angesichts des organisatorischen Scheiterns müssen wir feststellen, dass auch viel unterlassen und schlicht vermasselt wurde. Dass wir gemeinsam (und zu unterschiedlichen Zeiten waren das unterschiedliche Personen) so selten geschafft haben, den „Lesekreis“ hinter einem Blog und einem Mailverteiler zu verlassen, um irgendwo konkret zu intervenieren. Dass wir nicht ein mal in der Lage waren, die Scheiße wenigstens auf dem Blog zu benennen. Die Stadt hat ja nicht aufgehört, Anlässe zu bieten. Nun, warum wohl? Der mangelnden Identifikation mit dem Label BiKri wegen? Das war ja gerade die Absicht, dass keine Sekte und kein Hunderudel entsteht. War das nicht klar genug kommuniziert? Wohl wahr: war „uns“ selber nicht immer klar. Weil die angehenden ghost scientists nicht schriftstellerisch begabt sind? C‘mon… Viel mehr, weil die Theoriedurst der Studentengesichter, die in den miserablen Seminaren der Würzburger Uni nicht gestillt werden konnte, wohl nicht der Punkt sein kann, wo die Organisierung und das gemeinsame Handeln von irgendeiner gesellschaftlicher Relevanz ansetzen könnten. Erstaunlich, aber das Ganze war trotzdem nicht so unnütz und verblödend wie die Uni-Seminare.

Was auf das Einschlafen der primären Tätigkeit folgte, war nur die Ablage von irgendwelchen Publikationen oder das „laute Nachdenken“. (Das Thema „Knast“ bzw. „JVA Würzburg“ bringt uns immer noch viele Referers ein, was so einiges über die Stadt aussagt).

An dieser Stelle höre ich auf, von „uns“ zu schreiben. Es gibt „uns“ längst nicht mehr, gab es womöglich auch nie. Glückwunsch an alle, die sich nicht nur mit den Clowns, sondern auch mit der Clownerie angefreundet haben. Ich, Ndejra, das zornige Seepferdchen, schreibe diesen unnötigen Beitrag zu Ende und schließe damit diesen Blog. Nötig ist nur, nach diesem Abschnitt einen Punkt zu setzen. Alles hier Beschriebene, ist meine Sicht der Dinge und fußt nur auf meinen Wahrnehmungen. Der Unterfränkische Bund der Satano-Kommunist*innen, die Würzburger Forschungsgesellschaft für Vulvologie, die Loge der schwarz-roten Magie, das mobile Hans-Böhm-Museum, die Mandelo-Brandelistische Strömung sowie Occupy Erlabrunn und Occupy Kist (militanter Flügel) lösen sich hiermit auf.

In diesem Sinne – grind on! Oder anders gesagt – wohlan!

Unten eine Auswahl aus unserer gemeinsamen „Publizistik“.

Sind wir denn noch aufzuhalten? / Wir hätten uns gerne verabschiedet / Flaschenpost zwischendurch / Fail-Trade & Co. / Traurigen Gestalten gewidmet / Das Kätzchen heißt von nun an Walter Benjamin / Und täglich grüßt das Bildungstier / Väterchen T gegen den Staat / Sommerliche Laune mitten im Winter / Dieses Jahr wird alles besser / Bürger der Stadt feiern Dienstag der Freude / 90 Jahre Aufstand von Kronstadt / Von Tauben und Idioten / Aus dem Lande kamen die ungünstigsten Nachrichten / Es ist beachtlich / Ein phänomenologisch-geographischer Versuch über Würzburg mit psychologischen und gynäkologischen Komplikationen / „Und, ist Würzburg immer noch Scheiße?“ / Interview mit einem bulgarischen Anarchisten / Staunen über die Rübenrekorde / Occupy Doitschland: Talkin‘ ’bout the revolution / Es erinnert mich an Februar in Lybien / Aus der beliebten Reihe: BiKri deckt auf / Von Bildungsprotesten der Erwachsenen / Knast ist halt kein Ponyhof: Hungerstreik in der JVA Würzburg und die Stimme des Volkes / Grüße von Uncle Sam, ihr Nasen! / Wahl-Proteste, soziale Kämpfe und die Linke in Russland / Einige kritische Anmerkungen zu M31 in Frankfurt am Main / Wie wir den 1. Mai runter-geWürgt haben / Flüchtlingsproteste in Würzburg: Selbstorganisation und Widerstand gegen Rassismus und Bevormundung / Neues Leben für Prjamuchino, das ehemalige Adelsnest der Familie Bakunin / Ein Volk, das keine Traditionen der Selbstorganisation hat, lässt sich leicht politisch manipulieren und wird sehr schnell reaktionär / Verwaltete Kälte / Im allgemeinen ist es eine ekelhafte Situation: Zum Stand der Wahl-Proteste und zum Zustand der Linken in Russland / Würgtown in seinem antifaschistischen Denken und Handeln

hell!

Einer von der „Belorusian 5″ aus dem Gefängnis entlassen

franzkewitsch

Alexandr, wir gratulieren zu deiner Freilassung. Die Obrigkeit versuchte mit allen Kräften den Prozess, in dem du, Nikolaj Dedok und Igor Olinewitsch verurteilt wurden, als einen gewöhnlichen Strafprozess darzustellen. Als Folge wagten es viele Bürgerrechtsorganisationen lange nicht, dich als einen politischen Gefangenen zu bezeichnen. Wie schätzt du deine Verhaftung und die, deiner Genossen ein?
Das Ziel der Obrigkeit war nicht, die Schuldigen zu finden, sondern die anarchistische Bewegung zu neutralisieren, egal, welchen Kampfmethoden wir anhängen würden. Beispielsweise bedeutet die Tatsache, dass im Laufe des Prozesses noch ein Angeklagter, Maxim Wetkin, freigelassen, und ich, Dedok und Olinewitsch verurteilt wurden, dass für sie die Überzeugung wichtiger war, an der wir während des Prozesses festhielten, als der Straftatbestand, den sie uns anzuhängen versuchten. Der Prozess war absolut politisch, er hatte nur mit unseren politischen Überzeugungen zu tun. Und wir sind davon Überzeugt, dass in diesem Land eine Diktatur herrscht und wir gegen sie kämpfen müssen. Je länger ich einsaß, desto mehr war ich davon überzeugt.

Was denkst du, hat man dich zufällig drei Monate vor den Präsidentschaftswahlen verhaftet?
Als Katalysator diente der Angriff auf die russische Botschaft. Das hat internationale Resonanz ausgelöst. Lukaschenko sagte, dass dahinter russische Geheimdienste stecken. Natürlich spielten auch die näher rückenden Wahlen eine Rolle. Wären wir aber nicht im September verhaftet worden wären wir sowieso im Dezember im Knast gelandet, zusammen mit allen anderen Oppositionellen, die nach den Wahlen verhaftet wurden. Früher oder später wäre das passiert – mit oder ohne Straftatbestand – wir wären auf jeden Fall unter die Räder geraten.

Es gibt Mutmaßungen, dass deine Verhaftung und der Charakter der Anklage eine geheimdienstliche Operation war, dafür geplant, um die Opposition am Vorabend der Provokation am 19. Oktober 2010 als militant darzustellen.
Gewissermaßen war das die Vorbereitung zu den Wahlen. Obwohl in unserem Fall zum Teil auch andere Strukturen beteiligt waren. Der größte Teil gehörte zur GUBOP (die Hauptabteilung der Polizei zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität), die an den Geschehnissen am 19. Oktober am wenigsten beteiligt war. Im Grunde genommen war es ihr Ziel unsere symbolischen Aktionen, die die Obrigkeit störten, zu stoppen und die gesamte zivilgesellschaftliche Aktivität im Land lahmzulegen. Ich persönlich bin der Meinung, dass am 19. Oktober 2010 die Obrigkeit nicht nur die gesamte Zivilgesellschaft einschüchtern wollte. Lukaschenko wollte die weitere Loyalität, seines Verwaltungsapparats, seiner eigenen Bürokratie sicherstellen, die in dieser Zeit immer mehr anfingen seine Autorität zu hinterfragen.

Den Rest liest man/frau hier: „Ich habe meine Prinzipien beibehalten und habe nicht vor, ihnen abzuschwören“.
Demnäxt gibt es mehr zum Thema, aber wohl nicht mehr hier. Miow!

Würgtown in seinem antifaschistischen Denken und Handeln

The voices clash and debate
So many wrongs to right
Their bleeding heats flow never-ending
(Like their appetites)
„Left“ on a front line they can‘t defend
(Why try to pretend?)

Misery Index, „Partisans of Grief“

Liebe menschliche und nicht-menschliche Tiere, kritische und nicht-kritische Heten und Nicht-Heten! Lange hatten wir vor, uns zu neuesten Ereignissen in Würg zu äußern, schafften es aus vielen Gründen nicht. Nun, lassen wir, sozusagen, aus einer zeitlichen Distanz einige ekligen Dinge Revue passieren, denn erst so vielleicht etwas klarer wird und – und dies ist kein minderer Grund – auch wir schreiben gerne Nachbetrachtungen.

is so sloooow!

Wie gewohnt, gedachte Würg auch dieses Jahr am 16. März der Opfer der Bombardierung der Stadt 1945 durch die Alliierten. Das Programm wiederholt sich mit geringen Variationen jährlich: mensch kann wahlweise Kränze niederlegen oder mit Kerzen in der Hand in der Gegend herumstehen, bei Gedenk-Marathons mitlaufen oder das „Nagelkreuz von Covenntry“ durch die Stadt schleppen. Zur Sache tut das nichts: auf Kirchenkonzerten und bei offiziösen Reden feiert die gute Mitte der postnazistischen Gesellschaft ihre Rechtschaffenheit und betet das alljährliche „Nie wieder / arme Würzburger Bevölkerung / heldenhafte Trümerfrauen“ runter, um sich weiterhin fröhlich über das Weiterlaufen des Betriebs der bürgerlichen Gesellschaft zu kümmern, dessen angeblicher „Unfall“ der National-Sozialismus war. Weil der deutsche Vernichtungskrieg sich unglücklicherweise gegen die Deutschen wandte, scheint es jetzt allen guten Töchtern und Söhnen Würgs angebracht, in Stille sich darüber zu beklagen, der deutschen Opfer zu gedenken und sich zu versöhnen. (Kann sich noch jemand erinnern, wie die empörten Kinder bei ihrem „Bildungsprotest“ 2010 eben dieser Mitte, der sie entstammen, freiwillig und eifrig entsprachen – nämlich ihren Internet-Auftritt zum 16. März von „wuerzburg-brennt“ in „bildungsprotest-wuerzburg“ umbenannten?) Am längsten versöhnte sich bezeichnenderweise das Programmkino Central, das noch im Mai die Veranstaltungen zum 16. März 1945 durchführte, „wegen der großen Nachfrage“.

Es sind immer die Alliierten gewesen, die bei der militärisch „sinnlosen“ Zerbombung Würgs „übertrieben“ haben. Für die Angehörigen der Massakrierten in Italien, in Griechenland zahlt der deutsche Staat, wenn es nur möglich ist, keinen Cent Entschädigung, die Renten für die Zwangsarbeiter aus polnischen Ghettos sind – sagen wir mal so – unwahrscheinlich, aber die gute Mitte versöhnt sich. Versöhnt mit sich selbst vor allem, mensch ist längst wieder wer auf der Weltbühne und bekennt sich mehr oder weniger offen zu dieser zur Nation geronnenen Konterrevolution, zu den Resultaten der Vernichtung, aus der die bundesdeutsche Gesellschaft hervorgegangen ist. Dieses Bekenntnis ist das „Transzendentalsubjekt“ (1), das jeden Gedanken begleitet und jedes Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus unschädlich, unwirksam, folgenlos macht. Es lässt seine TrägerInnen wie Puppen schöne und wichtige Reden aufsagen und betroffen in die Kameras schauen, ohne dass sie begreifen können oder nur wollen, was sie da sagen. War das nicht etwa derselbe Georg Rosenthal (OB Würg, SPD), der letztes Jahr die Polizei und die städtische Bürokratie die protestierenden Iraner auf die übelste Weise schikanieren ließ? Hat nicht etwa die Stadtverwaltung unter dem Kommando dieses aufrechten Demokraten Anfang August 2012 die NPD in unmittelbarer Nähe vom Protestzelt ihre Propaganda-Veranstaltung durchführen lassen?

Um den NPD-Schönling Arne Schimmer aus dem sächsischen Landtag zu zitieren: „Geschisspolitische Themensetzungen“ sind halt so ’ne Sache, sie sind wichtige gemeinschaftsstiftende Rituale, in denen die Deutschen näher zusammen rücken. (Das sagt er im sehr sehenswerten „Come together“ . Da offenbaren sich außerdem so einige Abgründe des jährlichen Gedenkenspektakels in Dresden, sowohl von „demokratischer“ Seite, als auch vom etwas ehrlicheren und gleichsam durchgeknallterem Teil der guten Mitte: da verrät Schimmer nämlich auf was für interessante Gedanken mensch in der Würzburger Jugendherberge manchmal kommt).

Anders als in Dresden (auch eine absolut „sinnlos“ und böswillig zerbombte deutsche Stadt, übrigens) war das Gedenken in Würg lange Zeit nicht komplett: die verklärenden, hauptsächlich um die deutsche Opfer trauernden Demokraten, aber keine Nazis. Nicht nur mancheR BürgerIn vermisste deren ehrliche und direkte Botschaften, auch unsere kleinen Antifa-FreundInnen waren all die Jahre ohne den gewohnten Feind desorientiert und mussten Demo-Ausflüge in andere Städte machen. Und dann war es wieder so weit: mensch rief die Geister lange genug herbei und sie kamen.
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„ Im Allgemeinen ist es eine ekelhafte Situation“ – zum Stand der Wahl-Proteste und zum Zustand der Linken in Russland

(Erschienen beim Grossen Thier mit einer fetten Verspätung, ist also z.T. nicht mehr aktuell, und dennoch…)

Es handelt sich hiermit gewissermaßen um einen Nachtrag zum Interview mit einem russischen Anarchisten aus der Moskauer Region (1), das wir vor ungefähr einem Jahr geführt haben. (2) Es gilt das Übliche: wer zwischen den Zeilen lesen kann, wird doppelt belohnt. Dafür sollte man erst die Zeilen selber lesen. Und vielleicht zur weiteren Klärung bzw. Verirrung auch diesen Text von uns: (3) – Anm. Ndejra

moskau010513

Vor allem: wie ist es gerade um die Protestbewegung in Russland bestellt?

Tja, die Prognosen der PessimistInnen, die den Protesten den baldigen Tod prophezeit haben, haben sich nicht bewahrheitet; auch die OptimistInnen, die neue Schübe unsrer friedlichen Revolution erwartet haben, irrten sich. Nach jener Geschichte mit Pussy Riot und nach der Verhaftung einer Reihe oppositioneller AktivistInnen, die sich öfters AnarchistInnen nannten, ist die Bewegung endgültig erlahmt. Wie ein Läufer, dem die Puste ausgegangen ist, aber er muss noch zum Finish laufen. Die Demonstrationen finden immer noch statt, aber nicht mehr so massenhaft und noch langweiliger. Die offiziellen Liberalen plappern immer noch ihre Losungen von fairen Wahlen nach, organisieren irgendwelche Primeries, um den „Koordinationsrat der Opposition“ auszuwählen, und diese Primeries scheinen nur sie selbst und den Kreml zu interessieren.

Die Systemlinken fangen an, nach einem Sozialstaat zu verlangen, unabhängige Gewerkschaften neigen immer mehr zum Marxismus (der Block der in der Bildung Beschäftigten verbannte beim letzten Marsch aus seinen Reihen ein paar anarchistischen Aspiranten und lud dafür die Kommunistische Partei mit sowjetischen Fahnen ein ); die „Autonome Aktion“ tummelt sich daneben und fordert kostenlose (verstaatlichte!) Bildung. Die Bevölkerung außerhalb großer Städte bleibt nach wie vor alleine mit ihren Problemen. Im Allgemeinen ist es eine ekelhafte Situation.

Was ist aber mit Pussy Riot?

O, das ist eine sehr kluge Operation des Kremls! Wunder dich nicht: der Auftritt dieser Frauen gestattete es, die Aufmerksamkeit aller AktivistInnen von stattfindenden sozialen Erschütterungen abzulenken. Stell dir nur vor: die Löhne sinken, Massenentlassugen, die Strafgesetzgebung wird verschärft – die Opposition aber preist die Taten von Pussy Riot. Natürlich, all diese Leute wurden wie Idioten angesehen… Nicht alle Protestierenden sind zu Fans von diesem Kollektiv geworden, aber die Mehrheit schon. Ich persönlich habe keinen Finger für Pussy Riot krumm gemacht.
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