Kleiner Abgesang

Eines lauen Herbsttages, ich erinnere mich noch daran als wäre es vorgestern gewesen, habe ich die Freundinnen und Freunde des Würzburger Bildungsstreikensembles kennengelernt. In einer dieser Universitäten, die mich bis dato immer mit Ehrfurcht vor der geistigen Tätigkeit erfüllten, lernte ich die anfänglichen Genossen und späteren Kneipenbrüder, die mir die Stupidität der heutigen Studenten vor Augen führten, kennen. Ich wurde regelrecht dazu überredet mich in die Lehranstalt des Grauens zu begeben und einer anhaltenden Protestwelle, die zur Besetzung eines jeden Audimax in jedem noch so kleinen Städtchen führten, mit den einst radikalen Parolen des Pariser Frühlings eine Massenbewegung herbei zu halluzinieren. Es waren Zeiten als einige meiner damaligen Freunde und ich sich zur linken Avantgarde in der Provinz stilisierten. Nun endlich haben die mühsamen Stunden, in denen man gemeinsam Heinrich las, einen Sinn bekommen und stolzer Brust war man bereit das Zepter in die Hand zu nehmen, denn stets war nicht das Verhältnis von Kritik und Krise verstanden worden, sondern das groteske von Theorie und Praxis. Was jetzt folgt war wesentliches Moment von Praxis und da unsere Auffassung nach nichts anderes zuließ, wollte man jetzt nicht nur, sondern durfte auch Revolte spielen. Bekanntlich kam alles anders, und die Domain www.würzburgbrennt.de wurde unter Rücksicht auf die „Opfer der Würzburger Bombennacht“ vom 16. März 1945 umbenannt. Die Diskussionen um Bildung, die in Arbeitskreise untergliedert wurde, bot selbstverständlich, dank der anhaltenden pluralistischen Stimmung die schließlich auch zum Ende der Besetzung beitrug, einem AK Gesellschafts- und Bildungskritik Platz. Desillusioniert vom Protest und seinem Anhang entstand so der Bikri, der eher eine lose Zusammenkunft mit gemeinsamer Basis schuf Texte zu fressen und sich über die Würzburger Provinz in all ihren schnöden Facetten lustig zu machen als eine feste Gruppierung, die in ihren Namen zu Furcht und Schrecken aufruft. Aus diesem anfänglich Bedürfnis wuchs dennoch bei manchen der Drang nach einem radikalem Lebenswandel, der von den immer gleichen Leuten stets belächelt wurde. Konzepte einer einsamen Blockhütte im Wald, Überlegungen der Gründung einer Stadtguerilla und die zunehmende Rezeption der Schriften einer Situationistischen Internationale sollten die Ohnmachtsgedanken kompensieren; was schließlich fehlschlagen musste. Man sammelte das ganze Leben, das von Langeweile nur so strotzte, in einem gemeinsamen Verein namens Kupuk e.V. und zeigte sich besonnen der allgemeinen Unlust einen kulturellen Anstrich zu verleihen. Mittels Labels und Etiketten schuf man eine identitäre Gemeinschaft, die sich gegen äußere Einflüsse so wappnen wollte, doch verstanden, dass es sich dabei nicht nur um Labels handelt, haben die wenigsten, denn ihr Denken war schon so grundfalsch im Ansatz, dass man in der Nachbetrachtung nur Kopfschütteln kann. Anschließend erklärte man, es handele sich dabei um einen Experimentierraum (nicht nur um den üblichen Autonomen Zentren dieser Republik einen Strich durch die Rechnung zu machen und seinem eigenen Distinktionbedürfnis nachzukommen) unter dem sich die eindimensionalen Geister dieses Vereins freilich nichts anderes vorstellen konnten als Konzertbühne und Kneipentheke mit beschmierten Toiletten um trinklustige Abende mit Punk-Musik zu veranstalten. Auch davon desillusioniert gab man jeden weiteren Anlauf auf und jeder ging wieder seinen Dingen nach. Der Bikri verkam zu recht zu einer Plattform eines Einzelnen immer noch genervt in die Welt blickenden, der über die Beschissenheit der Dinge schrieb. Die letzten Überreste, die im Vereinswesen kurzweilig ihr Zuhause gefunden hatten, zogen sich in städtische Jugendzentren zurück aus den sie gekrochen kamen, andere arbeiteten weiterhin in der zwangsharmonisiert geführten Gastronomie, um dort, unter Freunden versteht sich, der stets positiv ausgedrückten Lebensfreude eines elendigen Studenten ohne Abschluss zu fröhnen. Wieder andere beschlossen ihr Studium zu beenden, zogen nach Frankfurt/Main um dort den selbigen Mist mit anderen Gesichtern aufzuziehen. Wie dem auch sei: Die ganze Geschichte hätte in jeder anderen Stadt spielen können und trägt sich dort vermutlich noch immer so ab oder hat es zumindest einmal. Doch sollte sich ein solches Dilemma anbahnen, ein guter Rat: Packt euer Hab und Gut und macht das ihr verschwindet! Es gibt besseres als sich zwei bis drei Jahre mit Vereinsmeierei zu beschäftigten, den Schatzmeister eines Vereins für alternative Kultur und Politik abzugeben, auch wenn sich diese kitschigen Ambitionen in den späteren Lebenslauf nahtlos eingliedern lassen. Einzig ist dem Bikri zugute zuhalten, dass diese Versammlungen, die nicht selten satanischen Zirkelveranstaltungen zum Verwechseln ähnelten, alles mögliche an Publikum anzog um auf der Basis des zwanglosen Zwangs des besseren Arguments über die Welt (im besten Sinn) zu philosophieren. Ich hätte vermutlich sonst nie mit einem angehenden Juristen über den Marxschen Extraprofit gestritten, „Die Eroberung des Brotes“ von Kropotkin in einer Straßenbahn gelesen, Benjamins Geschichtsthesen so fehlinterpretiert wie an diesem Nachmittag in der Grünanlage des Juliusspitals oder angefangen das Buch „The coming Insurrection“ ins Deutsche zu übersetzen. Dem alternativen Leben in Würzburg, der ganzen noch hässlicheren Linken, die mittlerweile ihren eigenen „Freiraum“ hat und mittels Gewalt und Denunziation „politischen Feinden“ (wie sie sagen) das Leben schwer macht (Topo Rojo, Antira Würzburg, Jugendantifa Würzburg, etc. pp), den damaligen Protestlern und heutigen Berufspolitikern, den Servicekräften und Köchen im Kult, den Konzertveranstaltern im Cairo, B-Hof, Immerhin und der heutigen Kellerperle ist mit dem Abschied des Bikri selbstverständlich nichts verloren gegangen, denn es war nie erklärtes Ziel, gerade dort, wo die Szene hausiert, etwas zu gewinnen.

gez.

Karl von Medina


1 Antwort auf „Kleiner Abgesang“


  1. 1 O hai let me wanna-be! pe Trilema - Un blog de Mircea Popescu. Pingback am 12. Oktober 2014 um 2:55 Uhr
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