Besoffene Nach(t)betrachtungen. Diesmal: die Omphaloskepsis

I‘ve got a 24-lane highway
going straight thru my head
a peace of mind like a brainstorm
and thoughts that knocks me dead

At my worst I‘m at my best
wide awake but let sanity rest
I‘m full of hell
all kinds of hell

Entombed, „Full of Hell“

Nachbetrachtungen… Stimmt, wir haben mehr Nachbetrachtungen versprochen. Es gäbe in der Tat vieles in dieser Stadt, worüber wir noch mal reden könnten bzw. sollten. Über die so genannte Linke dieser Stadt, ihren traurigen Laden und ihre älteren Genoss*innen in der Politik und den Gewerkschaften; über „die klassische Dagegen-Kneipe“ Kult, über Menschen, die sich am wohlsten in einer Art Hunderudel fühlen; über den peinlichen Scheiß des theater ensemble, den mensch am besten nicht mit halbleeren (ja, die waren eben nicht halbvoll!) Bierflaschen, sondern noch mit Molotov-Cocktails angreifen sollte; über die Verkehrsformen der „Kunst- und KulturschAFFEnden“, die ihre Entstelltheit und Präkarität für ihre Freiheit halten; und mensch dürfte nicht aufhören, das blanke Elend des studentischen (und überhaupt) Lebens in dieser Stadt, immer und immer wieder bloßzustellen. Kirchen, Bullen und Kaufhoiser – das ist die unterfränkische Beschaulichkeit.

Nun, das tun wir auch jetzt alles nicht. Keine Zeit, kein Nerv und ganz einfach kein Bock mehr. Sollen das die Leute tun, in der jeweiligen Scheiße stecken bleiben, wäre das doch ihre geringste Pflicht. All diese Sachen, von der Kirche, Bullen und Kaufhoisern abgesehen, haben zudem ihre positiven Seiten und haben somit ihren (wenn auch verkehrten) Sinn, das müssen wir eingestehen: da rutschen gutmeinende Menschleins rein, gehen ihren Dingen nach und wenn sie klug sind, fliehen sie wieder. Die einzige halbherzige Nachbetrachtung, die es hier geben wird, handelt von einer genau so unnötigen und in ihrem Unsinn berechtigten Sache: vom BiKri selbst. Vielleicht wird dieser traurige Pups im Internet jemand weitetrhelfen, jemand zum Lachen oder zum Gähnen bringen oder auch niemand interessieren. Es ist auch uns jetzt schnurz. Den noch traurigeren Pups vom Z.F.I. werden wir oich aus Datenschutzgründen ersparen. Auf jeden Fall, wer auch immer von Leuten, die involviert waren, Lust hätte, sich auch dazu zu ggf. äußern, kann das hier gerne tun.

Die Geschichte ist in der Tat nicht sehr spannend, nicht besonders bewegend und vielleicht nur noch peinlich. Was soll’s. Nach erfolglosen Versuchen, ein wenig Einfluss auf die hirnlosen Bildungsproteste 2010 in Würzburg auszuüben, nutzen wir die Pause zwischen Sommer- und Wintersemester, um uns zu überlegen, wie weiter. Wie mensch es von Studentengesichtern auch erwarten kann, früher oder später kam der Vorschlag auf, einen Lese- und Diskussionszirkel zum Thema Bildungskritik im breiteren Kontext der Gesellschaftskritik aufzumachen. (Die Person, die den Vorschlag gemacht hat, ist legen-wartet mal!-där, und verdiente eine eigene Nachbetrachtung, aber das lasen wir auch). Bereits an dieser Stelle könnten wir aufhören, denn alles Folgende würde sich aus der Entstehung erklären. Weil wir jedoch unsere Leser*innen aufs Übelste verabscheuen, schreiben wir noch ein wenig weiter.

Wir haben uns eine Blog mit dem dämlichen Namen zugelegt (ja, wir wollten damals diskutieren!) und eine offiziöse e-mail-Adresse, die wir nur selten checkten. Die Gründe, warum BiKri den potenziell revolutionären Volksmassen auf MySpace, Twitter und Facebook nicht folgen wollte, sind nicht überliefert. Was wir uns an Literatur angetan und sonst so getrieben haben, kann mensch dem Blog entnehmen. Langfristig geplantes Programm, kurzfristige spontane Entscheidungen, seminar-ähnliche Besprechungen und gegenseitiges Vorlesen, mal mit Gästen, mal nur unter „uns“, mal im Freien, mal im „besetzten“ Audimax, mal in der Straßenbahn. Mal mit guter Lektüre, mal mit welcher, nach der mensch nur noch den Kopf schütteln und bitterlich lachen konnte. Wir haben fast alles ausprobiert, was mensch mit so einem Konzept machen konnte. Selbst der Verlockung der Marxologie, dem schändlichen Geschäft der linken Akademiker*innen, haben wir uns hingegeben. Zu sagen bleibt noch, mensch hüte sich vor Kapital-Lesekreisen und „Wissenschaftler*innen“, die darin sitzen.

Da der Plan eigentlich war, den Diskussionszirkel nicht als Ziel an sich, sondern als den Anfangspunkt der Organisierung zu setzen, müssen wir sagen, das Vorhaben ist größtenteils gescheitert. Nicht ganz eben, aber größtenteils. Es war sporadisch möglich, die Struktur auch für andere Sachen zu nutzen, außer für Entscheidungen, was wo und wie demnäxt gelesen wird. Im Hintergrund dissoziierte der Letze Hype, wurde Grand Hotel Abgrund verhindert und auch KuPuK e.V. langsam, aber sicher an inneren Widersprüchen verblutete – allesamt Sachen, die sehr viel ausgemacht haben. Spätestens als die Flüchtlingsproteste 2012 in dieser Stadt angefangen haben, hat BiKri das einzig Anständige unter gegebenen Bedingungen gemacht – nämlich Platz gemacht und in der Bedeutungslosigkeit versunken. Hinzu kam natürlich auch, dass das allwissende ZK im Exil, zwar nicht direkt uns, aber trotzdem in sehr klaren Worten das Betreiben von Theoriekollektivierungen in dieser Form verbot. Womöglich, das erste und das letzte, was alle studentischen Theoriezirkel lesen sollen, ist die Schmähschrift „Der wissenschaftliche Sozialismus“ von Jan Wacław Machajski. Danach sollen sie auseinander gehen.

Naja, angesichts des organisatorischen Scheiterns müssen wir feststellen, dass auch viel unterlassen und schlicht vermasselt wurde. Dass wir gemeinsam (und zu unterschiedlichen Zeiten waren das unterschiedliche Personen) so selten geschafft haben, den „Lesekreis“ hinter einem Blog und einem Mailverteiler zu verlassen, um irgendwo konkret zu intervenieren. Dass wir nicht ein mal in der Lage waren, die Scheiße wenigstens auf dem Blog zu benennen. Die Stadt hat ja nicht aufgehört, Anlässe zu bieten. Nun, warum wohl? Der mangelnden Identifikation mit dem Label BiKri wegen? Das war ja gerade die Absicht, dass keine Sekte und kein Hunderudel entsteht. War das nicht klar genug kommuniziert? Wohl wahr: war „uns“ selber nicht immer klar. Weil die angehenden ghost scientists nicht schriftstellerisch begabt sind? C‘mon… Viel mehr, weil die Theoriedurst der Studentengesichter, die in den miserablen Seminaren der Würzburger Uni nicht gestillt werden konnte, wohl nicht der Punkt sein kann, wo die Organisierung und das gemeinsame Handeln von irgendeiner gesellschaftlicher Relevanz ansetzen könnten. Erstaunlich, aber das Ganze war trotzdem nicht so unnütz und verblödend wie die Uni-Seminare.

Was auf das Einschlafen der primären Tätigkeit folgte, war nur die Ablage von irgendwelchen Publikationen oder das „laute Nachdenken“. (Das Thema „Knast“ bzw. „JVA Würzburg“ bringt uns immer noch viele Referers ein, was so einiges über die Stadt aussagt).

An dieser Stelle höre ich auf, von „uns“ zu schreiben. Es gibt „uns“ längst nicht mehr, gab es womöglich auch nie. Glückwunsch an alle, die sich nicht nur mit den Clowns, sondern auch mit der Clownerie angefreundet haben. Ich, Ndejra, das zornige Seepferdchen, schreibe diesen unnötigen Beitrag zu Ende und schließe damit diesen Blog. Nötig ist nur, nach diesem Abschnitt einen Punkt zu setzen. Alles hier Beschriebene, ist meine Sicht der Dinge und fußt nur auf meinen Wahrnehmungen. Der Unterfränkische Bund der Satano-Kommunist*innen, die Würzburger Forschungsgesellschaft für Vulvologie, die Loge der schwarz-roten Magie, das mobile Hans-Böhm-Museum, die Mandelo-Brandelistische Strömung sowie Occupy Erlabrunn und Occupy Kist (militanter Flügel) lösen sich hiermit auf.

In diesem Sinne – grind on! Oder anders gesagt – wohlan!

Unten eine Auswahl aus unserer gemeinsamen „Publizistik“.

Sind wir denn noch aufzuhalten? / Wir hätten uns gerne verabschiedet / Flaschenpost zwischendurch / Fail-Trade & Co. / Traurigen Gestalten gewidmet / Das Kätzchen heißt von nun an Walter Benjamin / Und täglich grüßt das Bildungstier / Väterchen T gegen den Staat / Sommerliche Laune mitten im Winter / Dieses Jahr wird alles besser / Bürger der Stadt feiern Dienstag der Freude / 90 Jahre Aufstand von Kronstadt / Von Tauben und Idioten / Aus dem Lande kamen die ungünstigsten Nachrichten / Es ist beachtlich / Ein phänomenologisch-geographischer Versuch über Würzburg mit psychologischen und gynäkologischen Komplikationen / „Und, ist Würzburg immer noch Scheiße?“ / Interview mit einem bulgarischen Anarchisten / Staunen über die Rübenrekorde / Occupy Doitschland: Talkin‘ ’bout the revolution / Es erinnert mich an Februar in Lybien / Aus der beliebten Reihe: BiKri deckt auf / Von Bildungsprotesten der Erwachsenen / Knast ist halt kein Ponyhof: Hungerstreik in der JVA Würzburg und die Stimme des Volkes / Grüße von Uncle Sam, ihr Nasen! / Wahl-Proteste, soziale Kämpfe und die Linke in Russland / Einige kritische Anmerkungen zu M31 in Frankfurt am Main / Wie wir den 1. Mai runter-geWürgt haben / Flüchtlingsproteste in Würzburg: Selbstorganisation und Widerstand gegen Rassismus und Bevormundung / Neues Leben für Prjamuchino, das ehemalige Adelsnest der Familie Bakunin / Ein Volk, das keine Traditionen der Selbstorganisation hat, lässt sich leicht politisch manipulieren und wird sehr schnell reaktionär / Verwaltete Kälte / Im allgemeinen ist es eine ekelhafte Situation: Zum Stand der Wahl-Proteste und zum Zustand der Linken in Russland / Würgtown in seinem antifaschistischen Denken und Handeln

hell!


1 Antwort auf „Besoffene Nach(t)betrachtungen. Diesmal: die Omphaloskepsis“


  1. 1 Auf Wiedersehen, BiKri | Das grosse Thier Pingback am 03. Oktober 2013 um 18:12 Uhr
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