Archiv für Juni 2013

Würgtown in seinem antifaschistischen Denken und Handeln

The voices clash and debate
So many wrongs to right
Their bleeding heats flow never-ending
(Like their appetites)
„Left“ on a front line they can‘t defend
(Why try to pretend?)

Misery Index, „Partisans of Grief“

Liebe menschliche und nicht-menschliche Tiere, kritische und nicht-kritische Heten und Nicht-Heten! Lange hatten wir vor, uns zu neuesten Ereignissen in Würg zu äußern, schafften es aus vielen Gründen nicht. Nun, lassen wir, sozusagen, aus einer zeitlichen Distanz einige ekligen Dinge Revue passieren, denn erst so vielleicht etwas klarer wird und – und dies ist kein minderer Grund – auch wir schreiben gerne Nachbetrachtungen.

is so sloooow!

Wie gewohnt, gedachte Würg auch dieses Jahr am 16. März der Opfer der Bombardierung der Stadt 1945 durch die Alliierten. Das Programm wiederholt sich mit geringen Variationen jährlich: mensch kann wahlweise Kränze niederlegen oder mit Kerzen in der Hand in der Gegend herumstehen, bei Gedenk-Marathons mitlaufen oder das „Nagelkreuz von Covenntry“ durch die Stadt schleppen. Zur Sache tut das nichts: auf Kirchenkonzerten und bei offiziösen Reden feiert die gute Mitte der postnazistischen Gesellschaft ihre Rechtschaffenheit und betet das alljährliche „Nie wieder / arme Würzburger Bevölkerung / heldenhafte Trümerfrauen“ runter, um sich weiterhin fröhlich über das Weiterlaufen des Betriebs der bürgerlichen Gesellschaft zu kümmern, dessen angeblicher „Unfall“ der National-Sozialismus war. Weil der deutsche Vernichtungskrieg sich unglücklicherweise gegen die Deutschen wandte, scheint es jetzt allen guten Töchtern und Söhnen Würgs angebracht, in Stille sich darüber zu beklagen, der deutschen Opfer zu gedenken und sich zu versöhnen. (Kann sich noch jemand erinnern, wie die empörten Kinder bei ihrem „Bildungsprotest“ 2010 eben dieser Mitte, der sie entstammen, freiwillig und eifrig entsprachen – nämlich ihren Internet-Auftritt zum 16. März von „wuerzburg-brennt“ in „bildungsprotest-wuerzburg“ umbenannten?) Am längsten versöhnte sich bezeichnenderweise das Programmkino Central, das noch im Mai die Veranstaltungen zum 16. März 1945 durchführte, „wegen der großen Nachfrage“.

Es sind immer die Alliierten gewesen, die bei der militärisch „sinnlosen“ Zerbombung Würgs „übertrieben“ haben. Für die Angehörigen der Massakrierten in Italien, in Griechenland zahlt der deutsche Staat, wenn es nur möglich ist, keinen Cent Entschädigung, die Renten für die Zwangsarbeiter aus polnischen Ghettos sind – sagen wir mal so – unwahrscheinlich, aber die gute Mitte versöhnt sich. Versöhnt mit sich selbst vor allem, mensch ist längst wieder wer auf der Weltbühne und bekennt sich mehr oder weniger offen zu dieser zur Nation geronnenen Konterrevolution, zu den Resultaten der Vernichtung, aus der die bundesdeutsche Gesellschaft hervorgegangen ist. Dieses Bekenntnis ist das „Transzendentalsubjekt“ (1), das jeden Gedanken begleitet und jedes Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus unschädlich, unwirksam, folgenlos macht. Es lässt seine TrägerInnen wie Puppen schöne und wichtige Reden aufsagen und betroffen in die Kameras schauen, ohne dass sie begreifen können oder nur wollen, was sie da sagen. War das nicht etwa derselbe Georg Rosenthal (OB Würg, SPD), der letztes Jahr die Polizei und die städtische Bürokratie die protestierenden Iraner auf die übelste Weise schikanieren ließ? Hat nicht etwa die Stadtverwaltung unter dem Kommando dieses aufrechten Demokraten Anfang August 2012 die NPD in unmittelbarer Nähe vom Protestzelt ihre Propaganda-Veranstaltung durchführen lassen?

Um den NPD-Schönling Arne Schimmer aus dem sächsischen Landtag zu zitieren: „Geschisspolitische Themensetzungen“ sind halt so ’ne Sache, sie sind wichtige gemeinschaftsstiftende Rituale, in denen die Deutschen näher zusammen rücken. (Das sagt er im sehr sehenswerten „Come together“ . Da offenbaren sich außerdem so einige Abgründe des jährlichen Gedenkenspektakels in Dresden, sowohl von „demokratischer“ Seite, als auch vom etwas ehrlicheren und gleichsam durchgeknallterem Teil der guten Mitte: da verrät Schimmer nämlich auf was für interessante Gedanken mensch in der Würzburger Jugendherberge manchmal kommt).

Anders als in Dresden (auch eine absolut „sinnlos“ und böswillig zerbombte deutsche Stadt, übrigens) war das Gedenken in Würg lange Zeit nicht komplett: die verklärenden, hauptsächlich um die deutsche Opfer trauernden Demokraten, aber keine Nazis. Nicht nur mancheR BürgerIn vermisste deren ehrliche und direkte Botschaften, auch unsere kleinen Antifa-FreundInnen waren all die Jahre ohne den gewohnten Feind desorientiert und mussten Demo-Ausflüge in andere Städte machen. Und dann war es wieder so weit: mensch rief die Geister lange genug herbei und sie kamen.
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