Archiv für Mai 2013

„ Im Allgemeinen ist es eine ekelhafte Situation“ – zum Stand der Wahl-Proteste und zum Zustand der Linken in Russland

(Erschienen beim Grossen Thier mit einer fetten Verspätung, ist also z.T. nicht mehr aktuell, und dennoch…)

Es handelt sich hiermit gewissermaßen um einen Nachtrag zum Interview mit einem russischen Anarchisten aus der Moskauer Region (1), das wir vor ungefähr einem Jahr geführt haben. (2) Es gilt das Übliche: wer zwischen den Zeilen lesen kann, wird doppelt belohnt. Dafür sollte man erst die Zeilen selber lesen. Und vielleicht zur weiteren Klärung bzw. Verirrung auch diesen Text von uns: (3) – Anm. Ndejra

moskau010513

Vor allem: wie ist es gerade um die Protestbewegung in Russland bestellt?

Tja, die Prognosen der PessimistInnen, die den Protesten den baldigen Tod prophezeit haben, haben sich nicht bewahrheitet; auch die OptimistInnen, die neue Schübe unsrer friedlichen Revolution erwartet haben, irrten sich. Nach jener Geschichte mit Pussy Riot und nach der Verhaftung einer Reihe oppositioneller AktivistInnen, die sich öfters AnarchistInnen nannten, ist die Bewegung endgültig erlahmt. Wie ein Läufer, dem die Puste ausgegangen ist, aber er muss noch zum Finish laufen. Die Demonstrationen finden immer noch statt, aber nicht mehr so massenhaft und noch langweiliger. Die offiziellen Liberalen plappern immer noch ihre Losungen von fairen Wahlen nach, organisieren irgendwelche Primeries, um den „Koordinationsrat der Opposition“ auszuwählen, und diese Primeries scheinen nur sie selbst und den Kreml zu interessieren.

Die Systemlinken fangen an, nach einem Sozialstaat zu verlangen, unabhängige Gewerkschaften neigen immer mehr zum Marxismus (der Block der in der Bildung Beschäftigten verbannte beim letzten Marsch aus seinen Reihen ein paar anarchistischen Aspiranten und lud dafür die Kommunistische Partei mit sowjetischen Fahnen ein ); die „Autonome Aktion“ tummelt sich daneben und fordert kostenlose (verstaatlichte!) Bildung. Die Bevölkerung außerhalb großer Städte bleibt nach wie vor alleine mit ihren Problemen. Im Allgemeinen ist es eine ekelhafte Situation.

Was ist aber mit Pussy Riot?

O, das ist eine sehr kluge Operation des Kremls! Wunder dich nicht: der Auftritt dieser Frauen gestattete es, die Aufmerksamkeit aller AktivistInnen von stattfindenden sozialen Erschütterungen abzulenken. Stell dir nur vor: die Löhne sinken, Massenentlassugen, die Strafgesetzgebung wird verschärft – die Opposition aber preist die Taten von Pussy Riot. Natürlich, all diese Leute wurden wie Idioten angesehen… Nicht alle Protestierenden sind zu Fans von diesem Kollektiv geworden, aber die Mehrheit schon. Ich persönlich habe keinen Finger für Pussy Riot krumm gemacht.
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