„Ein Volk, das keine Traditionen der Selbstorganisation hat, lässt sich leicht politisch manipulieren und wird sehr schnell reaktionär“

Interview mit einem moldawischen Anarchisten

Geführt von: Ndejra
Erschienen in GaiDao Nr. 25, Januar 2013

Ich schlage vor, dass Du dich vorstellst, Deine anarchistische Gruppe oder Organisation vertrittst und über Eure Tätigkeit erzählst, Ok?

Gut, ich heiße Sash Klim. Ich vertrete die Föderation der AnarchistInnen Moldawiens (FAM – Federatia Аnarhistilor din Moldova). Ich möchte sofort klar stellen, dass erst vor Kurzem zusammengekommen sind, vor etwa einem Jahr. Daher auch die Hauptrichtung unserer Arbeit: Aufklärung, Aufkleber, Flugblätter, Suche nach Gleichgesinnten.

Du sagst, Ihr fangt bei Null an. Hat der Anarchismus in der Region irgendeine Geschichte, auf die Ihr aufbauen könnt? Vor der UdSSR, oder danach vielleicht? Was war vor Eurer Gruppe?

Die Geschichte, die am Anfang des vorigen Jahrhunderts zu verorten wäre, ist genau so widersprüchlich, wie die Geschichte der Region selbst. Zwischen 1918 und 1945 wurde auf dem Territorium des modernen Moldawiens drei mal die Sowjetherrschaft etabliert, zwei mal wurde die Region von Rumänien beherrscht. In Bessarabien (modernes Moldawien) fing Grigory Kotowskij seine Tätigkeit an – eine sehr zwielichtige Person – der bereits auf seinem Posten als roter Marschall und KAP(b)-Mitgleid (Kommunistische Allunions-Partei / bolschewistisch) sich noch, einigen Quellen zufolge, als Anarchisten bezeichnete…
1939 als die Region Rumänien angehörte, gründete sich in Tatarbunary eine anarcho-kommunistische Gruppe unter der Führung von Ion Vetrila. Bis 1940 verlegte sie ihre Tätigkeit nach Bukarest. Die Gruppe war sehr aktiv im Untergrund. Im Januar 1941 – zur Zeit der Juden-Pogrome – teilte Ion Vertila die Gruppe in zwei Teile: der eine Teil, 9 Menschen mit Ion zusammen, besetzte ein Arsenal und ist nach dem lange dauernden Sturm durch 350 Legionäre gestorben. Die zweite Gruppe, etwa 40 Menschen, fiel in einem nächtlichen Gefecht, während sie jüdische Viertel gegen Pogrome verteidigte. Wir können keine andere Information über anarchistische Umtriebe in unserer Region in der Kriegszeit und danach finden…
Was die 90er Jahre angeht, so gibt es im Internet ein paar Artikel über die moldawischen Anarcho-SyndikalistInnen Igor Görgenröder und Tamara Burdenko. Diese Geschichte endete aber gar nicht schön mit einem Riesenskandal für die ganze postsowjetische Szene jener Zeit.

Meinst Du etwa jenen provokanten Versuch, eine „anarchistische“ Zeitung mit dem Geld der Berliner FAU zu gründen? Ich habe gelesen, dass Görgenröder und Burdenko Anfang der 90er von Faschos bedroht wurden und gezwungen waren, ins Ausland zu fliehen. Wie ist denn die moldawische Gesellschaft heute in sozialer, politischer Hinsicht?

Vermutlich hat da tatsächlich irgendwelches Geld eine Rolle gespielt…
In sozialer Hinsicht? Wer nicht zum Geldverdienen ins Ausland gegangen ist: Arme auf dem Land, städtische Arbeitslose, Alte und Kinder. Von der werktätigen Bevölkerung ist nur der nicht ausgewandert, der nichts konnte oder einfach faul ist.
Wer dagegen Arbeit hat, klammert sich an der Stelle so fest wie nur möglich. Mit dem Aufkommen der GastarbeiterInnen entstand in Moldawien eine merkwürdige „Kultur“: statt für die Wirtschaft nützliche Branchen zu entwickeln, blüht eine Belustigungsindustrie. Bars, Restaurants sind der einfachste und schnellste Weg, den nach Hause gekehrten GastarbeiterInnen und ihren Kindern Geld abzunehmen, die glauben, dieses Geld fällt ihnen vom Himmel in den Schoss… Wie gewonnen, so zerronnen. Es gibt viele StudentInnen, die von der Sowjetepoche übrig gebliebenen Hochschulen arbeiten noch…
In politischer Hinsicht ist die Situation nicht einfacher. Nachdem die Allianz für Europäische Integration (Alianta pentru Integrarea Europeana, AIE-2) an die Macht gekommen ist, erhalten rumänische NationalistInnen offizielle Unterstützung. Mit der finanziellen Unterstützung von der rumänischen Regierungsorganisation zur Hilfe für Rumänen im Ausland sind in der Republik Organisationen wie die Legionäre des Hl. Michael, Aktiuna 2012, die mit dem Einverständnis der Obrigkeiten die so genannten Wiedervereinigungsmärsche (Unirea) durchführen. Aktuell besteht die reale Gefahr nicht nur für die Unabhängigkeit Moldawiens als ein Staat, selbst die moldawische Identität droht heute, aggressiv vom verbrüderten Rumänien verschlungen zu werden. Die besagte Aktivität der rumänischen NationalistInnen hat andererseits beförderte die Aktivierung russischer chauvinistischer Organisationen. Die besagte Aktivität der rumänischen NationalistInnen hat andererseits die Aktivierung russischer chauvinistischer Organisationen befördert.
Als Resultat wurde einer der letzten Märsche der UnionistInnen von – lasst uns das mal als physischen Kontakt der Seiten bezeichnen – begleitet. Es gab keine Prügelei, aber eine Journalistin wurde durch einen Stein verletzt.
Wir unsererseits erklären Menschen, dass erstens – wenn es Menschen gibt, die sich „Moldawier“ nennen, es ihr Recht ist; zweitens – jene rumänischen NationalistInnen, die zu den Unirea-Märschen anreisen, nicht alle RumänInnen vertreten, und die Einstellung ihnen gegenüber nicht auf alle RumänInnen übertragen werden darf; dass – drittens – RussInnen sich nicht in die Fragen der Selbstidentifikation des moldawischen Volkes einmischen dürfen; viertens – alles, was die Eskalation der nationalen Frage fördert, nur dazu dient, die Bevölkerung von der sozialen Frage abzulenken…

Moldawien als junger Nationalstaat, scheint mir, ist dafür einfach prädestiniert – das Land ist multiethnisch und von allen Seiten von größeren Nationen „umzingelt“. Außerdem ist die Transnistrische Republik eine sehr merkwürdige Konstruktion… Meinst Du unter dem „russischen Einfluss“ Russland oder die russische Diaspora in Moldawien? Apropos, mir schien (aus meiner Perspektive), dass viele MoldawierInnen selbst aus rein ökonomischen Gründen z.B. an einer Vereinigung mit Rumänien, am Beitritt zu EU ziemlich interessiert wären. Du (oder die FAM) nicht?

Ausgerechnet die Multinationalität gewährt dem moldawischen Volk die Möglichkeit zu leben, ohne sich irgendwelchen Bündnissen anzuschließen. Natürlich, weder der vergangene Konflikt in Transnistrien einerseits, noch der Mangel an Geduld in der Obrigkeit andererseits hilft der normalen Regulierung des transnistrischen Konflikts oder dem Frieden in der Region… Zu meinem größten Bedauern, können solche Konflikte wie in Transnistrien über Nacht entstehen, aber zu ihrer Beilegung braucht mensch viel Zeit und Geduld.
Unter der russischen Einmischung meinte ich tatsächlich die russischsprachige Bevölkerung der Republik. Es ist doch wenigstens absurd, wenn die russischsprachige Bevölkerung mitbestimmt, welche Sprache die Moldwier sprechen sollen – die moldawische oder die rumänische…
Die pro-europäische Strömung in der Republik hat zwei Vektoren: erstens – als selbständiger Staat in die EU eingehen, und zweitens – die Vereinigung mit Rumänien, das bereits in der EU ist.
Die erste Variante wurde aktiv von der vorherigen kommunistischen Regierung des Landes unterstützt, aber was ist eigentlich die EU heute? M.E. ist sie ein Klon der UdSSR: mensch sieht deutlich die strikte Zentralisation; bemerkbar ist eine Aufteilung der Nationen innerhalb der EU in Nationen, die die EU gründeten, und welche, die sich ihr später anschlossen (in der Sowjetunion waren das der „große Bruder“ und die „Schwester-Republiken“). Ich gebe zu, nach dem Zerfall der Sowjetunion entstand in Moldawien keine sogenannte lokale (nationale) politische Elite. Menschen, die den Unabhängigkeitsakt der Republik Moldawien unterschrieben haben, hatten keine Ahnung wohin mit der Freiheit, die ihnen in den Schoss fiel. Das einfachste, was sie sich vorstellen konnten, war die Bürde der Verantwortung für die Freiheit auf jemand anderes zu übertragen. Russland war dafür schlecht geeignet – es war nicht klar, was für eine Vereinigung noch nach der noch frischen „Scheidung“… Also war Europa für die Rolle eines neuen Verantwortlichen für die moldawische Unabhängigkeit auserkoren. Zudem erhöhten ähnliche Beitritte zur EU einerseits die Europas politische Selbstachtung, andererseits war das eine Möglichkeit, Russland einen schmerzhaften Tritt zu verpassen. Auf diese Weise sind der EU die baltischen Staaten beigetreten…
Die zweite Variante nimmt dank der aktuellen Regierung immer mehr Gestalt an. Und das entspricht der Stimmung im Volk keineswegs: die ökonomischen Vorteile der Vereinigung mit Rumänien sind sehr zweifelhaft. Ist nicht etwa Rumänien das ärmste Land in der EU?
Wir haben allgemein über Politikaspekte in der Region gesprochen, jetzt erzähle ich, was wir in der FAM darüber denken. Zur Zeit kann weder der Beitritt zur EU, noch zur Zoll-Union die Probleme lösen, die in der Gesellschaft existieren. In Europa wie in Russland gibt es dieselben sozialen Probleme, die Gesellschaft ist in Reiche und Arme gespalten. Zudem geht die Entwicklung denselben Weg: die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer. Unsere Arbeit betrifft gar nicht die Außenpolitik Moldawiens. Wir wollen, dass das moldawische Volk die Möglichkeit hat, sich selbständig zu entwickeln, ohne sich in den Fragen der eigenen Entwicklung an den Staaten und Zusammenschlüssen zu orientieren, die imperialistische Politik verfolgen. Das betrifft sowohl die USA, als auch die EU und Russland).
Ich möchte das soziale Bild vervollständigen. Es wird nicht komplett, wenn mensch die große Anzahl der teuren Autos auf den Straßen von Kischinau nicht erwähnt. Anders gesagt, die weltweite Tendenz – die Reichen werden reicher, die Armen noch ärmer, ist hier vielleicht bemerkbarer als woanders. Bei der Bevölkerungsgröße von 3 Mio. ist jedeR vierte RentnerIn. Die durchschnittliche Lebenshaltekosten liegen bei 1455 Leu (88 Euro), davon wird nur die Hälfte nicht besteuert. Der Durchschnittslohn beträgt 3500 (210 Euro), Durchschnittsrente 900 Leu (55 Euro), auf dem Land 500 (30 Euro). 30% der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. 50% bekommt einen Lohn unter dem Mindestlohn.

Entsteht vor diesem Hintergrund irgendwelche soziale Aktivität, die womöglich wie in Griechenland gezwungenermaßen in Richtung Selbstorganisierung und gegenseitige Hilfe geht, wobei AnarchistInnen mit Tat oder Wort helfen könnten?

Das Land ist zu spezifisch: Moldawien ist ein agrarisches Land, die Bevölkerung reagiert sehr indifferent auf soziale Reize. Trotz dem, dass Moldawien in der Sowjetzeit als Heimat des Stillstands galt und im Land heute immer noch Traditionen der Vetternwirtschaft stark sind, wenn die Leute vor der Notwendigkeit stehen, soziale Probleme zu lösen, wählen sie lieber einfachere Lösungen – statt Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe gehen sie ins Ausland…Deswegen wird zum Teile jede soziale Aktivität sehr schnell politisch gefärbt.
Manche meiner GenossInnen sehen Elemente der Selbstorganisierung in Vereinen, die historische Gebäude schützen und der wilden Bebauung in der Hauptstadt widerstehen. Jedenfalls sieht mensch solch massenhafte und vehemente Aktivität bei uns nicht. Aber wir suchen, suchen nach Menschen, nach Möglichkeiten, machen Aufklärungsarbeit…

Könntest Du vielleicht die Geschehnisse im April 2009 skizzieren? So weit ich mich erinnere, wedelte mensch bei den Unruhen mit europäischen Fahnen… Das waren angeblich Proteste gegen manipulierte Wahlergebnisse, obwohl die OECD die Wahlen als „weitgehend frei“ bewertete. Also, was war das eigentlich?

Was die Unruhen am 7. April 2009 angeht, wie sehr wir darin Elemente der Selbstorganisierung und Protest von unten sehen wollten, so war das nicht. Nach der offiziellen Version der kommunistischen Partei (PKRM), die damals an der Macht war, war das ein versuchter Staatsstreich. Offizielle Version der jetzigen Regierung – der damaligen „Revolutionären“ – ist die Unzufriedenheit mit dem Ausgang der Wahlen. Das alles überlassen wir dem Gewissen der Leute, die so was behaupten und werten die Geschehnisse selbst als Machtübergabe von KommunistInnen zu Liberalen. Zudem vom Standpunkt der modernen europäischen Demokratietradition her passt die „moldawische Variante“ in diese Tradition perfekt: umstritten blieb eine einzige Stimme im Parlament, alle politischen Akteure blieben auf ihren Plätzen und die Unruhen haben nie die Regierungsvierteln verlassen. Was europäische Fahnen betrifft, so hängen sie in der Hauptstadt an fast allen Verwaltungsgebäuden.
Unsere Schlüsse aus den Geschehenissen am 7. April sind traurig. Ein Volk größtenteils, das keine Traditionen der Selbstorganisation hat, lässt sich leicht politisch manipulieren und wird sehr schnell reaktionär. Das trifft nicht nur für die Länder der ehemaligen Sowjetunion zu, sondern auch für den Rest der Welt. Ich meine den so genannten „arabischen Frühling“.

Gibt es Beziehungen, Zusammenarbeit in der Region? Mit rumänischen, ukrainischen AnarchistInen oder Linken? Vielleicht mit größeren oder internationalen Organisationen?

Hier arbeiten wir eng mit MarxistInnen zusammen, unterhalten Kontakte zu IASR (Initiativa Anarho-Sindicalista din Romania). Auf individuellen Ebene gibt es Kontakte zu ukrainischen und russischen GenossInnen, die Position der KRAS-IAA ist uns nah. Was die internationalen Organisationen angeht, so besteht da so ein psychologisches Problem: wir glauben, dass sich internationalen Organisationen anzuschließen nur Sinn macht, wenn du ihnen was geben kannst, etwas mit ihnen teilen kannst… Wir wollen nicht Mitglied in irgendeiner Organisation werden, nur um mit der Mitgliedschaft anzugeben. Wir sind sehr selbstkritisch und können momentan nichts der internationalen Bewegung geben. Zur Zeit nehmen wir nur noch: Erfahrungen, Bücher, Flugblätter, und verfolgen theoretische Diskussionen.

Vielen Dank fürs Gespräch!

E-mail: info@anarchy.md

Homepage: http://www.anarchy.md/


1 Antwort auf „„Ein Volk, das keine Traditionen der Selbstorganisation hat, lässt sich leicht politisch manipulieren und wird sehr schnell reaktionär““


  1. 1 Besoffene Nach(t)betrachtungen. Diesmal: die Omphaloskepsis « BiKri Pingback am 02. Oktober 2013 um 14:17 Uhr
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