Archiv für November 2012

Neues Leben für Prjamuchino, das ehemalige Adelsnest der Familie Bakunin

[Anm. d. Ü.: Dieser Text entstand aus den Gesprächen mit einem der Organisatoren der Prjamuchiner Lesungen, Svjatoslaw Sidorow mit Hilfe von Sergej Kornilow und Pjotr Rjabow, die per E-Mail geführt und anschließend aus dem Russischen übersetzt wurden. Die aus der Gesprächsatmosphäre resultierende, etwas wirre Gesamtstruktur des Textes wurde um der Authentizität willen beibehalten, nicht wirklich relevante Details dafür weggekürzt. Die häufig vorkommenden Vaternamen spiegeln spiegeln altersbezogene Hierarchien und patriarchale Muster der russischen Gesellschaft wider.]

Dass Anarchist*innen und Forscher*innen anfingen, sich unmittelbar für das Prjamuchino-Anwesen zu interessieren, verdanken wir Natalia Michajlowna Pirumowa (1923 – 1997), einer bedeutenden Forscherin auf dem Gebiet des Anarchismus und sozialer Bewegungen und eines wunderbaren Menschen. (1970 in der Bücherreihe „Das Leben berühmter Menschen“ erschien ihr Buch über Bakunin und 1972 ihr Buch über Kropotkin. 1989 fand in Prjamuchino eine von ihr organisierte Konferenz statt, die dem 175. Jubiläum Bakunins gewidmet war.)

Auf Einladung der „Ekasoga“-Stiftung hin, die sich anschickte das Anwesen zu renovieren, kam 1990 eine „Arbeitskolonne“ von Anarchist*innen nach Prjamuchino. Später löste sich die „Ekasoga“-Stiftung jedoch auf, nachdem sie ein paar Ausstellungen organisiert und nichts renoviert hatte.

1994 fand in Kuwschinowo (Zentrum des Kuwschinowo-Bezirks in Gebiet Tver‘) und Prjamuchino (liegt im Kuwschinowo-Bezirk) eine weitere Konferenz statt, die dem 180. Jubiläum Bakunins gewidmet war. 1995 gründeten Pjotr Rjabow, Michail Tsowma und Nikolaj Murawin (der ein Jahr später auf eine tragische Weise starb) die erste Prjamuchiner Freiheitliche Genossenschaft. Die Renovierung des Anwesens und des Parks wurde zum Ziel der Genossenschaft.

Ein Unternehmer aus Tver‘, der Geschichtswissenschaftler und Forscher lokaler Geschichte W. I. Sysojew, überließ der Genossenschaft sein Haus im Dorf Lopatino, und ein Nachkomme der Bakunins G. N. Zirg spendete der Genossenschaft etwas Geld.
Bis 2002 (außer 1997 und 1998) kam die Genossenschaft jährlich auf diese Weise zusammen. Aus verschiedensten Ecken stießen Anarchist*innen Russlands zur Genossenschaft dazu. Sie arbeiteten manchmal in mehreren Schüben: befreiten den Park vom Gebüsch, entfernten Müll in den Häusern, um dort Baumaterialien zu lagern, und reinigten den oberen der drei Teiche. Freie Zeit wurde dem Kulturprogramm gewidmet: die Leute veranstalteten viele Vorträge, gaben eine handgeschriebene Zeitung heraus – „Die Prjamuchiner Harmonie“ […]

In derselben Zeit – 1998/99 – wurde die Bakunin-Stiftung gegründet. Die Vorgeschichte ihrer Gründung ist folgende: als 1998 Russlands Währung zusammenbrach, verlor Sergej Gawrilowitsch Kornilow seinen Job als Journalist. In der Krise konnte er keinen Job mehr finden (er war damals 58) und dachte sich, er müsste sich ein Haus auf dem Land kaufen, solange er noch Geld hatte – entweder dort, wo sein Vater geboren wurde, oder dort, wo er starb. Sein Vater wurde in Lopatino geboren, und Kornilow kaufte sich ein Haus nicht weit entfernt– in Prjamuchino. Er wusste, dass Prjamuchino ehemals ein Anwesen der Familie Bakunin war. Also hat er sich dort 1999 niedergelassen und begonnen, sich für die heute lebenden Nachkommen der Bakunins zu interessieren. So lernte er Irina Aleksejewna Bakunia-Pljassowa und Zirg kennen.

Zusammen wollten sie eine Stiftung gründen, die sich um die Renovierung des Anwesens und die Organisation eines Museums vor Ort kümmern würde. (Die Stiftung war nicht gedacht als anarchistische Organisation und war nie anarchistisch). Als sie versuchten, andere Menschen dafür zu begeistern, haben sie den Duma-Abgeordneten S. N. Jushenkow und Sysojew kennengelernt.

1999 wurde die Stiftung eingetragen. Ursprünglich war gedacht, daraus eine Wohlfahrtsorganisation zu machen, es stellte sich jedoch heraus, dass sich nach der Gesetzeslage keine staatlichen Strukturen beteiligen durften (die Gründer*innen der Stiftung wollten die Verwaltung des Kuwschinowo-Bezirks und die Prjamuchiner Schule einbeziehen). Also mussten sie die Statuten ändern und die Stiftung als eine nicht-kommerzielle Organisation registrieren lassen.

Mit den Mitteln der Stiftung wurde die Kolonnade im südlichen Flügel des Anwesens renoviert und das Dach neu mit Blech gedeckt. Aber die Hauptsache – 2003 konnte mensch durch die Stiftung in Prjamuchino, im Gebäude der Schule, das städtische Museum der Familie Bakunin einrichten. In ihm gibt es ein paar Zimmer mit einer professionell eingerichteten Ausstellung, die über das Anwesen und die Familie Bakunin erzählt. Außerdem, finden dort zeitlich begrenzte Ausstellungen statt, außerdem gibt es eine Möglichkeit, Musikabende zu veranstalten.

Trotzdem wurde ziemlich schnell klar, dass die Stiftung nicht genügend Geld für die vollständige Renovierung des Anwesens hat und es auch in nächster Zukunft nicht haben wird. Um trotzdem sinnvolle Arbeit zu leisten, wurde 2001 die Entscheidung getroffen, die Organisation jener Prjamuchino-Konferenzen wieder aufzunehmen, die von N. M. Pirumowa organisiert wurden. So entstanden die Prjamuchiner Lesungen.

Die ersten Prjamuchino-Lesungen fanden vom 30. Juni bis 1. Juli 2001 statt. (Seitdem werden sie immer an zwei Tagen organisiert: Samstag und Sonntag am Ende Juni und Anfang Juli). Sie waren nicht als eine anarchistische Konferenz konzipiert: Ihr Ziel war es, die Geschichte der Familie und des Anwesens Bakunin zu erforschen, und sich mit den Fragen dessen Renovierung zu befassen. Bereits an den ersten Lesungen haben Anarchist*innen teilgenommen, die parallel in der Freiheitlichen Genossenschaft arbeiteten. Die Konferenz räumte Michail Alexandrowitsch Bakunin viel Zeit ein und Pjotr Rjabow hielt einen Vortrag zum Thema „Die Historiosophie Michail Bakunins“.

In den nächsten Jahren tendierten die Themen der Lesungen immer mehr zur Erforschung des Ideen-Nachlasses und des Lebenswerks Bakunins, später auch zur Erforschung der Geschichte und Philosophie des Anarchismus überhaupt. (Stenogramme aller Lesungen von 2001 bis 2011 kann mensch lesen oder runterladen von unserer Seite: http://bakunin-fund.hut2.ru/reader.utf.html). 2005 tauchte das Wort „Anarchie“ bereits im Thema der Konferenz: „Anarchie, Staat und Revolution. Anarchie und Terror“ auf. Auf den Lesungen hielt mensch Vorträge nicht nur über Bakunin, sondern auch über Ideen und Lebenswerk von Kropotkin, Borowoj, Herzen, Proudhon, Turgenjew, Masarik, Osorgin, Karelin, Atabekjan, Figner (1), Foucault, A. N. Andrejew und Gandewskaja (2), außerdem noch über Natalia Pirumowa, Igor Podshiwalow (3), russische anarchistische Dichter, spanische und französische Anarchist*innen usw. In den Jahren der Lesungen wurden zudem viele Vorträge über verschiedenste Themen gehalten, die vom Anarchismus oder der Geschichte der hiesigen oder ausländischen sozialen Bewegungen handelten.

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Seit 2007 widmen sich die Lesungen fast vollständig der Geschichte und Philosophie des Anarchismus und den Diskussionen über den Zustand der modernen anarchistischen Bewegung und ihrer Perspektiven. Die Lesungen haben einige Besonderheiten. Erstens, seit 2001 werden die Sitzungen auf Diktaphon aufgenommen, zudem nicht nur die Vorträge, sondern auch die anschließenden Diskussionen, die dann veröffentlicht werden. Wenn die Zeit es zulässt, werden zweitens dennoch auch interessante Vorträge über beliebige Themen jenseits des vorgegebenen Themas gehört. Drittens werden seit 2007 Anhänge veröffentlicht, die für Lesungen vorbereitete, aber nicht vorgestellte Vorträge oder andere Materialien beeinhalten.

So wurden 2007 Erinnerungen an N. M. Pirumowa und Igor Podschiwalow, einige hervorragende Zeitungsartikel von Igor und Texte über Sofia Kropotkina und die Gründung der Konföderation der Anarcho-Syndikalisten (KAS) veröffentlicht. 2008 waren das Materialien über Bakunin, Kropotkin, Moskauer Anarchist*innen in 1920-30er Jahren, Erinnerungen an zu früh verstorbenen Michail Maljutin, der an den Lesungen 2008 teilnahm … Der Anhang von 2009 war den am 19. Januar 2009 in Moskau ermordeten Stanislaw Makrelow und Anastasia Baburina gewidmet, die sich auch selber an Lesungen beteiligte. (Außerdem beteiligte sich Stanislaw an der Freiheitlichen Genossenschaft). Es wurden einige Zeitungsartikel und Einiges aus dem Blog von Anastasia veröffentlicht.

2010 wurden Texte über Bakunin, Kropotkin und Dmitrower Kooperativenvereinigung, das Theaterstück „The Coast of Utopia“ von Tom Stoppard und die russischsprachige Filmographie des Anarchismus in den Anhang aufgenommen. In der Publikation von 2011 erschien ein Text über Tver‘er Anarchist*innen zwischen den Revolutionen 1905 und 1917.

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Während 2000er Jahre wurde der Kreis der Teilnehmer*innen der Lesungen immer breiter. Seit 2002 fährt aus Moskau ein Bus mit Hörer*innen und Vortragenden. Viele fahren selbst hin. In den 12 Jahren der Lesungen wurden diese nicht nur von russischen Geschichtswissenschaftler*innen, Philosoph*innen, Philolog*innen und Anarchist*innen besucht, sondern auch von ausländischen Gästen (aus Wrotzlaw, Krakau, Baden-Baden, Paris, Sao Paolo). […]

2011 widmeten sich die Lesungen einer differenzierten kritischen Betrachtung der anarchistischen Ideen und des aktuellen Zustands der anarchistischen Bewegung. Es wurden folgende Fragen gestellt: was hindert anarchistische Ideen daran, von vielen Menschen in modernen Gesellschaften aufgenommen zu werden? Wie gut ließe sich Theorie und Praxis, die in der Zeit von Proudhon, Bakunin und Kropotkin (des sog. „klassischen Anarchismus“) entwickelt wurde, im Heute anwenden? Was sind die Ziele des Anarchismus? Hat die anarchistische Bewegung so was wie einen „Punkt der Ankunft“, ein Ideal vom „Endzustand“?

Am Runden Tisch 2012 wurde vorgeschlagen, diese Diskussion wieder aufzunehmen und darüber zu reden, wie die anarchistische Bewegung aus dem bedauerlichen Zustand, in dem sie sich derzeit befindet, herauskommen könnte, und darüber, was Anarchist*innen erfolgreich getan haben und immer noch in verschiedensten Sphären der Öffentlichkeit tun: in der Arbeiter*innenbewegung und der Organisation der Produktion, in der Kunst und Kultur, im Umweltschutz, im Aufbau von selbstverwalteten Communities. Aber die Diskussion am Runden Tisch führte die kritische Linie der letzten Jahr weiter: im Grunde genommen wurden eher neue spannende Fragen gestellt, statt vorgefertigte Antworten präsentiert. Vorträge handelten von „Erinnerungsorten der Anarchist*innen“ nach der Theorie der „Erinnerungsorte“ von Pierre Nora, vom Problem des Elitismus im Anarchismus, vom Problem der Technik und von der Anarchisierung der Gesellschaft unter Bedingungen der hochtechnisierten Zivilisation. Wie immer, ist eine Veröffentlichung der Beitragssammlung der diesjährigen Konferenz geplant (eher 2013).

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Auf diese Weise sind Prjamuchino-Lesungen ein Ort, wo sich Anarchist*innen und diejenigen, die sich mit der Erforschung der anarchistischen Geschichte und Philosophie beschäftigen, begegnen. Bei den Lesungen versuchen wir, wissenschaftliche Vorträge mit informellen, nicht-wissenschaftlichen Auftritten und Diskussionen über die Anarchismus-Forschung oder die lebendige Bewegung zu kombinieren. Außerdem, obwohl Vorträge über die Geschichte der Familie und das Anwesen Bakunins auf unseren Lesungen fast vollständig verschwunden sind, betonen wir immer, dass wir diese Thematik nicht aufgegeben haben.

Die Prjamuchino-Lesungen sind (zumindest heute) keine Veranstaltungen, die alle russischen Anarchist*innen vereinigen. Jemand fährt im Sommer in Ökocamps, jemand denkt vielleicht, dass es nicht so wichtig ist, Theorie und Geschichte der Bewegung zu studieren, für jemand ist es einfach ein zu langer Weg (aus Sibirien z. B.), jemand kommt wegen angespannter Beziehungen zwischen einzelnen Aktivist*innen und Bewegung nicht. Aber um Prjamuchino herum entstand ein festes Kollektiv aus ein paar Dutzend Anarchist*innen und Forscher*innen, das mit jedem Jahr wächst. Die Beitragssammlungen der Konferenz erscheinen auf Papier in Auflagen von 100 – 150 Stück, in den letzten Jahren wurden etwa 200 an befreundete Buchhandlungen, Bibliotheken und wissenschaftliche Zentren im Ausland verschickt. […]

Die Lesungen werden von einem kleinen „Orgakomitee“ (es ist auch das Redaktionskollektiv bei der Herausgabe der Textsammlungen), dessen Mitglieder Sergej Kornilow, seine Frau Alla Michajlowna und Tochter Warwara, Pjort Rjabow, ich und mein Vater Igor Sidorow, sind. Je nach Bedarf beteiligen sich am Orgakomitee auch andere konstante Vortragenden und Hörer_innen. Die Konferenz wird aus privaten Mitteln des Orgakomitees und Spenden der Teilnehmenden und vom Geld, das durch den Verkauf der Textsammlungen eingenommen wird, finanziert. Manchmal gelingt es, einige informelle Sponsoren zu finden (die Textsammlungen 2001/2003 waren etwa dank der finanziellen Unterstützung von Tom Stoppard möglich, der Anfang 2000 Prjamuchino besuchte).

Kehren wir nun 10 Jahre zurück, um die Geschichte der Bakunin-Stiftung, der Prjamuchiner Freiheitlichen Genossenschaft und des Anwesens selbst zu verfolgen. Das Jahr 2003 bedeutete eine Zäsur für die Stiftung: Im April wurde in Moskau ein Mitglied der Stiftung, S. N. Jushenkow ermordet. Nach der Eröffnung des Bakunin-Museums verschärften sich Widersprüche in der Stiftung. Also fing Sergej Kornilow an, sich mit den Lesungen zu beschäftigen, und Wladimir Sysojew – mit der Erforschung und Popularisierung der Familie Bakunin und ihrer einzelnen Vertreter*innen. Außerdem fingen vor einigen Jahren Zirg und Sysojew an, die sog. „Bakunin-Feste“ an Michail Bakunins Geburtstag zu veranstalten. Leider haben diese Feste keinen kulturellen oder bildungsrelevanten Inhalt.

Ungefähr ab der Mitte der 2000er hat die Bakunin-Stiftung aufgehört zu existieren. Am 3. Januar 2010 starb Wladimir Sysojew. In diesem Jahr eröffnete die Lesung mit einer Erinnerung an ihn. Es ist nötig, an die kolossale Arbeit zu erinnern, die er als Historiker für die Bekanntheit der Familie Bakunin und den mit ihr verwandten Familien getan hat. Er ist der Autor der fundamentalen Monographie „Bakunins“, von Büchern wie „Der Gebietsbürgermeister von Tver‘, Alexandr Pawlowitsch Bakunin“, „Tatjana Alexejewna Bakunina-Osorgina“, „Des Dichters erste Liebe. Jekaterina Pawlowna Bakunina“, „Poltoratskij. Eine kurze Familengeschichte“, „Anna Kern. Ein Leben für die Liebe“ und Artikeln über Bakunins, Poltoratskijs und anderen adeligen Familien des Tver‘er Gebiets. Obwohl die Bakunin-Stiftung aufgehört hat zu existieren, nutzen wir immer noch diesen Namen für unsere Seite (http://bakunin-fund.hut2.ru/) und unseren Blog (http://bakunin-fund.livejournal.com/).

Was die Freiheitliche Genossenschaft angeht, so versammelte sie sich 2003 zum letzten Mal vor einer langen Pause. Sie war auch die kleinste (6 Menschen) und wurde von neu dazu gekommenen Menschen organisiert. Von 2004 bis 2009 habe ich die Genossenschaft fast immer repräsentiert, indem ich für eine oder zwei Wochen Sergej Gawrilowitsch (Kornilow) besucht habe, um im Park zu arbeiten. Versuche, kollektive Arbeiten zu organisieren, scheiterten.

2010/2011 wurde nicht einmal versucht, die Genossenschaft zu organisieren. 2012 wurde sie wieder belebt. Für zwei Wochen gelang es, insgesamt 12 Menschen zusammenzutrommeln (eingeladen wurden nicht nur Anarchist*innen, sondern auch Freund*innen der Organisator*innen und wohlgesinnte Menschen). Wir schafften einige gute Sachen im Park zu vollbringen. Hoffen wir, dass ab diesem Jahr die Genossenschaft größer und stärker wird!

Die Prjamuchiner Lesungen haben in der anarchistischen Bewegung tatsächlich keinen wichtigen, dafür aber ihren eigenen und ziemlich konkreten Platz: Faktisch sind die Prjamuchiner Lesungen beinahe die einzige Plattform nicht nur in Russland, sondern in der ganzen GUS (4), wo regelmäßig und mit der Herausgabe von Textsammlungen Geschichte und Philosophie des Anarchismus, aber auch der moderne Anarchismus erforscht werden. Außerdem reichen die Lesungen über die Grenzen des Anarchismus hinaus und verbinden ihn mit Kultur und anderen sozialen Bewegungen und Phänomenen. Bei dem ersten Lesungen hat mensch mehrere Themen angegangen, die mit dem Anarchismus direkt zu tun hatten.

Was den konkreten Nutzen der Lesungen angeht, so besteht er erstens im Austausch und Kennenlernen von Anarchist*innen und Anarchismus-Forscher*innen auf der Konferenz; zweitens im Arbeiten von Anarchist*innen und Forscher*innen mit unseren Textsammlungen (das Interesse besteht in verschiedensten Städten Russlands und im Ausland); drittens im Diskutieren und Unterstützen von diversen libertären und Anarchismus-nahen Projekten (in diesem Jahr wurden Unterschriften gesammelt für die Eröffnung eines Kropotkin-Museums in Dmitrow und fürs Anbringen einer Gedächtnistafel am Todesort von Stanislaw Makrelow und Anastassija Baburowa in Moskau). Zudem werden bevorstehende libertäre Veranstaltungen angekündigt (so z. B. die Prjamuchiner Freiheitliche Genossenschaft, oder ich habe dieses Jahr die Übersetzung von George Woodcocks Buch „Anarchism: A History of Libertarian Ideas and Movements“ angekündigt), und es werden Bücher vorgestellt, die etwas mit Anarchismus zu tun haben und seit der letzten Konferenz erschienen sind. Auf den Lesungen werden jedoch keine Entscheidungen über die einen oder die anderen Aktionen, über Gründung irgendwelcher Organisationen getroffen, in diesem Sinne ist die gesellschaftliche Resonanz der Lesungen minimal. Die Lesungen werden von einzelnen Journalist*innen besucht, hauptsächlich aus dem anarchistischen Milieu, manchmal tauchen in der Anarcho-Presse und in Blogs Meldungen über unsere Konferenz auf. Aber das Sammeln von Unterschriften und die Herausgabe von Textsammlungen ist schon etwas, zudem gibt es mittlerweile ein beträchtliches Publikum, das von unseren Lesungen weiß.

Die einheimische Bevölkerung interessiert sich kaum für die Lesungen. Manchmal besuchen uns Gärtner*innen aus Moskau, die mit Kornilow befreundet sind. Sie sind den Lesungen und der Genossenschaft wohlgesinnt. Die Einheimischen trinken leider zu viel, wer noch etwas vom Leben haben wollte, sucht ihr/sein Glück in größeren Städten.

Die Konferenz 2014, die dem 200-jährigen Jubiläum Bakunins gewidmet sein wird, stellen wir uns heute so vor: Am Freitag (die Daten stehen noch nicht fest) wollen wir eine Sitzung abhalten (wenn wir Glück haben, dann im mit uns befreundeten Herzen-Museum, aber ist noch geschlossen), am Samstag und Sonntag – die eigentliche Konferenz in Prjamuchino. Wir planen, die führenden Bakunin-Forscher*innen aus Russland und aus dem Ausland einzuladen. Außerdem planen wir noch Übersetzungen während der Sitzungen und das Übersetzten von Texten von ausländischen Kolleg*innen, damit sie in der Beitragssammlung erscheinen können. Wir werden mit den ausländischen Bakunin-Forscher*innen den Termin aushandeln, sodass er sich nicht mit ihren Veranstaltungen überschneidet (so will unseres Wissens z. B. Antoni Kaminsky eine große Konferenz in Polen veranstalten, die dem 200-jährigen Jubiläum von Bakunin gewidmet ist).

Übersetzt von Ndejra
Erschienen in der November-Ausgabe der GaiDao.

Anmerkungen:
1) Es handelt sich um eine Reihe von Menschen, die in anarchistischen, sozial-revolutionären oder künstlerischen Kreisen tätig waren und somit von Bedeutung für die libertäre Tradition Russlands sind
2) Andrej Andrejew und Zora Gandelewskaja sind ebenfalls Anarchisten aus den Zeiten der Oktoberrevolution und des Bürgerkrieges
3) 1962-2006, Journalist und Anarchist, Befürworter des sog. „sibirischen Lokalismus“
4) Gemeinschaft unabhängiger Staaten, Nachfolgerstaaten der Sowjetunion