Wie wir den 1. Mai runter-geWürgt haben

Dass die öde unterfränkische Pampa sehr wohl verschiedene Facetten hat, wurde uns sehr deutschlich, ämh, deutlich am 1. Mai vorgeführt. Es hatte immer gute Gründe gehabt, dass auch die gewagtesten AnhängerInnen der Würzburger Vulgär-Soziologie und Vulvologie sich von schnöden Gewerkschaftsaufmärschen in dieser Stadt fern hielten. Sie blieben lieber länger im Bett – wenn das kein guter Grund ist! Doch diesmal war es anders. Und wir haben gelernt: am 1. Mai bleiben wir künftig immer länger im Bett, machen dann was auch immer, nur den Helden und Heldinnen der deutschen Wertarbeit nähern wir uns nicht. Es sei denn nur in böser Absicht.

Mensch kann es den hungerstreikenden iranischen Flüchtlingen, die am Ort der DGB-Kundgebung, am Marktplatz, kampieren, nicht verübeln, dass sie auf den „Tag der Arbeit“ scharf waren. Im Iran hat mensch einfach den Luxus nicht, auf Gewerkschaftsaufmärsche zu pfeifen. Woher weiß mensch denn, was für eine Rolle der DGB und die Sozialdemokratie im gesellschaftlichen Schlamassel spielen, wenn mensch aus dem Iran nach Deutschland flieht? Zudem, was für staats- und arbeitsfetischistischen Illusionen die iranischen Jungs selber anhängen, gilt es noch zu erforschen. Aber die Zusammenkunft war schon interessant.

Der feierliche Umzug offenbarte die ganze Schizophrenie der deutschen Kernbelegschaften und der sozialdemokratischen StandortkämpferInnen. Die obligatorische Samba-Kapelle. Standardisierte Ansprachen, die allesamt vom Stolz strotzten, deutscher Arbeiter zu sein und dem deutschen Vaterland zu dienen. Viel rot, viele Stammtischgesichter. Würstchenstand und Bier in Plastikbechern. Kampfansagen an den Finanzkapitalismus am Stand von IG BAU. Frauenschuhe mit roten Blümchen drauf – der BiKri ist schwerst entzückt. „Für uns ist es nicht nur der Tag der deutschen Einheit, ‚tschuldigung, Tag der deutschen Arbeit…“ – so einer der Redner. Die Stammtischgesichter grinsen, guter Witz. Es wird angekündigt, es wird auch um Flüchtlinge gehen, denn die Problematik ist ja auch da. Dann entgegen der Vereinbarung darf – warum auch immer – Eva Peteler sich zu eben dieser Problematik äußern. Andererseits, warum denn nicht, sie ist ja auch ein Teil der Problematik, dürfte sich ja gut auskennen. Nach heftigen Diskussionen bekommt Masoud, der Sprecher der iranischen Jungs, eine Minute (EINE – wie nett und großzügig von den Genossen!) Redezeit, und nimmt sich so viel er braucht. Die Stammtischgesichter wirken etwas verstört. Anschließend fegt eine nette Post-Rock-Band diese sozialen Stammtischgesichter vom Platz, eine Volksmusikkapelle würde da besser rein passen.

In der Broschüre der DGB-Jugend „Was machen eigentlich Gewerkschaften?“ (6. überarbeitete Auflage Stand März 2011) sind einige Grundsätze der oben beschriebenen Schizophrenie dargelegt. Ein Fund für jeden Vulgär-Soziologen und jede Vulgär-Soziologin! Es wird sogar eine kleine Geschichte der Domestizierung der deutschen Arbeiterschaft geboten – „Von Staatsfeinden… zu einer starken Arbeitnehmermacht“ (S. 4-5).

„Von den Verbesserungen, welche die organisierte Arbeitnehmerschaft über die Jahre erreicht hat, profitieren viele – nicht zuletzt auch die Unternehmen. Daran muss man die Arbeitgeber allerdings gelegentlich erinnern. Fortschrittliche Tarifverträge kosten auf den ersten Blick zwar mehr Geld, sind aber in Hinblick auf faire Löhne wichtig für die gesamte Wirtschaft. […] Das Recht, Tarifverträge zu schließen, ist teil des Grundgesetzes Art. 9, Abs. 3“. (S. 6) Gelegentlich vergisst das der DGB vor lauter Unterwürfigkeit.

„Schön und gut, die historischen Erfolge, aber jetzt brauchen wir keine Gewerkschaften mehr, oder? Doch, brauchen wir, denn eines hat sich in all den Jahrhunderten nicht geändert: Die Unternehmen wollen Profit machen. Das sollen sie auch – aber nicht auf Kosten der Beschäftigten“. (S. 7) Dann lieber auf Kosten der griechischen Bevölkerung z.B. Und nicht ein mal das stimmt so ganz: denn für eine extra Gelegenheit, mal mit dem schwarz-rot-goldenen Fähnchen zu wedeln, verzichtet die organisierte deutsche Arbeiterschaft auf den Reallohnzuwachs und zwar seit vielen Jahren.

„Denn zuviel arbeiten oder gar keine Arbeit finden macht oftmals krank“. (S. 8 ) Und als Konsequenz daraus die soziale Gerechtigkeit in Form von Gleichverteilung des menschlichen Elends der Lohnarbeit?

Stolze organisierte deutsche Arbeiterschaft, du Verräterin der Menschlichkeit!
Und des guten Geschmacks, LOL.


4 Antworten auf „Wie wir den 1. Mai runter-geWürgt haben“


  1. 1 bobby 07. Mai 2012 um 20:15 Uhr

    „Menschlichkeit“? Ja, äh, mh, DARAN wird es dem DGB mangeln, nä.
    Aber die restliche Polemik ist hübsch!

  1. 1 Wieder mal Würzburg | Das grosse Thier Pingback am 03. Mai 2012 um 18:47 Uhr
  2. 2 Würgtown in seinem antifaschistischen Denken und Handeln « BiKri Pingback am 10. Juni 2013 um 15:49 Uhr
  3. 3 Besoffene Nach(t)betrachtungen. Diesmal: die Omphaloskepsis « BiKri Pingback am 02. Oktober 2013 um 22:49 Uhr
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