Archiv für September 2011

Staunen über die Rübenrekorde

Meine dunkelhäutige Freundin Conny schockierte mich mal mit dem Satz, dass es in Würzburg „viele Rassisten“ gäbe. […] „Das hat nichts mit Deiner Hautfarbe zu tun“, erklärte ich ihr, „Würzburger sind auch zu Einheimischen unfreundlich“. Wie recht ich mit dieser Einschätzung habe, erlebte ich kürzlich wieder in einem Gartenlokal.

Herzlichen Dank für diese Einschätzung, liebe Gisela! Und viele Grüße an deine „heile Welt“..

Interview mit einem bulgarischen Anarchisten

[Dieses Gespräch mit Nikolaj „Scharkhan“ Tellalow (Jahrgang 1967, Übersetzer, Schriftsteller, Mitglied des Redaktionskomitees der Zeitung „Swobodna Misl“) wurde in russischer Sprache per e-mail geführt und danach ins Deutsche übersetzt. ]

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- Lass uns langsam anfangen. Erzähl mal über die kulturellen, geistigen Wurzeln des Anarchismus in Bulgarien. Kann mensch von einem „bulgarischen“ Anarchismus sprechen?

Als eigentlichen Ursprung des Anarchismus in der Region könnte mensch die föderalistische Stammesstruktur bezeichnen – zuerst der slawischen Stämme, dann die der vom Pamir hergezogenen Altbulgaren. Des weiteren – in den bogomilischen Ketzereien.
Aber als eine konsequente Weltanschauung ist der Anarchismus erst nach dem Fall der drei bulgarischen Reiche unter die osmanische Herrschaft herangereift. Die Staatlichkeit der Eroberer hat niemand außer den Adeligen und später den einigen Reichen als „unsere eigene“ angesehen. Sogar die Kirche, die unter den Einfluss der griechischen Geistlichkeit geraten ist, bildete keine Alternative zur Herrschaft. Die Menschen waren genötigt auf die Methode der Selbstorganisation zurückzugreifen, um zu überleben. Und um eigene Belange nicht in Gefahr zu bringen, zog mensch es vor, sich nicht an die offiziellen Gerichte und andere Herrschaftsinstitutionen zu wenden, sondern Streitigkeiten im „mir“ (in der Gemeinde) zu schlichten, denn nur so lernte mensch, die verpflichtenden Regeln und Vereinbarungen einzuhalten.
Zudem hörte dieser Widerstand fünf Jahrhunderte lang nicht auf und verlief wellenförmig, mit Tiefen und Höhen. Noch im ersten Jhd. gab es keine Anführer aus den aufständischen Adeligen mehr. Versuche der Reste der Kriegerkaste, den katholischen Glauben anzunehmen, um Kreuzzüge aus dem Westen zu provozieren, die von Aufständen begleitet hätten begleitet werden sollen, schlugen auch fehl. (Es gab nur einen einzigen Kreuzzug, den von Wladislaw Jagelo, eher seine eigene emotionelle Entscheidung, als eine durchgeplante Handlung.)
Dem Volk wurde klar, dass politische Spiele sinnlos sind. Neue Kampfformen entwickelten sich. Hajdukenbanden (Banden von „Volksrächern“) arteten zwar öfters in gewöhnliche Räuberbanden, schufen aber eine interessante Tradition – die Wählbarkeit der Anführer und der Fahnenträger (der stellvertretenden Anführer faktisch), die fast mönchenhafte Enthaltsamkeitsgelübden für die Zeit der Aktivität (die Banden gingen im Winter auseinander und schlossen sich wieder im Frühling zusammen) und die soziale Komponente im Kampf – allmählich wurden nicht nur Türken oder Muslime zu Feinden, sondern hauptsächlich die Reichen und die Amtsträger ohne Unterschied in der ethnischen Herkunft oder des Glaubens. Manche Hajdukenbanden waren ethnisch gemischt, z.B. die Bauernarmee unter der Führung von Mehmet Sinap im 16. Jhd. oder der Aufstand vom ehemaligen Janitscharen Indzhe dem Heeresführer (ungefähr zur selben Zeit).
In der Epoche der Wiederauflebens Bulgariens (seit der ersten Hälfte des 19. Jhd.) waren Volksschulen, die autonom (ohne jegliche Verwaltungszentren) von Eltern- und Lehrerkomitees geführt wurden markantes Beispiel für Parallelstrukturen im Volk. Bei den Schulen wurden an den Erwachsenen orientierte Volksbibliotheken gegründet, die in sich Bibliotheken, Theater, Schulungen und eigenartige Diskussionsclubs vereinigten. Naturgemäß sind sie zu Kernen der revolutionären Komitees geworden.
Die nationale Befreiungsbewegung in Bulgarien hatte sehr stark ausgeprägte anarchistische Aspekte – ihre Initiatoren (nach Georgi Sawa Rakowskij) wendeten sich direkt an Bakunin zwecks Programm und Statut. Karawelow, Lewski und besonders Botew sahen die Zukunft in einer föderativen Republik, wo allen Ethnien und allgemein allen BürgerInnen lokale Selbstverwaltung, soziale Gleichheit und alle Menschenrechte garantiert wären. Als Beispiel sahen sie die Schweiz an, aber wohl nicht die reale, sondern eine idealisierte. Die Wucherei und das Bankiertum galten ihnen als „nicht ehrliche Arbeit“.
Leider konnte die Befreiung nicht durch eigene Kräfte erreicht werden, die Unabhängigkeit wurde zusammen mit der konstitutionellen Monarchie (etwas progressiver als der Absolutismus, aber ein gigantischer Schritt zurück hinter die Ideale der „heiligen und reinen Republik“) auf fremden Bajonetten ins Land gebracht.
Darin liegt die „Einzigartigkeit“ des Anarchismus auf dem bulgarischen Boden – im Kollektivismus, in der Genossenschaft der kleinen (Agrar-)Produzenten. Schwach ausgeprägt war die Tradition des Anarcho-Syndikalismus, weil es ganz wenig Industriearbeiter gab, die zudem in den Fabriken arbeitend immer noch Bauern blieben.
Interessant ist, dass die noch unter den Sultans existierenden Gilden und Genossenschaften sich in Kooperativen verwandelten und „Kommunen“ genannt wurden, besonders wenn es sich um Verbrauchergenossenschaften handelte.
Der Kooperativen-Sektor spielte eine wichtige Rolle in der Wirtschaft des dritten Zarentums (ab 1908) und auch später, im „sozialistischen“ Bulgarien, einigen Autoren zufolge nahm er über 40% der Wirtschaft ein. Zwar zwang das bolschewistische Regime die Kooperativbewegung in den Kolchosenrahmen, aber nicht so brutal wie in der UdSSR.
Es ist noch früh über die Eigenschaften der modernden anarchistischen Bewegung in Bulgarien zu sprechen, auf jeden Fall hat die FAB das noch nicht analysiert.
Ich persönlich kann sagen, dass unser Anarchismus traditionell kommunistisch, atheistisch ist, den Begriff „Anarcho-Kapitalismus“ nehmen die GenossInnen einfach nicht ernst und die letzte „Mode“ (wie der National-Anarchismus) sorgt bestenfalls fürs Staunen.

- Wann entsteht eine explizit anarchistische Bewegung in Bulgarien „offiziell“, so zu sagen? Gab es Versuche der anarcho-syndikalistischen Organisierung? (mehr…)