90 Jahre Aufstand von Kronstadt

Falls jemand das zweifelhafte Glück, jederzeit Stimmen im Kopf zu vernehmen, nicht hat, „lassen wir keine Menschen zurück, grenzen niemanden von vorneherein aus und achten jede Person in ihrer Individualität und Eigenheit. Niemand wird hier an irgendwelchen “Normen” gemessen, erst recht wird niemand ‘gleichgeschaltet’!“ Bla bla bla… War ein kleiner Scherz. Also, was wir hier die ganze Zeit euch entstellten Gestalten zu vermitteln versuchen, ist Folgendes –

Vor 90 Jahren ereignete sich der Aufstand von Kronstadt. Am 1. März 1921 beschloss eine ca. 16000-köpfige Kundgebung auf dem Jakornaja Platz der russischen Garnisonenstadt fast einstimmig, die streikenden ArbeiterInnen von Petrograd (davor und danach St. Petersburg, dazwischen Leningrad) und ihre recht bescheidenen Forderungen an die Bolschewiki zu unterstützen. Auch wenn mensch meinen könnte, nichts kann uns ferner sein als dieser gescheiterte Aufstand gegen die Kommissarenherrschaft, der die „dritte Russische Revolution“ hätte einleiten können – in die Sprache unserer Welt übersetzt, würden die Forderungen der Kronstädter Soldatenräte von jedem aufrichtigen Menschen unterschrieben werden:

*Freiheit für alle politischen Gefangenen,
*Freiheit der Meinungsäußerung, der Versammlungen, der Vereinigungen,
*Abschaffung der politischen Polizei,
*Abschaffung der Parteiherrschaft,
*Freiheit der Bauern und Arbeiter, ihre Produktionsmittel zu nutzen und sich die Produkte ihrer Arbeit anzueignen.

matr1905
Revolutionäre Matrosen des Schlachtschiffs „Petropawlowsk“ in Helsinki 1905. Das Schiff gehörte später der Kronstadtder Garnison an.

Diese Forderungen sind immer noch aktuell, in Russland und anderswo. Immer noch werden Aufstände in Blut und Lügen ertränkt. Und damals sah sich der ehemalige Oberkommandant der Roten Garde Leo Trotzki zur Rechtfertigung genötigt, was er allerdings auch im Exil immer noch aus der Sicht der Partei der Herrschaft getan hatte. Wahrscheinlich durch seine mechanistische geistlose Klassenanalyse kam er zu seinen Argumenten, die allerdings nur eine Art zynischer Euphemismus für das Einzige, was für den Volkskommissaren Sinn machte, waren: für die Herrschaft. Ohne Trotzki persönlich für das Massaker verantwortlich machen zu wollen (denn er hat sich daran nach seinen eigenen Aussagen nicht beteiligt), wird der wirkliche Beweggrund hinter der Alibischrift aller linken StaatswichserInnen, hinter Lenins „Staat und Revolution“ klar sichtbar: die feindliche Übernahme und Entwaffnung der Rätebewegung. Dass ausgerechnet Trotzki sich noch über die „verratene Revolution“ beklagte…

Es bleibt uns, die wir außer solchen Niederlagen nichts geerbt haben, nichts Anderes übrig, als die Scherben der Geschichte aufzusammeln und aufzubewahren. Erbitterte bewaffnete Auseinandersetzungen, die über eine Woche lang gedauert haben, mehrere Tausend Tote auf beiden Seiten; die letzte Regung der real-politisch-staatlich abgewürgten Revolution in Russland. Eine Niederlage mit immenser Ausstrahlungskraft auf die ganze Welt. Manchmal ist der Kampf um Erinnerungen der einzig mögliche; und das ist keineswegs gering. Stets muss sich der unverwirklichte Kommunismus daran erinnern, was in seinem Namen ihm selbst und den Seinen angetan wurde, was ihn für lange, lange Zeit unmöglich machte.

Diesmal keine links-dumpfen Imperativsätze. Ende der Übertragung.


2 Antworten auf „90 Jahre Aufstand von Kronstadt“


  1. 1 Kritiker 21. März 2011 um 13:52 Uhr

    Immer mit dem alten Gram beschaeftigen, so ist die Linke, aber zum Mahgreb und zum Nahen- und Mittleren Osten bekommt ihr nicht zu Stande.

  2. 2 Administrator 02. Mai 2011 um 19:44 Uhr

    ach wozu denn, wenn es http://jawue.blogsport.de/ gibt?

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