Väterchen T gegen den Staat

Weil wir uns immer gerne irgendwelchen Kampagnen anhängen und der ewig radikaleren Realität nachlaufen, widmen wir unsere heutige Predigt dem merkwürdigen Hype um einen längst verstorbenen aufrichtigen Christen. Rund 100 Jahre nach seinem Tod gedenkt der Buchhandel seiner, indem er seine epochalen, aber langweiligen Wälzer (wie z.B. „Krieg und Frieden“ oder „Anna Karenina“) zum tausendsten Mal auspackt (was an sich eigentlich gar nicht falsch ist). Nur der „wahre“ Leo Tolstoi interessiert die „Bildungsnahen“ nicht. Warum sollte er auch? Zu ehrlich, zu heikel, zu gefährlich. Was werden wohl Familien- und Kultusministerien zu diesem Extremisten sagen? Kein Wunder, dass seiner so still gedacht wird. Der unterfränkische Bund der Satano-KommunistInnen hat ein Herz für so manche religiöse Traktate und nutzt die Gelegenheit, um die fast 100 Jahre alte Flaschenpost an christliche MenschInnen weiter zu leiten, von denen es in Würgtown angeblich nur noch so wimmelt ---

I.5. „Ich bereue sehr, dass ich (Befehle zu) Enteignungen von Arbeitsprodukten, Inhaftierungen, Verbannungen, Arbeitshaft, Hinrichtungen, Krieg, sprich Massenmord unterschreiben muss, aber ich muss so handeln, weil das von Menschen gefordert wird, die mir die Macht gaben“, sagen die Regierenden. „Wenn ich Menschen enteigne, reiße ich sie aus ihren Familien heraus, sperre sie ein, verbanne sie, richte sie hin, wenn ich Menschen anderer Völker töte, raube sie aus, schieße in ihren Städten auf Frauen und Kinder, tue ich das nicht, weil ich das will, sondern nur weil ich den Willen der Macht vollziehe, der zu gehorchen ich zum Besten der Allgemeinheit versprach“, sagen die Untertanen. Darin liegt der Aberglaube des Staates. Nur dieser tief verwurzelte Aberglaube macht eine aberwitzige, durch nichts zu rechtfertigende Macht hunderter Menschen über Millionen anderer Menschen möglich und beraubt diese der wahren Freiheit. Kein Mensch, der in Kanada oder in Kansas, in Bohemien, in der Ukraine, in Normandie lebt, kann frei sein, solange er sich für einen britischen, nordamerikanischen, österreichischen, russischen, französischen Staatsbürger hält und oft noch stolz darauf ist. Es kann auch keine Regierung, deren Aufgabe es ist, die Einheit solch unmöglicher und unsinniger Zusammenschlüsse wie Russland, Großbritannien, Deutschland, Frankreich zu wahren, ihren Bürgern die wahre Freiheit zu geben und keinen Ersatz, wie es bei verschiedenen ausgeklügelten Verfassungen geschieht, ob sie monarchisch, republikanisch oder demokratisch sind. Der Haupt- und wahrscheinlich auch der einzige Grund für die Unfreiheit ist die Irrlehre von der Notwendigkeit des Staates. Menschen können auch in Abwesenheit des Staates ihrer Freiheit beraubt werden, aber wenn sie einem Staat angehören, können sie nicht frei sein.
VII.8. Anarchisten haben recht in Allem: Sowohl in der Verneinung des Seienden als auch in der Behauptung, dass bei gegebenen Sitten nichts schlimmer sein kann als Gewalt der Macht. Aber sie irren sich gewaltig, wenn sie denken, dass man Anarchie durch Revolution etablieren könnte. Anarchie kann nur dadurch zustande kommen, dass es immer und immer mehr Menschen geben wird, die keinen Schutz der Regierungsgewalt brauchen und immer und immer mehr Menschen sich schämen würden, diese Gewalt anzuwenden.
VII.9. Anarchie bedeutet nicht das Fehlen von Institutionen, sondern nur das Fehlen von solchen Institutionen, denen Menschen mit Gewalt unterworfen werden. Es scheint, als könnte und dürfte eine Gesellschaft von vernunftbegabten Wesen anders nicht organisiert sein.
Leo Tolstoi, „Der Aberglaube des Staates“ (1910)

Siehe außerdem: Zum Hundersten Todestag Leo Tolstois und Tolstois christlicher Anarchismus – Zum 100. Todestag Leo Tolstoi.

Empfehlenswert ist auch „Das Himmelsreich ist in euch“: Pflichtlektüre bis Weihnachten! Der Post-Post-Prä-Post-Bikri macht indes weiter und trifft sich zwecks gemeinsamer Studien zu Fragen der Rechtsstaatlichkeit (von Johannes Agnoli dargelegt) am Donnerstag, den 9. Dezember vor dem Eingang der Inlingua-Schule (Röntgenring 4, not far from the Bahnhof), um 18 Uhr.
C ya.