Archiv für August 2010

Enderwitz zum Zweiten

Es ist an der Zeit, dass wir den zweiten Versuch unternehmen, uns mit dem komischen Ideologie-Text von Ulrich Enderwitz auseinanderzusetzen. Und zwar am Monatg, 17 Uhr. Weil das Wetter draußen in den letzten Tagen nicht sehr gemütlich war, werden wir uns wohl wieder drinnen treffen. Hört auf die Stimmen in euren Köpfen, sie werden euch zum Treffpunkt führen. Wie immer gilt es folgende Spielregel zu beachten: achtet auf den einheitlichen Dress-Code, der die besondere Gruppengeilheit auch dieses Mal unterstreichen soll; definiert euch durch etwas Undefinierbares (wird am Eingang kontrolliert); weh euch, wenn ihr nachher nicht drauf gewichst habt, wie tiefsinnig (ideologie)kritisch ihr seid! Denn das wird beim Auseinandergehen kontrolliert! Wer darin besonders fleißig war, bekommt vom ZK diese Medaille hier verliehen –

orden

Bis denne.

So kommen wir nicht weiter. Bleiben wir also liegen!

Es ist nichts entschieden im alltäglichen Kampf gegen das Sommerloch. Manchmal kotzt es zurück und mensch muss sich selber am Schopfe (notfalls tun’s auch andere behaarten Körperstellen) packen und wieder rausziehen. Kein Automatismus im gesellschaftlichen Fortschritt eben. Wie es in der doitschen Übersetzung von Bob Blacks „Abolition of Work“ vollkommen treffend heißt: „Oblomowismus und Stachanowismus sind zwei Seiten derselben entwerteten Münze“.
(Wir hätten es zwar „Oblomowschina“ und „Stachanowschina“ genannt, ist aber etwas für Slavistik-SpezielistInnen und nicht so wichtig.) Viel wichtiger ist es, den eigenen Arsch wieder in Bewegung zu setzen.

holidayZyeah

Offenbar hat sich BiKri zurückgezogen und bemüht sich recht halbherzig um ein neues Treffen, während die Stimmen im Kopf nachlassen. Ja, sie wirken ferner und ferner. Machen sie Urlaub irgendwo in der Pampa zwischen Main und Neckar? Saufen sie in Frankreich? Sind im geräucherten Russland stecken geblieben? Wir sind verunsichert.

Vielleicht hilft es einem oder einer sich zu zerstreuen oder umgekehrt (wieder) zu konzentrieren:

„Vom Zentrum zur Peripherie“ von Alfredo Bonanno für alle an Organisationsformen, insbesondere an affinity groups Interessierten;
„Kritik der bürgerlichen Öffentlichkeit“, für alle, die gerne etwas meinen;
„Die Schule. Ein Frevel an der Jugend“ von Walther Borgius, erschienen 1930 und immer noch nicht veraltet, für alle kleinen Schulmädchen empfehlenswert;
für diejenigen, die für Leo Tolstoj etwas übrig haben, findet sich womöglich irgendwas in der diesjährigen „Erkenntnis“;
und dieses Interview, falls jemand Occupy California Bewegung noch nicht vergessen hat;
„Clandestinity and Appearance“ für diejenigen, die mal gerne von der Oberfläche verschwinden;
„Sonogram of a Potential“ für Tiqqunbegeisterten;
und eine Erwiderung auf The Comming Ins-erection für alle, die hoffen, selber mal für Resonanzen zu sorgen.

Eigentlich, wer gesucht hat, wurde schon längst selber fündig. So wie wir.
Warten wir ab. Während dessen wollen wir schauen, was der liebenswerte angebliche Bankräuber Alfredo Bonanno so alles zur Organisationsfrage zu sagen hat.

Fail Trade & Co

Es ist manchmal sehr interessant, wie manche Menschen dem Sog des Sommerlochs in Würgtown zu entkommen versuchen. Kaum zu glauben, ist einmal die übliche Klientel des Bildungsstreiks (soweit mensch von solcher sprechen kann) aus der Stadt, geschehen durchaus amüsante Sachen. Zu unserer Schande müssen wir gestehen, bei Critical Mass waren wir nicht und können folglich auch nicht einschätzen, was das für Menschen sind und ob sie mit dieser Stadt und diesem Sommer mehr Probleme haben, als dass in Würgtown kein nötiger Respekt den FahrradfahrerInnen entgegengebracht wird. Auch beim CSD neulich sind wir nur zufällig vorbeigelatscht und haben nur wenige Worte aus irgendeinem interessanten Vortrag oder Aufruf aufgeschnappt. Hoffen wir nur, dass es nicht wirklich so todlangweilig war, wie es aussah: Info-Stände der Linkspertei (die Gerüchten zufolge in näxter Zukunft mit Hamas fusionieren wird), der SPD (gääähn!) und dergleichen unter dem Banner mit dem unverständlichen, aber bestimmt gut gemeinten Namen „Toleranz-Fabrik“. (Was uns so alles bei diesem Namen durch den Kopf schießt, ist kaum zu beschreiben…)

Ob mensch das Sommerfestival von xyeahx zu außergewöhnlichen Veranstaltungen zählen könnte, ist nicht uns nicht ganz klar. Anständiges Musik-Fest für Alternativbewegte, das sogar liebeswürdigerweise mit dem Spruch „Hier ist Kapitalismus, kein Fair-Trade“ warb. Nun, geschuldet war das der Ansammlung von diversen Es-gut-mit-dieser-Welt-Meinenden in der näxten Nähe: auf der Bastion neben dem Cairo. Denn ja, dieses Publikum, so friedfertig es ist, kann sehr nervtötend und verstörend sein.

Einige SchülerInnen und StudentInnen, die aus ungeklärten Gründen immer noch in der Stadt sind, und Menschen, die eher nach Angestellten, Verbeamteten u.Ä. ausgesehen haben, versammelten sich, um faire Brötchen mit fairen Getränken zu konsumieren, fair nachgespielte MTV-Musik zu hören. In den Pausen dazwischen konnte mensch sich von Attac, INWO, Greenpeace und anderem guten Gewissen unserer Epoche erklären lassen, wie die Welt sich noch fairer gestalten ließe. Sogar der mittelmäßige Börsenkommentator der n-tv R. Brichta beehrte Würgtown mit einem Vortrag über unser böses Geldsystem. Die dargebotene „Analyse“ war so tief, dass es einem / einer beim Blick in die Tiefen schwindelig wurde. Oder viel mehr: (kotz)übel. Nun, wir glauben tatsächlich, dass es objektive Gründe gibt, warum Mittelschichten so und nicht anders ticken, warum sie, wenns heikel wird, Zuflucht bei Silvio Gesell und INWO suchen, aber nur Zuflucht und eben keine Lösungen oder Erklärungen. Brichta und sein begeistertes Publikum waren am Verstehen nicht interessiert, obwohl das ganze natürlich als „Aufklärung“ verkauft wurde. Das ist wohl auch der Grund, warum bei denen immer Geld, Zins, Zinseszins, gierige Heuschrecken-Manager und doofe PolitikerInnen das Thema sind, aber nicht die Wirtschaftsweise dieser Gesellschaft, auch Kapitalismus genannt. So sehen sie notwendigerweise nur etwas Dunkles und Bedrohendes im Hintergrund und verstehen sich (auch unser Aufklärer Brichta, welch Überraschung) auf Geschwafel von bösen Welteliten und sonstige Verschwörungstheorien. Entsprechend „radikal“ waren auch die Lösungsvorschläge für „unser“ Gelgproblemchen: ab und zu auf „Reset-Knopf“ drücken, damit einige Nullen in der Rechnung sich in Luft auflösen. Die „permanente Währungsreform“ lässt Genossen Trozki alt aussehen…

Nun fragt sich, was wir auf dem Festival gesucht haben? Mittelschichten bekehren? Schüler für unseren mega-coolen Lesekreis zu gewinnen? Wir wollten widersprechen, was allerdings armselig ausfiel. Mensch kann wahrlich niemandem vorwerfen, sich diesem Fest der verkürzten Kapitalismuskritik verweigert zu haben. Schade aber, dass so tapfere und entschlossene Antifa, die so gerne bei Kleinigkeiten und Bedeutungslosigkeiten wie Würgtowns Linke Antisemitismuskeule schwingt und so viel über Israel zu wissen scheint, zum weit verbreiteten strukturellen Antisemitismus unter Würgtowns anständigen Leuten schweigt. (Apropos, eine taktische Überlegung für die Linke – Eintrittsgeld für Veranstaltungen zu verlangen, um sich von unangenehmen Fragen abzuschotten. Wir glauben sogar, es wird tatsächlich funktionieren).

Auch diesmal waren wir kurz davor entfernt, ins verhasste Sommerloch zu kotzen. Und das war wirklich knapp. Begeben wir uns auf die weitere Suche und gehen wir mit vereinigter Kraft an diese ehrenwerte Aufgabe! We’re on the mission! Kein Fußbreit dem Sommerloch!

(Im Übrigen denken wir, dass die Dialektik von Kotze und Sommerloch wirkliche einer näheren theoretischen Auseinandersetzung wert ist. Vielleicht kommts sogar noch eines Tages dazu. Oder auch nicht.)
Bis die Tage.