Archiv für Januar 2010

Sind wir denn noch aufzuhalten?

Während in der ganzen Welt (und im Weltall sowieso) ein katastrophisches Ereignis das nächste jagt, bleibt das kleine Würgtown davon leider verschont, erinnert doch Phase 2.0 der Bildungsproteste in ihren Aktionen und ihrer ganzen Rhetorik verdächtig an die Phase 1. Der Schmusekurs, schmierige „offene Briefe“, Pressekonferenz-Androhungen und (ja, das haben sie auch drauf, diese Linksextremisten!) Kinder-Faschingsumzug durch die Universitätsräume. Wer die Phase 1 verfolgt oder die „offenen Briefe“ gelesen hat, wird merken, dass es nicht von Ungefähr kommt, wenn die liebe Obrigkeit die ProtestlerInnen nicht ernst nimmt. Ob mensch nun die eigene infantile Bindung an die Vater-Figur durch einen Faschingsumzug offen bestätigt oder nicht, ist nicht mehr wichtig. Da wir aber guten (Standpunktssache, natürlich) Willens sind, haben wir in alten, magischen Büchern gewühlt und eine schöne Aktionsidee für Studis ausgesucht:

Wenn jedoch der Fluch einer Institution oder einem Unternehmen gilt, brauchst du folgendes: ein hartgekochtes Ei, einen Eisennagel & drei Eisennadeln (Nagel & Nadeln in das Ei stecken!); einen getrockneten Skorpion, eine getrocknete Eidechse &/oder Käfer; einen kleinen Lederbeutel, der Friedhofsdreck, magnetisierte Eisenspäne, Asa foetida & Schwefel enthält & und mit einem roten Band zugeschnürt ist. Nähe den Zauberspruch in gelbe Seide & versiegle ihn mit rotem Wachs. All diese Dinge dann in eine Flasche mit breitem Hals stecken, verkorken & mit Wachs versiegeln. Die Flasche kann nun sorgfältig verpackt & an die Ziel-Institution verschickt werden… Eine Kopie der folgenden Erklärung wird beigepackt (weitere Kopien können an einzelne Angestellte verschickt werden &/oder heimlich an Wände in der Umgebung des entsprechenden Gebäudes geklebt werden):
Malaiischer Fluch des Schwarzen Dschinn
Dieses Gebäude wurde per schwarzer Magie verflucht & der Fluch nach korrekten Ritualen aktiviert. Auf dieser Institution lastet ein Fluch, weil sie die Imagination unterdrückt & den Intellekt geschändet hat, die Künste zur Abstumpfung, spirituellen Sklaverei und zur Propaganda für Staat & Kapital, puritanische Reaktion, ungerechte Profite, Lügen & ästhetischen Müll degradiert hat. Die Angestellten dieser Institution befinden sich nun in Gefahr. Es wurde kein Individuum verflucht, aber der Ort selbst ist von Pech & Unheil heimgesucht. Diejenigen, die nicht aufwachen & kündigen oder Sabotage am Arbeitsplatz betreiben, werden nach und nach diesem Fluch unterliegen. Den Auslöser dieses Fluches beseitigen oder entfernen wird nichts helfen. Er ist an diesem Ort gesehen worden & der Ort ist verflucht. Beharrt auf eurer Humanität & revoltiert im Namen der Imagination – oder seid (im Spiegel dieses Zauberspruches) als Feind der Menschheit gebrandmarkt.
Wir schlagen vor, im Namen irgendeiner offensiven kulturellen Institution wie etwa der American Poetry Society oder der Women’s Anti-Porn Crusade (mit vollständiger Anschrift) »die Verantwortung zu übernehmen«. […] Der Fluch des Schwarzen Dschinn ist nur ein erster Schritt in der Kampagne des Poetischen Terrorismus, der – davon sind wir überzeugt – zu anderen weniger subtilen Formen der Insurrektion führen wird.

Entnommen dem wunderbaren Buch von Hakim Bey „T.A.Z. Die Temporäre Autonome Zone“, 1994.

Bevor wir uns zum (vorerst?) letzten Mal am 11. Februar im Fachschaftskeller treffen, um über „Die Entschulung der Gesellschaft“ von Ivan Illich zu diskutieren, kann es gut sein, dass wir uns am 30. Januar in Frankfurt am Main auf der Demo „Uni gehört allen!“ sehen. Mal so, aus Spaß, obwohl Veränderungen, Formulierungen oder Erkämpfen von irgendwas auf einer Latschdemo mit Sicherheit nicht stattfinden.
Ĝis revido!

Alle reden von Bildung. Nur wir nicht! Nicht diesmal.

Die Stimmen im Kopf sind wieder da! Hurra, wie gewisse Menschen zu sagen pflegen. Als der kirchliche Weihrauch im Alltag verflogen ist und die Stimmen nicht mehr am Sprechen hindert, hören wir: Trefft euch am 14.01. im Fachschaftskeller am Joseph-St[r]angl-Platz 2 wie gewohnt, führet euch aber davor noch „Staat des Kapitals“ von Johannes Agnoli zu Gemüte und besprechet es dann. So sei es, denn es kommt uns in der Tat sehr gelegen – der wahre Grund für die Lektüre ist eben nicht, dass Kritik am Bildungssystem ohne Gesellschaftskritik sinnlos ist oder dass die so genannten Bildungsproteste der deutschen Mittelschichtskinder zur blinden Staatsgläubigkeit neigen, sondern: wir haben uns das seit Langem vorgenommen, sind aber bis jetzt nicht dazu gekommen. Ja, wir stehen auf den ehemaligen Mussolini-Fan Agnoli so sehr, dass wir uns anschließend (wird sich eher spontan ergeben) sogar einen Film namens „Das negative Potential“ mit Agnoli in Hauptrolle antun. Unter der massiven Anwendung von Billigbier zwecks Bewusstseinswiederverengung, versteht sich. Für alle VIDEMA- und GEMA- und sonstige Lizenz-Begeisterten: dies ist keine Ankündigung einer öffentlichen Filmvorführung. Diejenigen, die von den Stimmen im Kopf zusammengetrommelt werden, kommen schon selber. Ohne Einladung, wie immer übrigens.
Auch die Welt regt sich wieder ein wenig nach der schrecklich stillen Nacht: Der böse Forchel hat die Max-Scheer-BesetzerInnen schließlich reingelegt. Auch anderswo wurde geräumt… Die Hintergangenen fragen sich: Wie konnten die Obrigkeiten das bloß tun?! Um uns bildlicher Sprache zu bedienen:

come again?!

Das merkt mensch sich schon irgendwann und wir wünschen viel Spaß dabei. Nun wähnt sich das Audimax-Team in Würg in der Phase 2.0. Kommt uns irgendwie bekannt vor und wir würden uns sehr freuen, wenn die Studis eine Zeitschrift oder eine Zeitung mit diesem Namen gründen, selbstkritischer und militanter sein würden.
Ansonsten gibt es noch ein paar Veranstaltungen, bei denen mensch sich berieseln lassen, Soft-skills einüben und ECTS-Punkte fürs Leben sammeln kann. Z.B.: am 13.01. ein Vortrag zu 1917 und dem Kronstädter Aufstand im Kult um 19 Uhr; am 18.01. ein Vortrag über Bildung und die UNO an der Sanderuni um 20 Uhr; am 21.01. eine Podiumsdiskussion über Bildung in der KHG um 20 Uhr (u.A. mit dem Elitenforscher Prof.Dr. Michael Hartmann, den Soziologen sieht mensch zwar öfters im Fernsehen, der ist aber schon anständiger als Sloterdijk); am 26.01. eine Lesung zu Grenzen des Wachstums in Aschaffenburg, Cafe Schwarzer Riese um 19 Uhr.

Fast schon traditionell führten uns die Stimmen im Kopf zielsicher zu folgenden, sorgsam zwischen den Pornoseiten versteckten potentiellen Brocken Wahrheit im Internet:
Ohne Bologna! Eine Anmerkung zu den aktuellen Studierendenprotesten,
Der Protest erreicht eine neue Qualität,
Uni als Unterwerfungsinstanz.

Ob sich jemand aus welchen auch immer Gründen dafür interessieren soll, wollen wir nicht einmal wissen. Wir tun eh nur das, was die Stimmen sagen, und sie sagen, wir sollten langsam mit diesem Quatsch hier aufhören. Kommt uns wiederum sehr gelegen.

Ihr wisst, was zu tun ist. Wir sehen uns am St[r]angl-Platz.