Von Bildungsprotesten der Erwachsenen

Die bewegte, lebendige, „pulsierende Metropole Unterfrankens“ (so steht es tatsächlich auf manchen Ansichtskarten) schafft es immer wieder, in uns ein merkwürdiges, einzigartiges Gefühl hervorzurufen, welches sich aus Faszination und Entsetzten zusammensetzt. Das ist zwar nicht neu, aber mensch darf einfach die Pflicht, darüber vernünftig zu berichten, nicht vernachlässigen. Das sind wir schuldig – wenn nicht jemand anderem – unseren schmerzenden Hirnen aber allenfalls.

667!

Wir haben uns am 15.01. den „empörten Würzburgern“ in ihrem gemütlichen Protest-Spaziergang durch die Innenstadt probeweise angeschlossen. Würzburger Attac-Gruppe und ihr Dunstkreis erdreisteten sich diesmal in der etwas wahllosen Bezugnahme auf die spanischen „Empörten“, auf die Occupy-Bewegung in den USA und soziale Aufstände in arabischen Ländern. Kann mensch aus diesen Aufständen, die teilweise in Form von Bürgerkriegen ausgefochten wurden und immer noch werden, denen aber – was viel wichtiger ist – Streiks und ArbeiterInnen-Unruhen zugrunde liegen, zahnlose Forderungen nach formeller „Vertiefung der Demokratie“ im Sinne der Herrschaftsform im Staat ableiten? Kann mensch aus der Solidarität mit (zwar auch etwas wirren) spanischen und US-amerikanischen Bewegungen eine Fair-Trade-Veranstaltung vor der leeren Filiale der Doitschen Bank in der Julius-Promenade machen? Offensichtlich schon. Wie haben es mit unseren eigenen Augen gesehen und unseren eigenen Ohren gehört. Das ist der schizophrene Citoyen-Aufstand der zutiefst doitscher Art, der in unsicheren Zeiten leicht hysterisch wird und seine Bourgeois-Hälfte abspaltet und „nach oben“, in gierige Bänker und PolitikerInnen verlagert. Die waren´s, die es verbockt haben. Und wir empören uns hier ein bisschen in Begleitung von gut gelaunten Vollzugsbeamten. Nun, das sind die angeblichen „99%“, die mit ihren Forderungen nach mehr Volksentscheiden, nach mehr ehrlichen Landestragabgeordneten, nach „gutem“ Geld, „fairen“ Preisen und – natürlich! – nach guten, anständigen, volksnahen Banken so ungefähr 99% dieser Krise, dieses ungeheuren Schlamassels, das wir immer noch sentimental als Gesellschaft bezeichnen, retten und verteidigen wollen.

Die Totalität dieser Dummheit wirkt erdrückend und ihr Enthusiasmus und unerschütterliches Selbstvertrauen rufen in uns das Gefühl der Ohnmacht hervor. Nehmen wir mal den an derselben Schizophrenie gescheiterten Aneignungsversuch, der sich in Würzburg „Bildungsprotst“ oder gar „Bildungsstreik“ nannte, als Bild für das vorherrschende empörte öffentliche Bewusstsein. (Dass die allgemeine Misere nicht in den Bildungsprotesten 2009/2010 begründet liegt, sondern umgekehrt, ist uns natürlich bewusst. Wir nutzen den Vergleich aus didaktisch-pädagogischen Gründen.) Mensch kann sich darüber nicht mehr lustig machen. Da stimmen wir Mag Wompel zu: Jahrzehnte der sozialen Befriedung haben das gesellschaftliche Gedächtnis praktisch ausgelöscht, und die gegen Bänker gerichteten Exekutions-Phantasien wirken tatsächlich mittelalterlich. Aber es graut uns manchmal einfach. Da sind z.B. IG Metal und der DGB, die aller Ernstes die Krise mit Abwrackpremien, Kurzarbeit und dem Abbau der Koalitionsfreiheit abwehren wollten; da ist die bayerische Landes-ASTen-Konferenz, die statt die Position der Studenten und Studentinnen einzunehmen, die kein Geld für Studiengebühren aufbringen können, dem bayerischen Landtag und dem Kultusministerium in höflichen Briefen ihre Sorgen um den Standort Bayern darlegt, ohne sich dafür im Geringsten zu schämen. Finden Sie 10 Unterschiede! Da sind Leute, die sich warum auch immer darüber empören, dass „Coca-Cola weniger kostet, als Wasser“ (O-Ton eine empörte Tante vor der Doitschen Bank am Sonntag) und nicht darüber, dass so was überhaupt kostet, dass es so was widersinniges wie Wert überhaupt gibt. Da sind Menschen, die zum Vortrag von Ortlieb im Noien Weg (17.11.) kommen, nicht um sich kritisch auf seine Thesen zur Wertform einzulassen, sondern um in der Diskussion ihren sorgsam bei Spiegel, FAZ oder Focus angeselenen Hirnschiss stolz in den Raum zu stellen. Oder, die zum Marx-Lesekreis kommen, nur um ihre Freigeldlehre-Bücherchen zu präsentieren. Sie dürfen wieder nach 10 Unterschieden suchen. Oder welche, die im Jahre 2012, trotz (möglichen) besseren Wissens, immer noch daran festhalten, es sei „keine Krise, sondern Betrug“ (so ein Plakat am 15.01. in Würg). Stimmt schon, wäre es tatsächlich eine Krise, könnte mensch sich nicht wirklich empören… Schließlich sind wiederum „bunte“ Menschen da, die sich an den rechtskonservativen und antidemokratischen studentischen Verbindungen in dieser Stadt nicht stören, denen aber angesichts plötzlich aus dem Nichts kommenden Neonazi-Terror nichts außer eines gemütlichen Lichterzugs durch die Innenstadt am 23.01. einfällt – die Lieblingsbeschäftigung aller protestierender StudentInnen schlechthin. Wahrlich, das Vertrauen der Deutschen in die Fähigkeit des Souveräns, die Krise zu meistern und die so genannte Gesellschaft wieder zusammen zu fügen, ist unerschütterlich. „Das historische Beispiel des Nationalsozialismus wirkt hier fort: hat Hitler etwa nicht nicht die letzte grosse Krise bewältigt? Ist die Bändigung des Kapitals, seine Unterordnung unter den Souverain nicht schon einmal gelungen? Warum sollten die Deutschen nicht annehmen, dass es jedesmal wieder möglich wäre?“ („Deutschland und die Krise“, Das grosse Thier I)

Herrschaftszeiten, warum, wieso sind sich diese soziale Erscheinungen, die z.B. hier in der Stadt personell nur zum Teile was gemeinsam haben, so ähnlich?! Aber so ähnlich?! Vor allem aber so ähnlich begriffslos und unnütz? Liegt das nicht auch an uns, BesserwisserInnen und zynischen KlugscheißerInnen, das diesem Kinderfest ein Ende gesetzt wird, bevor die Würzburger Montagsspaziergänge anfangen Kinderbolognese vom Bahnhof zum Rathaus zu tanzen? Wieso, beim großen Durutti, wollen sie Banken besetzen? (Oder vor denen Fair-Trade-Veranstaltungen abhalten?) Das unnötigste Ding ever, es sei denn mensch wollte eigentlich nicht wirklich Banken los werden. Wie wär´s mit leer stehenden Hoisern, mit den immer toier werdenden Zügen der DB, mit den Bussen und Straßenbahnen, mit den sonstigen WVV-Stadtwerken, die den „Geringverdienenden“ dieser Kackstadt jetzt schon ziemlich weh tun? Wäre das nicht um einiges „demokratischer“ als sich ein bisschen weniger korrumpierte PolitikerInnen an den Hals zu wünschen?

Nun, sehen wir was am 31. März passiert. Ansonsten – wenn wir nicht am Heizkraftwerk im warmen Wasser mit den Enten plantschen – verbleiben wir mal so großmoilig: Wir sind die 1%! Fuck you!

Aus der beliebten Reihe: BiKri deckt auf!

Heute: Was hat es mit diesem 1% auf sich? – Wir haben sie für euch ausfindig gemacht, diese geheimbündlerische „1%-Elite“ (die ja aber gleichzeitig nur eine angebliche ist.. naja, irgendwie sowas, wir finden es auch total ok, dass wir noch nich alles über Politik wissen, aber wir können es doch… lernen! Gemeinsam! Ja!). Die Elite, gegen die sich ein ganzes Volk mittlerweile seit 1000 Tagen friedlich (natürlich..) zur Wehr setzt (hmm, das ganze Volk? Nun ja, zugegebenermaßen gibt es da noch dieses kleine Dorf.. – egal!). Hier, jetzt, endlich und exklusiv in der BiKrIllu……: Der ganze Betrug! Enthüllt! Ein nicht wiederlegbarer Beweis für die tagtägliche Manipulation durch „elite“ (also die angebliche..). Überall hat die Elite ihre Finger im Spiel! Wacht alle endlich auf und macht mit! Empört euch gegen die, die immer nur dagegen sind und alles bloß schlechtmachen! Seid für eine friedliche Welt ohne Elite! Apfel statt Ananas! Liebe statt elektrischem Licht!

„Es einnert mich an Februar in Libyen…“

Interview mit einem Anarchisten aus Russland
[Und noch ein mal ein – hoffentlich spannendes Interview. Es war abzusehen, dass Oberst Putin genau wie Oberst Kaddafi es irgandwann mal zu weit treibt, zu unverschämt wird. Dennoch ist die Hoffnung auf einen wirklichen Umsturz in Russland noch zu wage, noch zu fern, nach einem Bürgerkrieg ist uns z.B. nicht – aber den Tschetscheniern wars auch nicht – und der großrussische Nationalismus ist leider immer noch viel zu stark. Aber dass der ehemalige KGB-Offizier so elendlich in der Pissrinne mit einer Kopfverletzung abkratzt wie sein libyscher Kollege, das wünschen wir ihm nicht. Trotz allem nicht, obwohl wir schon fucking viele Gründe dafür hätten… Der folgende Text ist, wie gesagt, hoffentlich, spannend und wer zwischen den Zeilen lesen kann, wird – wie immer – doppelt belohnt. Oirer BiKri.]

hghjhgh4845645 Lass uns damit beginnen, dass du dich selbst kurz vorstellst und über deine Gruppe erzählst.
Hallo erst ein mal. Ich repräsentiere Anarchistische Gruppe aus Moskauer Region (PGA), die, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, seit 2008 existiert. Bis vor kurzem waren wir Mitglied in der Assoziation der Bewegungen der AnarchistInnen (ADA), aber aufgrund von Konflikten waren wir gezwungen, die Mitarbeit in dieser Organisation aufzukündigen (obwohl einige von uns da immer noch sind). Unsere ideologische Zugehörigkeit ist schwer zu beschreiben, ich kann nur eines sicher sagen – dass alle GenossInnen sich selbst als AnhängerInnen des sozialen Anarchismus ansehen, seien es Syndikalisten, Kommunisten oder Individualisten. Wir treten immer für direkte Demokratie und soziale Gerechtigkeit ein und stehen für antiimperialistische Positionen (denn Russland scheint uns ein viel gefährlicheres Imperium als die USA). Die Gruppe leistet seit Jahren agitatorisch-propagandistische Arbeit, gibt Flugblätter und Zeitungen mit geringer Auflage heraus. Insgesamt handeln wir nicht so wie die Mehrheit russischer AnarchistInnen – schlecht besuchten Kundgebungen mit Elementen von Punk-Konzerten haben wir schon immer Treffen mit streikenden Arbeitern oder Einwohnern, die für den Erhalt von Parks und Wäldern kämpfen (ein sehr brisantes Thema in Russland), vorgezogen; Aktionen gegen den Krieg in Tschetschenien, landesweite Kampagnen für Arbeiterrechte (die von Mitgliedern der Konföderation Revolutionärer Anarcho-SyndikalistInnen – IAA z.B. vernachlässigt und in Grund und Boden kritisiert werden). So ungefähr.

Könntest du die aktuelle ökonomische und politische Situation in Russland beschreiben? Anders gesagt, wie sehen die Anarchisten der PGA das heutige Russland?

Naja, es ist ziemlich einfach – wir sind der Meinung, dass wir ein ziemlich offen autoritäres staatskapitalistisches Regime haben. Große Konzerne sind so stark in den Machtapparat eingebunden, dass nicht einmal klar ist, was zuerst da war – entweder hat der Staat sich Anteile in diesen Unternehmen unter den Nagel gerissen, oder haben die Unternehmen eigene Leute in führende Posten gesetzt. Medwedjew z.B. war eine Weile lang in der Führungsebene von „Gasprom“, des mächtigsten Konzerns in Russland. Und fast jeder Direktor eines Industrie- oder landwirtschaftlichen Betriebs oder einer Bildungseinrichtung ist Mitglied der Partei „Einiges Russland“. Sieht der UdSSR ähnlich, die die Planwirtschaft gegen etwas anderes eingetauscht hat (als freien Markt kann man unsere Wirtschaft wohl nicht bezeichnen).

Hinsichtlich der politischen Freiheit ist es im Prinzip genau so schlimm: für das Anbringen von Flugblättern kann man einfach 5 Tage Arrest bekommen, Druckereien sind für das Drucken von politisch heikler Literatur unzugänglich, das Internet wird in Bildungseinrichtungen oder mancherorts sogar in privater Nutzung zensiert.

Aber seit Dezember dieses Jahres wackelt die Macht und ist gezwungen worden, sich unter dem Druck von großen Demonstrationen zurück zu ziehen. Außerdem möchte ich anmerken, dass bereits seit 10 Jahren in den südlichen Regionen ein bewaffneter Konflikt entlang der Linie Polizeieinheiten / Partisanen von Kaukasus andauert. Wir neigen nicht dazu, dies für Aktivitäten einer mysteriösen Al-Qaida zu halten, daran ist in erster Linie die brutale und zynische Politik der Machthaber schuld.

Was die soziale Lage angeht – damit ein durchschnittlicher russischer Bürger sich z.B. ein modernes Fernsehgerät kaufen kann, muss er 2-3 Monate was vom Lohn zurücklegen, häufiger ein halbes Jahr lang. Um eine Wohnung zu kaufen, muss man entweder Jahrzehnte lang sparen, oder einen Kredit bei einer Bank aufnehmen. Damit will ich keine Statistiken auspacken, sondern am Beispiel zu zeigen, was und wie bei uns passiert.

Wie ist die Situation in der libertären / anarchistischen Bewegung Russlands (oder der ehemaligen UdSSR)?
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Kurze Geschichte über den Vater und die kleine Konstruktion der Konstruktion

Es war kalt und fing an dunkel zu werden. Es nebelte. Er stand an eine Laterne gelehnt und schaute durch das Fenster nach draußen. Er aß eine Erdbeere. Der Vater war nicht da. Und doch war er da. Obwohl er nicht da war, war er da. Ja, gerade, weil er nicht da war, war er da. Er war da und gleichzeitig nicht da. Mit anderen Worten, er war sowohl da als auch nicht da.

Ihr wusstet alle, dass es so kommen würde…

…dass es früher oder später unvermeidlich passieren würde. Ihr dachtet jeden Tag und jede Nacht daran. Ihr habt’s so vermisst, dass ihr beinahe physische Schmerzen hattet. Schweißausbrüche, dramatische Stimmungswechsel und Selbstzerstörung…

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Und jetzt? Ironischerweise gleichzeitig mit unserem Lieblingszombie des Bildungsprotests, versucht auch der BiKri wieder aufzustehen, die Stimmen im Kopf rufen oich nach Sanderau, als hättet ihr eh nicht schon genug um die Ohren…
Und ihr wart natürlich artig, habt selbstverständlich den altertümlichen Text zu Tripple-Opression-These oiphorisch überflogen und könnt es nicht erwarten, bis ihr am 15.11. gegen 20:30 in Sanderau antanzen dürft. Na, wenns wirklich so ist – schmerzlich willkommen!

Davor aber, falls ihr Zerstoiung nach dem entfallenen Vortrag von Jürgen Mümken sucht, bieten sich das Femfest oder „Doitschland Lagerland“ Konferenz an. Oder auch die Linke Literaturmesse in Nürnberg, warum auch immer. Ist zwar nicht ganz der Christkindlesmarkt, geht aber auch. Dazu ein Zitat von der AG Kritische Theorie:

…„alternativ zum kapitalistischen Mainstream“, das bedeutete in Nürnberg immer schon, ein Gruselkabinett der neo-stalinistischen Antike auszustellen. Das Beste an der Linken Literaturmesse waren stets die Antiquariate. Der Rest: all die Maoisten, linksverwirrten Sozialdemokraten, Operaisten, Ernst Thälmann-, Walter Ulbricht- und Josef W. Stalin-Trauervereine, dazu die Enver Hodscha-Anhänger, die Befreiungsnationalisten aller Fraktionen, all die leidenschaftlichen AgitProp-Vereine gegen Heuschreckenplagen, für Tierschutz und jedenfalls und immer vorwärts (oder: rückwärts) gegen Israel – dazwischen, als Platzhalter revolutionärer Restvernunft, einige wenige traurige Anarchisten und die Marxisten-Sophisten der Gruppe Gegenstandpunkt, dazu Graswurzel-Revolutionäre, DKP-Funktionäre, ein paar Trotzkisten, und nicht zu vergessen die Kollegen von der Internationalen Kommunistischen Strömung, bei denen man die Schriften des KPI-Mitbegründers Amadeo Bordiga erwerben kann, insbesondere dessen Traktat „Auschwitz oder das große Alibi der Bourgeoisie“, einen Grundlagentext der Holocaust-Leugnung von links. Diesem Gruselkabinett präsidiert, gewissermaßen als ihre ideelle Gesamt-Journaille, die Berliner Tageszeitung „Junge Welt“.

Das war und ist die Linke Literaturmesse. Und es war schön und gut so, wie es war. Denn in Nürnberg konnte man im Recycling-Hof der Linksgeschichte stöbern und einmal im Jahr einen Blick werfen in einen Abgrund der Gegenaufklärung, der seinesgleichen sucht.

Also, Wurst und Proust, Genossen!